Melodien von Lehár und Strauß, dargeboten von einer Militärkapelle, begleiteten den Trupp, und das Startsignal "der Lokomotive, die uns zum Schlachtfeld führen sollte, verlor sich in den verwehten Trommeln und Trompeten, während unser Zug dem Tod entgegenglitt". Dies schrieb Roth am 17. April 1932 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, als Vorwort zum "Radetzkymarsch" vor dessen Feuilletonabdruck.

Ort der Erinnerung

Endlos lang ist die Liste all der Züge, die von Bahnhöfen in das Grauen fuhren. Auch der 2001 verstorbene deutsche Schriftsteller W. G. Sebald wählt den Bahnhof als Erinnerungsort dunkler Historie, thematisiert allerdings auch die Bahnhofsarchitektur. In seinem letzten Werk, "Austerlitz", kreuzen sich auf der Antwerpener Centraalstation die Wege des architekturbegeisterten Ich-Erzählers und des jüdischen Kunsthistorikers Jacques Austerlitz.

Austerlitz erläutert seinem Gegenüber anhand des Antwerpener Bahnhofs den "Baustil der kapitalistischen Ära". Ein Londoner Bahnhof wiederum legt ihm den Weg in seine eigene, verdrängte Lebensgeschichte frei: "Jedesmal, sagte Austerlitz, wenn ich auf dem Rückweg ins East End in der Liverpool Street Station ausgestiegen bin, habe ich mich ein, zwei Stunden zumindest dort aufgehalten, saß mit anderen, am frühen Morgen schon müden Reisenden und Obdachlosen auf einer Bank oder stand irgendwo gegen ein Geländer gelehnt und spürte dabei dieses andauernde Ziehen in mir, eine Art Herzweh, das, wie ich zu ahnen begann, verursacht wurde von dem Sog der verflossenen Zeit." Austerlitz war von seiner Mutter 1939 mit einem Kindertransport von Prag nach England geschickt worden. An der Liverpool Street Station übernahmen ihn walisische Pflegeeltern. Seine Mutter wurde Opfer des Holocaust, die Spur des Vaters verliert sich in einem Internierungslager in den Pyrenäen.

Mitunter werden Bahnhöfe zu Schauplätzen der Weltgeschichte, ohne dass die Tragweite einer Ankunft oder Abreise sich sogleich für jedermann offenbart: Am 9. April 1917 traf am Bahnhof Zürich eine Gruppe von etwa dreißig Leuten ein: "Ihre Ankunft . . . verursacht keinerlei Aufsehen. Es sind keine Reporter erschienen und keine Photographen. Denn wer kennt in der Schweiz diesen Herrn Uljanow, der . . . da inmitten eines Trupps mit Kisten beladener, korbbepackter Männer und Frauen schweigsam und unauffällig einen Platz im Zuge sucht . . . Um drei Uhr zehn Minuten gibt der Schaffner das Signal. Und der Zug rollt fort nach Gottmadingen, zur deutschen Grenzstation. Drei Uhr zehn Minuten, und seit dieser Stunde hat die Weltuhr andern Gang." Herr Uljanow ging unter dem Namen Lenin in die Weltgeschichte ein (Stefan Zweig, "Der versiegelte Zug", in: "Sternstunden der Menschheit").

Seit es Bahnhöfe gibt, faszinieren sie vor allem als sozialer Raum. Der Bahnhof bietet, mit Robert Walser gesprochen, eine einzigartige Bühne des "Lebensschauspiels". Da wird Abschied genommen und Wiedersehen gefeiert, angespannt oder erfolglos gewartet, um passende Worte gerungen, geküsst, geweint. Bahnhöfe sind Projektionsflächen großer Gefühle und Sehnsüchte.

Kurt Tucholsky relativiert das theatrale Moment des Bahnhofs-Geschehens: In seinem Text "Der Bahnhofsvorsteher" sinniert er über die emotionale Abstumpfung des Bahnbediensteten: Er erfasse seine Welt mit der kalten Erfahrung des Routiniers, habe kein Auge mehr für die Dramen der "Taschentuchleute".

Tor in fremde Welten

Tagtäglich kommt es an Bahnhöfen zu geplanten oder zufälligen Begegnungen zwischen den Kulturen: Der italienische Autor Antonio Tabucchi entrückt die Leser seines "Indischen Nachtstücks" nach Mumbai, an den viktorianischen Prachtbahnhof "Chhatrapati Shivaji Terminus", wo ein Inder und ein Europäer einen lebensphilosophisch-kulturellen Austausch pflegen.

In der sozialen Sonderzone Bahnhof stranden mitunter auch Heimat-, Obdach- und Gesetzlose. Doch die Rückzugsecken werden rar: Der Konsum verwandelt Kassen- und Bahnsteighallen in Shoppingwelten, deren Klangteppich das menschliche Stimmengewirr und den Sound der Züge übertönt. Der Bahnhof ist eben "ein Gefäß für höllischen Lärm"; Stille hat nur in der Sixtinischen Kapelle etwas Heiliges; in der Bahnhofshalle ist sie heillos (Peter Weber, "Bahnhofsprosa", 2002).

Die als "Kathedralen der Moderne" bezeichneten Großbahnhöfe der Gründerzeit mit ihren historisierenden Fassaden, pompösen Kuppeln und gläsernen Bahnsteigüberdachungen boten Künstlern eine inspirierende Atmosphäre. In den nüchternen, funktionalen Bahnhofsneubauten gehen Romantik und Poesie verloren. Automaten lösen Schalterbeamte ab. Wie würde Peter Handke seine herrliche Groteske "Zugauskunft" (in: "Die Innenwelt der Außenwelt der Innenwelt") heute abfassen, die mit dem schlichten Satz beginnt: "Ich möchte nach Stock."?

Die Literatur stößt immer neue Bahnhofstore auf, in fantastische, fremde Welten. Ein solches Portal befindet sich im Londoner Bahnhof King’s Cross, zwischen den Gleisen 9 und 10: Dort, auf Bahnsteig 9 ¾, hat Joanne K. Rowling die Schwelle zu Harry Potters Fantasyland verortet.

Ingeborg Waldinger, geboren 1956, lebt als freie Journalistin in Wien und schreibt regelmäßig Reportagen und kulturhistorische Beiträge fürs "extra" und fürs "Wiener Journal".