Der bayerischeKabarettist und Satiriker Gerhard Polt, dem anlässlich seines 70. Geburtstag derzeit eine sehenswerte Ausstellung im Münchner Literaturhaus gewidmet ist (Titel "Braucht’s des?!"), ist der grundsätzlichen Ansicht: "Ein Mensch, der lebt, verdient keine Biografie". Aber wie lange soll man bei jemandem, der bereits mit 25 Jahren einen filmischen Nachruf auf sich selbst gestaltet hat ("Wer war André Heller?", 1972 vom ORF - auf ausdrücklichen Wunsch Gerd Bachers! - im Hauptabendprogramm gezeigt), zuwarten, bis all seine zur Unüberschaubarkeit neigenden Taten, Untaten, Talente, Erfolge, Pleiten und sonstigen Lebensspuren sich darstellen und bilanzieren lassen?

Es ist also durchaus sinn- und auch verdienstvoll, wenn nun, zu André Hellers 65. Geburtstag am 22. März, eine solche umfassende Biografie erscheint. Geschrieben hat sie der Wiener Journalist und Autor Christian Seiler, seit vielen Jahren ein intimer Kenner des Lebens und Werks von Heller, der ihm in vielen hunderten Stunden auch bereitwillig Einblick in beide Bereiche gegeben hat. Und Seiler hat - seit er 1989 in einem Pro & Contra-Beitrag im "Standard" als Fürsprecher Hellers in Erscheinung trat (die Gegenposition vertrat damals der Schriftsteller Antonio Fian, der A.H. - nicht nur wegen der Initialen- mit Adolf Hitler verglich . . .) - nie ein Hehl aus seinem wohlwollenden Interesse an dem Poeten, Musiker, Regisseur, Schauspieler, Zirkusdirektor, Polit-Aktivisten, Ausstellungsmacher, Feuerwerker, Weltreisenden und Gartenkünstler gemacht.

Trotzdem ist Seiler kein kritikloser Adorant, auch kein beweihräuchender Mythologe, sondern ein distanzierter, genauer Beobachter, der nicht nur Hellers Selbstbildnissen und -reflexionen folgt, sondern sich ein eigenständiges Urteil über diesen vielseitigen Menschen bildet. Und das kommt dieser Biografie zugute, die eben nicht in Heller-Manier geschrieben ist, also weder metaphernschwanger und poetisch-verklärend ausfällt noch assoziativ-satirisch und wortwitzreich, sondern in eleganter, nüchterner und doch bildhafter Sprache einen Überblick über die zahlreichen Lebensstationen und Entwicklungen dieses notorischen Tausendsassas gibt.

Seiler geht dabei nicht stur chronologisch vor, sondern bündelt Ereignisse zu Themenbereichen, die sich zwar zeitlich mitunter überlappen, dafür aber tiefere Zusammenhänge sichtbar und verstehbar machen. Wobei, wie der Biograf gleich zu Beginn konzediert, "kaum ein Thema steht für sich allein, und Heller ist nur in der Gesamtheit seiner unzähligen Hervorbringungen und Motive wirklich zu verstehen".

Daher erfährt man zwar einerseits viel über all die Kreationen, die Heller in über 40 Jahren geschaffen und vom Stapel gelassen hat - von seiner Zeit als aufmüpfiger DJ der Ö3-"Musicbox", als "Cafe Hawelka"-Bewohner, Qualtinger-Freund, Pluhar-Ehemann über die Sänger-Karriere bis hin zum bunten Potpourri seiner circensisch-massenkulturellen Inszenierungen wie "Roncalli", "Flic Flac", "Begnadete Körper", "Luna Luna", "Kristallwelten", "Body And Soul" und "Magnifico" -, erhält andererseits aber auch Einblicke in das Beziehungs- und Seelenleben eines zutiefst verunsicherten und verstörten Egomanen (zumindest eine Zeit lang) und in die Selbsterhellungs- und Reifungsprozesse eines Zu-sich-selbst-Findenden.

Pleiten und Pannen

Man erfährt von Hellers jahrelanger Medikamenten-Abhängigkeit, von einer schweren Gelbsucht (als Folge des jahrelangen Saufens an der Seite Qualtingers), von depressionsähnlichen Zuständen über Jahre hinweg - und von chronischen Geldsorgen. Denn anders, als viele glaub(t)en, ist Heller das Geld nicht familiär in den Schoß gefallen, bzw. dort nicht lange geblieben. Bereits 1965 ließ er sich 800.000 Schilling Erbe ausbezahlen - und steckte die Summe kurz danach in die Co-Produktion eines Films, weil er dessen Hauptdarstellerin, Erika Pluhar, kennen lernen wollte. Das Vorhaben gelang - und führte zu einer nicht nur damals von vielen verständnislos betrachteten, glamourösen Ehe mit der Burg-Schauspielerin (die Heller heute seine "Erzfreundin" nennt).

Danach schrammte Heller mehrfach an Pleiten und Privatkonkursen vorbei, schaffte es aber immer wieder (auch weil seine Mutter das Familienhaus in Hietzing vorübergehend belehnte), trotz Beibehaltung seines durchgängig hohen Lebensstils sich selbst und andere zu retten - und letztlich ein solides Vermögen zu erarbeiten, das ihm stets weitere Projekte und auch seine drei nunmehrigen Wohnsitze in Wien (in der Beletage des Palais Windischgrätz), am Gardasee und in Marokko ermöglichte.

Die Biografie ist in diesem Sinne auch als eine Art Entwicklungsroman angelegt, der die essenziellen Wandlungen André Hellers jenseits aller medialen Images und Prestige-Wechsel menschlich nachvollziehbar zeigen will. Wie also aus dem einstigen "Bürgerschreck", der sich von Abneigungen "ernährte", ein veritabler selbstkritik- und zuneigungsfähiger Freund, Partner, Vater - und mittlerweile sogar Großvater werden konnte. Heller betrachtet seine frühe Exaltiertheit heute mit schonungsloser Schärfe: "Ich bin aus meinen Minderwertigkeitskomplexen (. . .) in einen Ruhm geschleudert worden, der mir nichts wert war. (. . .) Ich wollte kein Discjockey sein. Ich wollte kein Jugendidol sein. Ich wollte mindestens ein wesentlicher Dichter sein, aber ich war eine vollkommen entgleiste Figur."