Wernher von Braun. - © Nasa
Wernher von Braun. - © Nasa

Mit der Gewalt von 4000 Tonnen Schubkraft hebt am 16. Juli 1969 die 110 Meter hohe Saturn V von der Startrampe des Weltraumbahnhofs Cape Kennedy, Florida, ab. Fünf Tage später setzt Neil Armstrong den "kleinen Schritt für den Menschen, aber den großen Sprung für die Menschheit". Die Mondlandung ist eine Sensation, die den USA nicht nur die technologische Vorherrschaft in der Welt sichert, sondern auch das nationale Selbstbewusstsein, das in den letzten Jahren erheblich gelitten hat, deutlich hebt.

Zweieinhalb Jahrzehnte zuvor, am 8. September 1944, schlugen die ersten deutschen V2-Raketen in Paris und London ein. Sie kamen ohne das vorwarnende Dröhnen der Bombergeschwader buchstäblich aus dem Nichts und töteten 5000 Menschen. Der Prototyp der amerikanischen Mondrakete war eine nationalsozialistische Terrorwaffe. Technischer Leiter beider Raketenprogramme war Wernher von Braun. Die Tätigkeit des hoch begabten und unterschiedliche politische Strömungen geschickt nutzenden Ingenieurs ist im Spannungsfeld zwischen kühl kalkulierendem Opportunismus und technologischer Glorie angesiedelt.

Der Spross einer angesehenen Familie, am 23. März 1912 als zweiter von drei Söhnen im posischen Wirsitz geboren, begeisterte sich bereits als Gymnasiast für die Raketentechnik. Sehr zum Leidwesen seines Vaters, der unter Reichskanzler Franz von Papen Landwirtschaftsminister war und für seinen Sohn eine Tätigkeit im diplomatischen Dienst oder als Offizier für standesgemäß hielt. Doch dieser inskribierte an der Technischen Hochschule in Berlin, knüpfte schnell Kontakte zur Gruppe um die Raketenpioniere Rudolf Nebel und Hermann Oberth - und in weiterer Folge zum Militär, in dem er den einzigen potenten Finanzier für seine Raketenpläne sah.

Ende 1932 trat Braun als ziviler Sachbearbeiter ins Ballistische Referat des Heereswaffenamtes ein. Die in dieser Tätigkeit erzielten Forschungsergebnisse über Flüssigkeitsraketen reichte er im April 1934 als Dissertation ein. Die Zeiten hatten sich seit gut einem Jahr geändert, die Weimarer Republik war dem Dritten Reich gewichen, Brauns Arbeit galt nun als "geheime Kommandosache" und durfte nicht veröffentlicht werden.

Im September 1933 hatte Hitler die Raketenbauer zum ersten Mal besucht und die revolutionäre Antriebstechnik - bei all ihrer Unausgereiftheit - als Zukunftstechnologie erkannt. In der Folge wurden finanzielle Mittel freigemacht, die für die Entwicklung einer neuartigen Waffe gedacht waren, für Wissenschafter wie Braun aber einen regelrechten Geldsegen für ihre Forschungen darstellten. Braun war jung, unpolitisch und kannte keine Berührungsängste, wenn es um die Förderung seiner Idee ging.

"Aus seiner Sicht", versucht Neffe Christoph von Braun seinen Onkel zu verstehen, "wurde nicht er vom Regime ausgebeutet, sondern er beutete das Regime aus." 1937 wurde in Peenemünde auf der Ostseeinsel Usedom ein Entwicklungszentrum für Raketen, die "Heeres-Versuchsanstalt", eröffnet und Braun zu ihrem Technischen Leiter bestimmt. Er war gerade 25 Jahre alt und nun Chef von 350 Mitarbeitern.

Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939 brachte die Peenemünder zunächst unter starken Legitimationsdruck. Die hohen Kosten schienen in keinem Verhältnis zu den Resultaten zu stehen, und die Konzeption des Blitzkrieges gab der Produktion anderer Waffen den Vorzug. Dies änderte sich jedoch nach der Niederlage in der Luftschlacht um England. Am 15. September 1941 erließ Hitler den Befehl, dass der Entwicklung der A4 (Aggregat 4) und der Vorbereitung auf ihre Serienproduktion nunmehr die höchste Dringlichkeitsstufe einzuräumen sei.

Am 3. Oktober 1942 glückte der erste erfolgreiche Start einer A4. Auf ihrem 192 Kilometer langen Flug stieg sie mit einer Geschwindigkeit von 5400 km/h auf 85.000 Meter, ehe sie entsprechend der vorausberechneten Parabel in die Ostsee stürzte. Was für die Peenemünder Forscher der Beginn der Raumschifffahrt war, war für das NS-Regime der Auftakt zur Massenfertigung.

In Peenemünde, Friedrichshafen und den Rax-Werken bei Wiener Neustadt peilte man mit zur Zwangsarbeit eingesetzten KZ-Häftlingen einen monatlichen Ausstoß von jeweils 300 Raketen an, die unter der Bezeichnung V2 ("Vergeltungswaffen") zum Einsatz kommen sollten. Bei einem alliierten Bombenangriff auf Peenemünde im August 1943 kamen 735 Menschen ums Leben.

Tragischerweise hatten die britischen Bomben vor allem das Häftlingslager getroffen, während die meisten Prüfstände und Labors intakt blieben. Nach einer kurzen Unterbrechung konnten die Wissenschafter weiterarbeiteten, die Produktion wurde in der Folge im thüringischen Nordhausen konzentriert. Dort waren bis Kriegsende 60.000 Häftlinge des neu errichteten KZ Dora-Mittelbau für den Bau einer gigantischen Untertagefabrik und in der Raketenfertigung eingesetzt worden. Allein bei der Errichtung der Stollen starben 3000 Häftlinge, bis zum Produktionsende im März 1945 erhöhte sich die Zahl um weitere 10.000.