Den Kino-Cowboy Tom Mix kannte Schnitzler sehr gut . . . - © Wikipedia
Den Kino-Cowboy Tom Mix kannte Schnitzler sehr gut . . . - © Wikipedia

Zwischen 1904 und 1931 ging Arthur Schnitzler mehr als 800 Mal ins Kino. Seine Kinobesuche lassen sich als Fieberkurve lesen: Während er in den ersten Jahren das Kino sporadisch frequentierte, nimmt die Besuchsfrequenz ab 1920 dramatisch zu: 1921 geht er 28 Mal ins Kino, 1923 steigt die Zahl auf 45, 1924 schon auf 80, und ähnliche Zahlen gelten für die kommenden Jahre. Nicht nur hat kein anderer Autor der Wiener Moderne so viele Kinobesuche dokumentiert, sondern wir dürfen Schnitzlers Aufzeichnungen als ein solitäres Dokument der frühen Kinoleidenschaft wahrnehmen.

Auf die Frage aber, warum der Theatermann Schnitzler in den zwanziger und dreißiger Jahren das Kino dem Theater vorzog, und warum der leidenschaftlichste Kinogänger aus dem Kreis der Wiener Moderne die Filme gleichwohl (beinahe) unkommentiert lässt, gibt es bisher keine befriedigende Antwort. Der Autor selbst gibt keine Auskunft, auch seine Figuren schweigen. So sind wir auf Indizien verwiesen und auf Spekulationen, und wir können mit Analogien operieren, weil einige seiner Zeitgenossen, von Franz Kafka bis Peter Altenberg, seine Leidenschaft in (ungleich) geringerer Dosis teilten.

Imaginäre Begegnung

Die Zeitgenossenschaft ist weitreichend: Während Kafkas Kinoleidenschaft 1913 zu versiegen scheint, in dem Jahr, in dem in Schnitzlers Tagebuch die ersten Filmtitel notiert sind, beginnen Ilse Aichingers Kinobesuche 1930/31, in jenen Monaten, in denen Schnitzler im Tagebuch die letzten Filmtitel notiert hat. Aichinger besucht dieselben Kinos wie Schnitzler, etwa den "Sascha-Palast" oder das "Scala" und sieht dort Filme, die auch Schnitzler gesehen hat. Man kann phantasieren: Der alte Dichter und das junge Mädchen sitzen in derselben Reihe, sie wechseln erstaunte Blicke und vielleicht fällt eine Frage: "Was ist es, was du im Kino suchst?"

Die Namen der Kinos sind von Anfang an in Schnitzlers Tagebuch protokolliert. Zu seinen bevorzugten Kinos gehörten das seiner Wohnung benachbarte Gersthofer-Kino, das Flieger-Freiluftkino und das große Apollo-Kino. Und es gibt noch heute ein Kino, dessen Interieur sich nicht geändert hat, seit Schnitzler dort hingegangen ist: das Admiral-Kino in der Burggasse. So wichtig Schnitzler die Orte des Kinos waren, so marginal ist doch die Bedeutung des Kinos oder von Filmen als Thema und Motiv in seinem Werk. Auch in seinen bisher veröffentlichten Briefen tauchen die Stichworte Film und Kino kaum einmal auf. Keine seiner Figuren spricht vom Film oder geht ins Kino, wir erhalten keine Feuilletonstücke über das Kino, wie Altenberg, Hofmannsthal oder Salten sie geliefert haben - das Thema bleibt bei Schnitzler für das Tagebuch reserviert, und man könnte mutmaßen, dass ihm seine Leidenschaft selbst nicht ganz geheuer war.

Seine Kommentare zu den Filmen sind spärlich, gerade auch zu den wenigen, die wir kennen. Von Caligari bis zu Dr. Mabuse, von Charles Chaplin bis zu Buster Keaton: Schweigen. Vor allem aber fehlt eine Antwort, was ihn immer wieder ins Kino bewegte, wo doch die meisten seiner Anmerkungen signalisieren, dass die Kinobesuche ihn enttäuschten und unbefriedigt ließen, manchmal sogar anwiderten: "fabelhaft dumm. Viel gelacht"; "albernes Kinostück"; "war angewidert von der Geschmacklosigkeit".

Aber die Mehrzahl der Filme bleibt im Tagebuch unkommentiert, und die Mehrzahl der wenigen Kommentare erschöpft sich in einem Wort oder in schablonisierten Wendungen. In den späteren Jahren werden immerhin fast regelmäßig die Titel der Filme notiert; noch häufiger aber erfahren wir, wo danach das Abendessen eingenommen wurde.

Die Kommentare machen dem Leser vor allem deutlich, dass Schnitzler die schlechten Filme nicht davon abhielten, an seiner Leidenschaft festzuhalten. Was macht er, wenn ihn ein Film enttäuscht? Er eilt ins Kino. Schnitzler scheint in der Regel nicht auf der Suche nach ausgewählten Filmen, sondern nach dem Kino.

Dass Schnitzlers Erzählungen Affinitäten zur Filmsprache beweisen, dass das Kino seine Erzähltechnik beeinflusst und dass der Autor in den 1920er Jahren ein reflektiertes filmtheoretisches Bewusstsein entwickelt hat, das ist Common Sense der bisherigen Interpretationen. Aber klar bleibt, dass diese gesammelten Hinweise angesichts des weiten Spektrums der Filmliste nicht ausreichen.

Geld und Unterhaltung

Es gibt eine naheliegende Antwort: Schnitzler kümmert sich um die Geschäfte. Er macht sich sachkundig, liest Filmliteratur, vergleicht Angebote und Firmen, und er vertritt mit Nachdruck und Eigensinn seine Positionen als Produzent von Stoffen. Er schaut sich Filme als "Autorenfilme" an.

Der erste Titel eines Films, der im Tagebuch verzeichnet ist, ist Max Macks "Der Andere", bald darauf steht Stellan Ryes "Der Student von Prag" auf seiner Liste. Er schaut sich Filme jener Regisseure an, die für die Verfilmung seiner eigenen Stoffe oder Film-Skripte vorgesehen sind, oder Filme von jenen Gesellschaften, mit denen er in Verhandlung steht. Er gehört zu den ersten Schriftstellern, die den Kontakt mit der Filmindustrie aufnehmen, und auch die Filmbranche wendet sich bevorzugt an den erfolgreichen Schnitzler mit dessen Vorliebe für "delikate Stoffe".