Eine alte Ansicht aus dem (damaligen) Wiener Vorort Lichtental, wo Franz Schubert geboren wurde. Im Hintergrund ist die Lichtentaler Pfarrkirche (heute auch Schubertkirche) zu sehen. - © Foto: Archiv
Eine alte Ansicht aus dem (damaligen) Wiener Vorort Lichtental, wo Franz Schubert geboren wurde. Im Hintergrund ist die Lichtentaler Pfarrkirche (heute auch Schubertkirche) zu sehen. - © Foto: Archiv

Es ist etwas anderes, eine Stadt zu kennen, oder in ihr zu leben. Wie viele spätere Urwiener war auch ich, als ich als Student von Kärnten nach Wien kam, fest davon überzeugt, dass ich in dieser Stadt nicht alt werden würde. Mehr noch: ein Gutteil meiner Identität wurde aus der Entschlossenheit gespeist, den inneren Widerstand gegen diese Stadt nie und nimmer aufzugeben.

Das änderte sich auch nicht, als ich Wien besser kennen lernte. Es schien mir, dass auf diese Art die Trennwand zwischen mir und den Wienern erst recht immer unüberwindlicher würde. Der echte Wiener nämlich bezog offenbar seine Identität aus dem Stolz darauf, seine Stadt nicht zu kennen. "Der Steffl, ja, unser Steffl! Stephansdom auf Deutsch. Ob ich schon drinnen war? Gehn’s! Das is doch mehr was für Fremde. Ich wohn’ eh da."

Dennoch ist es der Wiener, und nicht der Wien-Kenner, der im Besitz der Stadt ist. Das kommt von jener Selbstverständlichkeit, mit der der Wiener seine Stadt für einen Gebrauchsgegenstand hält, und nicht für einen Ort, wo einander die Engel treffen, oder - im edlen Metaphernwettstreit - "eine verliebte alte Hur", für "eine schöne Leich’ mit Schminke und Toupet" - oder für einen Lyrismus noch modischerer Art.

Für den Wiener ist zum Beispiel das Lichtental eine Gegend zwischen Nußdorfer- und Althanstraße, und nicht ein geheimes Passwort für den Zugang in das abgründige Innere dieser Stadt. Gerade das schien es mir lange Zeit zu sein und - ohne es recht erklären zu können, muss ich es eingestehen - es hat für mich bis heute nicht sein Naheverhältnis zu einem Mysterium verloren. Unausgesprochen war für mich klar, dass ich mich erst dann als Wiener bezeichnen werde können, wenn ich den geheimnisvollen Sinn des Satzes "Drunt im Lichtental" verstehen werde. Fürs Verständnis langt es heute, und auch die Scheu vor dem Geheimnis habe ich abgelegt, aber eine Selbstverständlichkeit ist es mir noch immer nicht geworden.

Ein Tal in der Stadt!

An der Oberfläche kam meine Unsicherheit gegenüber dem Lichtental daher, dass es so offenkundig eine Bezeichnung des offenen Landes war, mit der hier ein Stadtteil beschrieben wird. Lich-tental - das lässt sich in einem Atemzug mit Lavanttal, Ennstal oder Paznauntal aussprechen. Das klingt nach Berghängen, Wäldern, Wiesen und Bächen. Welch eine Anmaßung also einer grauen Vorstadt, sich ein Tal zu nennen, ein lichtes noch dazu!

Mit der Erkenntnis, dass der Name aus einer Zeit stammte, da die Stadt von ihren eigenen Mauern zusammengepfercht, dem Land um sie noch viel mehr Spielraum ließ, verblasste vorübergehend mein Interesse am und meine Scheu vor dem Lichtental. Das Geheimnis schrumpfte zur Banalität: Eine der sieben Stufen, die vom Wienerwald zum Donauufer führen, war mit "Tal" bezeichnet worden, etwas großsprecherisch vielleicht, und doch nicht ganz grundlos, wenn man sich vom Abhang nördlich der heutigen Nußdorfer Straße die Häuser wegdenkt und sich an ihrer Stelle Wiesen, Felder und Äcker vorstellt, die den Blick ins Land zu seinen Füßen zulassen.

Das Interesse erwachte erst wieder, als ich mich mit Franz Schubert zu beschäftigen begann, mit seiner Musik und seinem Leben. Schubert ist ein gebürtiger Lichtentaler. Diesen Umstand sollte man sogar betonen: Er war ein Lichtentaler, und nicht ein Wiener. Schnitzler war Wiener, selbstverständlich Karl Kraus, selbstverständlich Hoffmannsthal. Schubert hingegen war Lichten-taler.

Bevor ich diese standesamtliche Willkür zu erklären versuche, muss ich ihr noch eine weitere Ungereimtheit hinzufügen: Für mich ist der Lichtentaler Franz Schubert der Inbegriff von Wien. Ich stelle natürlich allseits anheim, jede andere Persönlichkeit aus der Kulturgeschichte Wiens für den genius loci zu halten. Ich sage nur, dass in meinem Verständnis der Stadt Schubert der eigentliche genius loci ist, mehr jedenfalls als der Weltbürger Mozart, mehr als der Bildungsbürger Freud und mehr als etwa die Kaffeehausbürger der Jahrhundertwende. Das hängt damit zusammen, dass ich das Biedermeier mehr als das Barock und mehr als das Fin de siècle für die Schicksalszeit Wiens halte. Nur insoferne, als er noch ins Biedermeier hineinragt, stelle ich einen zweiten Vorstädter ganz ganz nahe zu Schubert ins Zentrum des Wesens dieser Stadt: den Leopoldstädter Johann Strauß.

Die Pubertät Wiens


Im Biedermeier - so lautet meine Unterstellung zum Wesen dieser Stadt - durchlebte Wien seine Pubertät. Die Pubertät ist die Blütezeit des Unausgesprochenen, der gärenden Gefühle, der Flausen im Kopf, der süßen Schmerzen, der herben Enttäuschungen, der bitteren Verdrängungen, der endgültigen Komplexe.

Wäre das Leben eine Landkarte, und könnte man die Pubertät als Landstrich auf ihr eintragen, so läge sie in der tiefsten Provinz, dort wo die weitschweifigsten Ideen den geringsten Handlungsspielraum haben, wo zwischen Vorsatz und Ausführung die größte Kluft liegt, wo die schönsten Hoffnungen versanden.

Das Biedermeier ist geprägt durch den Metternichschen Polizei- und Spitzelstaat, der zur Volksentmündigung ähnliche Methoden anwandte wie die heutigen Ostblockregime. Spiritus rector der Entmündigung war Kaiser Franz II., der "gute Kaiser Franz", welchen Beinamen ihm seine Untertanen gaben. Eine zunächst unerklärliche Verirrung des Volksmundes, seinen eigenen Peiniger und Unterdrücker "gut" zu nennen! Aber braucht nicht auch der Pubertäre eine Autorität, die er gut heißt, wenn auch nur zu dem Zweck, sich an ihr zu messen, mit ihr zu hadern, sie letztlich vom Podest zu stürzen?