Si Mustapha beschränkte seine Aktivitäten nicht auf Legionärs-Rückführung. Nebenbei betätigte er sich als Waffenhändler und mischte in der "großen" Politik mit. Deshalb wurde jeder seiner Schritte von der Stasi observiert und unter dem Namen "Palmakowski" penibel aufgezeichnet.

Finanziell unterstand der "Rückführungsdienst" in der Exil-Regierung dem Innenministerium. Aufgrund von politischen Meinungsverschiedenheiten band sich Müller jedoch an das 1961 gegründete Vereinigte Oberkommando der ALN. Während der folgenden Fraktionskämpfe leistete er den Militärs (Houari Boumedienne, Bousuf und Ben Bella) Gefolgschaft. Diese Loyalität wurde im November 1962 mit seinem Wechsel ins Kabinett belohnt.

Bei der "Conférence Européenne d’assistance non-gouvernementale à l’Algérie" vom 15. bis 19. Juni 1963 änderte Si Mustapha nochmals seine Position im Machtroulette. Er agitierte unter den Delegierten offen für die Pläne des Militärs zu einem Staatsstreich gegen Präsident Ben Bella.

Ende September 1963 wurde Si Mustapha vom algerischen Geheimdienst verhaftet. Offiziell wurde argumentiert, er habe sich "ausländischen Reportern gegenüber als Staatssekretär ausgegeben". Nach 48 Stunden Haft wurde er in einem Flugzeug nach Paris abgeschoben. Si Mustapha flog jedoch weiter nach Tetuan. Er wollte seine Ausweisung rückgängig machen. Ein am 4. Oktober 1963 ausbrechender Grenzkonflikt zwischen Marokko und Algerien kam ihm in die Quere. Er wurde von der marokkanischen Geheimpolizei verhaftet, gefoltert und an seine Heimat ausgeliefert.

Zurück in Algerien, avancierte Si Mustapha im Jänner 1964 zum Zensor der deutschsprachigen Presse. Als treuer Gefolgsmann Boumediennes unterstützte er am 15. Juni 1965 den Staatsstreich des Verteidigungsministers. Zum Dank wurde er mit einer Reihe von Funktionen im Regierungsapparat betraut. Nach dem überraschenden Ableben seines Mentors im Dezember 1978 wurde Si Mu-stapha auf den Posten eines Nationalpark-Direktors abgeschoben.

Affe auf der Schulter

In der Abgeschiedenheit seines Hauses im Süden Algeriens entwickelte der stimmungsanfällige Si Mustapha zunehmend paranoide Züge. Ein Affe auf der Schulter wurde sein Markenzeichen. Manchmal besuchte er seine Kampfgefährten vom "Legionärs- Rückholdienst" in Österreich. Karl Blecha, Reimar Holzinger und Klaus Sperlich kümmerten sich dann um die Behandlung seiner Herzbeschwerden.

Von einer solchen Reise zurückgekehrt, setzte Si Mustapha die Dreharbeiten an einem von ihm initiierten Dokumentarfilm über das Ahaggar, ein bizarres Gebirge im Süden des Landes, fort. Doch am 9. Oktober 1993 beendete ein Herzinfarkt diese Aktivitäten. Der Film mit dem bezeichnenden Titel "Leben und leben lassen" wurde erst nach seinem Tod fertig gestellt.

Fritz Keller, geboren 1950, lebt als Historiker in Wien. Er hat zahlreiche Bücher zur Geschichte der Arbeiter- und Jugendbewegungen veröffentlicht. Zuletzt "Gelebter Internationalismus - Österreichs Linke und der algerische Widerstand", Promedia Verlag, Wien 2010.