Noch immer müssen "Dalits" oft niedere Dienste versehen. - © Carsten Stormer
Noch immer müssen "Dalits" oft niedere Dienste versehen. - © Carsten Stormer

Die Angehörigen der untersten Hindu-Kaste, der Kaste der Unberührbaren, die früher Sudras genannt wurden, heißen seit 1947 Dalits. Dorfbewohner, die einer höheren Kaste angehören, haben sich kürzlich auf eine Gruppe von Dalits gestürzt und sie niedergemetzelt, weil sie eine "heilige" Kuh getötet hatten.

Solche Vorfälle gibt es in den Dörfern Indiens immer wieder, obwohl in der Verfassung von l947 die Gleichheit aller vier Kasten vor dem Gesetz verankert wurde. Die Realität in der größten Demokratie der Welt sieht jedoch anders aus. Selbst das Apartheid-System Südafrikas war nicht so rigide wie das indische Kastensystem es heute noch ist. Ja, es verfolgt die Dalits sogar noch, wenn sie im Ausland leben. In einem Londoner Pub in Southall, einem von vielen Indern bewohnten Stadtteil, hat etwa ein Fanatiker ein Graffito an die Wand gemalt: "Dalits und Hunde sind hier nicht willkommen".

Zahlreiche Übergriffe

Denkmal von Dr. Babasaheb Ambedkar, dem "Vater" der indischen Verfassung, in Bombay. - © Chowdhury-Haberl
Denkmal von Dr. Babasaheb Ambedkar, dem "Vater" der indischen Verfassung, in Bombay. - © Chowdhury-Haberl

Besonders in den abgelegenen Gebieten von Bihar und Uttar Pradesh in Nordostindien, wo Gewalt und Gesetzlosigkeit herrschen, kommt es immer wieder zu Übergriffen auf Dalits. Oft geht es dabei um die Benutzung der Dorfbrunnen: Dalits dürfen nur eigens für sie vorgesehene Brunnen benützen. Sollten diese kein Wasser mehr haben, ist es ihnen nicht erlaubt, Wasser vom Brunnen der Kastenhindus zu holen. Auch der Zutritt in die Tempel der Kastenhindus ist ihnen verboten. Und immer wieder werden Dalit-Mädchen und -Frauen belästigt, ohne dass dies von der lokalen Polizei geahndet wird.

Im Hinduismus gibt es vier Kasten: Ganz oben stehen die Brahmanen, gefolgt von den Kshatrias (die Kriegerkaste), danach rangieren die Vaishnavas (traditionell die Händlerkaste) und ganz unten steht die Kaste der Sudras, bzw. Dalits, also die Kaste der Unberührbaren, der rund 22 Prozent der indischen Bevölkerung angehören.

Die Dalits sind die Tagelöhner Indiens, die landlose Landbevölkerung, die sich mit schwerer körperlicher Arbeit ihr Leben verdient. Durch Jahrtausende musste diese Kaste ungeheure Demütigungen ertragen und war den oberen Kasten praktisch rechtlos ausgeliefert.

Ein hochrangiger indischer Wissenschafter, ein Brahmane aus Kerala, erzählte mir vor Jahren, wie er das Kastensystem in seiner Kindheit in den 1940er Jahren erlebte: Wann immer sich ein Brahmane in seinem Dorf auf die Straße begab, führte er eine kleine Glocke mit. Diese läutete er regelmäßig, damit alle auf der Straße hören konnten, dass ein Brahmane des Weges kam. Die Dalits, die sich auf der Dorfstraße befanden, mussten dem Brahmanen aus dem Wege gehen; nicht einmal der Schatten eines Unberührbaren durfte den edlen Brahmanen treffen. Deshalb die warnende Glocke.

Diese Zeiten sind immerhin lange vorbei. Einer, der für die Gleichheit der Sudras gekämpft hat und erreichte, dass deren Rechte in der indischen Verfassung von 1947, als Indien die Unabhängigkeit vom Britischen Empire erlangte, niedergeschrieben wurden, war Dr. Babasaheb Ambedkar (1891-1956), der "Vater" der indischen Verfassung. Auch er war ein Dalit, konvertierte zum Buddhismus, und befreite sich mit Intelligenz und großer Willenskraft aus den Fesseln seiner Kaste. Er studierte in London und in den USA, wurde Rechtsanwalt, und schließlich der Verfechter der Rechte der Unberührbaren.

Dass er selbst ein Dalit war, betrachtete er als seine Stärke, denn daraus schöpfte er den Mut und die Kraft, die Ungerechtigkeiten zu bekämpfen. Dr. Ambedkar ist noch immer das Vorbild der Dalits. Sein Denkmal steht an einem prominenten Platz nahe dem Gerichtshof von Bombay. Als Besucher von ist man überrascht, dass die Statue kein indisches Gewand trägt, sondern einen westlichen Anzug.

Gandhis Beitrag


Viele Dalits machten es Ambedkar nach und konvertierten zum Buddhismus, um so ihrer Kaste zu entkommen. Die christlichen Missionare wiederum sahen in den Dalits eine Hauptzielgruppe für Konvertierungen und kümmerten sich in den Missionsschulen um eine Ausbildung, die ihnen sonst versagt geblieben wäre.

Auch Mahatma Gandhi hat für die Gleichheit aller indischen Kasten gekämpft. Und er hat persönlich vorgelebt, wie man die Kastenschranken überspringt, indem er die niedrigsten Arbeiten, wie etwa die Reinigung von Latrinen, eine Arbeit, die seit jeher von den Dalits verrichtet wurde (siehe dazu auch Artikel auf Seite 5, Anm.), auf sich nahm. Auch seine Ehefrau forderte er auf, sich ihm anzuschließen, was sie sehr widerwillig tat.

Die Lage der Dalits hat sich in den letzten 60 Jahren zweifellos verbessert. Besonders in Südindien sind die Dörfer wohlhabender geworden - und das Brunnenproblem hat sich von selbst gelöst. Denn es gibt nun fast überall öffentliche Wasserleitungen, die für alle zugänglich sind, und auch in den kleinen Dorfstraßenkneipen vermischen sich die Kasten.

In den Städten kommt das Kastensystem nicht so zum Tragen wie auf dem Lande. Obwohl die Menschen sich der Zugehörigkeit zu ihrer Kaste sehr wohl bewusst sind, spielt das im täglichen Leben und im Umgang miteinander keine besondere Rolle mehr. Solange die Dalits in untergeordneten Stellungen verharren, sind sie gemäß ihres Ranges integriert und die Kastenhindus fühlen sich nicht bedroht. Sobald ein Dalit jedoch eine höhere Position anstrebt, als ihm der Kaste nach zusteht, ist der Status Quo in Frage gestellt. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy nannte dies die "Angst der Macht vor der Machtlosigkeit".