Heutige Vorstellungen des Regionalen verdanken sich der Entgrenzung, sei es durch den Verkehr, die globale Marktwirtschaft oder neue Kommunikationstechnologien. Regionen erfinden sich im Zuge der Etablierung "totaler Landschaften", die sich dadurch charakterisieren lassen, dass es zunehmend gleichgültiger wird, wo man sich gerade befindet: überall dasselbe Essen, dieselbe Architektur, dieselben Einkaufszentren, dieselben Programme. Kulturprojekte im ländlichen Raum, die das kopieren, was sich in großen Museen oder in der Freizeitindustrie behauptet, gehen an ihrem eigentlichen Potenzial vorbei.

Trojer (links hinten) während des Unterrichts; unkonventionell die Sitzordnung. - © Nachlass Johannes E. Trojer
Trojer (links hinten) während des Unterrichts; unkonventionell die Sitzordnung. - © Nachlass Johannes E. Trojer

Wenn jemand zu nennen ist, der sich bereits früh mit diesbezüglichen Fragen beschäftigt hat, dann Johannes E. Trojer, der im abgelegenen Osttiroler Villgratental über lange Jahre hinweg so etwas wie ein kulturelles Regionalprojekt betrieben hat.

Johannes E. Trojer wurde 1935 als zweites von zwölf Kindern einer Bergbauernfamilie in Außervillgraten geboren. Er besuchte dort die Volksschule. Nach seiner Matura am Bischöflichen Gymnasium Paulinum in Schwaz inskribierte er an der Universität Innsbruck Deutsch, Geschichte, Kunstgeschichte und Volkskunde. Nach vier Semestern brach er sein Studium ab und kehrte nach Osttirol zurück. Bis zu seinem frühen Tod im Jahr 1991 war er Volksschuldirektor in Innervillgraten, verfasste gesellschaftskritische Aufsätze, war Herausgeber der Kulturzeitschrift "Thurntaler".

Er schrieb, fotografierte, dokumentierte, lud ein, lobte, kritisierte, förderte, nahm teil. Er sammelte über drei Jahrzehnte alle möglichen Schriftstücke, Plakate und Fotografien, hatten sie nur irgend etwas mit der Geschichte seines Umfeldes zu tun. Daneben dokumentierte er über 200 Interviews mit Zeitzeugen mit dem Tonband. Die ersten dieser Aufnahmen entstanden bereits in den 1960er Jahren, in einer Zeit also, in der von Oral history noch kaum die Rede war.

Nicht nur die große Bandbreite seiner Fragen ist bestechend, sondern vor allem auch sein unkonventionelles methodisches Arbeiten. Trojer verstand, dass Volkskunde nicht das Vergangene zu dokumentieren, sondern sich mit der Gegenwart wie möglichen Entwicklungen zu beschäftigen hat. All das prägte zunehmend auch seinen Unterricht, was allein die Aufstellung der Pulte auf dem abgebildeten Foto belegt.

Keine Beschönigungen

Nostalgisch war sein Blick nicht: "die zeitgemäße auffassung ist kurz gesagt die, daß ich mir vornehme, alles möglichst realistisch und nicht beschönigt zu sehen. dann kommt es nicht zur schädlichen schönfärberei und lobhudelei." Alles müsse festgehalten werden, ganz gleichgültig, ob es im Augenblick als wichtig betrachtet werde oder nicht. "Notizen für eine Dorferhebung" lautet der Titel zweier Texte, die Trojer in den Jahren 1983 und 1984 veröffentlichte. Genau genommen ließe sich dieser Titel über das gesamte Trojer’sche Lebenswerk setzen. Der Titel ist doppeldeutig. Er lässt gleichermaßen an ein sozialwissenschaftliches Verfahren wie an selbstbestimmtes politisches Handeln von Dorfbewohnern denken, dessen Fehlen Trojer zutiefst beklagte.

Während Feldforscher in der Regel von außen kommen, war er Teil des Feldes. Im Tal wuchs er auf, hier arbeitete er nicht nur als Lehrer und Schuldirektor, er bekleidete auch andere öffentliche Funktionen. Dennoch schrieb er gegen die Mächtigen des Tales wie des Bezirkes an. Er kritisierte die Dominanz der ÖVP ebenso wie gigantomane Kraftwerks- oder Tourismusprojekte. Als Obmann des Tourismusverbandes in Außervillgraten engagierte er sich für die Erschließung des Tales im Interesse einer Verbesserung der Lebensbedingungen seiner Bewohner.

Trojers Arbeit wurde oft genug als gegnerisch empfunden - verständlicherweise, bezog er sich doch konkret auf das unmittelbare gesellschaftliche Umfeld. Wiederholt war er Verleumdungen ausgesetzt. Die Palette reichte vom Vorwurf, Autoritätsmissbrauch als Lehrer zu betreiben bis hin zum Vorwurf, ein "Sittenverderber" zu sein.

Er selbst bezeichnete sich als "einschlägig interessierten Dilettanten" oder als "passionierten Amateur", der um ein "die Nachbarschaft nicht ausschließendes, weltoffenes, problembewusstes, aber ungezwungenes Liebesverhältnis zur Heimat" bemüht sei.

Als Ortschronist, der sich als Volkskundler verstand, sah er sich als "Heimatpfleger ohne behördlichen Auftrag", "von keiner institution getragen oder behindert." Manchmal dachte er daran wegzuziehen: "Das Heimatbewusstsein haben die Traditionsvereine gepachtet, die Nächstenliebe die Schutzstaffeln der Feuerwehr, das Rote Kreuz, die Bergrettung, die Wasserrettung, mir bleibt nichts übrig." Aber er blieb. Das Villgratental ließ ihn bis zu seinem frühen Tod nicht los.

Das NS-Trauma

Trojer zählt zu den Ersten, die sich systematisch mit der Geschichte der NS-Zeit im unmittelbaren dörflichen Umfeld beschäftigt haben. Die erst nach seinem Tod veröffentlichte Studie "Hitlerzeit im Villgratental" ist nicht nur als Pionierleistung zu sehen, sie besticht auch durch ihre atmosphärische Dichte. Neben systematischer Datenerhebung etwa zu Opfern der NS-Diktatur finden sich darin kluge Mikrostudien zum NS-Alltag.