Der Alleskönner

Das im Jahr 1787 errichtete Theater, dessen künstlerische Leitung Schikaneder übernahm, befand sich im fünften Hof und war, von außen besehen, ein unscheinbarer Ziegelbau. Im Inneren bot es mit einer Länge von etwa dreißig und einer Breite von fünfzehn Metern genug Raum für Schikaneders Theatervisionen. Auf der großen Bühne, die die Hälfte des gesamten Raumes einnahm, konnte er vor den etwa achthundert bis eintausend Personen, die das Theater fasste, seine Vorliebe für technische Neuerungen in Szene setzen.

Der jährliche Pachtzins von 1300 Gulden und die Miete für seine Wohnung waren allerdings hoch und mussten erst einmal eingespielt werden. Schikaneder muss Stücke zur Aufführung bringen, die mit der Konkurrenz Schritt halten können. Viele stammen von ihm selbst. Denn der Herr Directeur ist ein Tausendsassa. Er ist Textdichter, Regisseur, Sänger und Schauspieler. Er hat mehr als einhundert Stücke und Operntexte verfasst, er spielt den Hamlet fast genau so gut wie den Papageno.

Die Vorstadtbühne mit dem größten Publikumszuspruch war damals das von Karl Marinelli 1781 gegründete Leopoldstädter Theater, das mit den Figuren des Kasperls, des Thaddädls und des Staberls in deutschen Singspielen und Volksstücken die Leute magnetisch anzog. Schikaneder gelang es, mit der von ihm kreierten Figur des "dummen Anton" den Kasperliaden in der Leopoldstadt Paroli zu bieten.

Die Theatertruppe, die er auf seiner Bühne aufbot, zählte etwas mehr als vierzig Darsteller, die größtenteils im Freihaus wohnten. Der Prinzipal hielt auf Disziplin. Jeder seiner Schauspieler musste einen Arbeitsvertrag unterschreiben, der ihm genau umrissene Verpflichtungen auferlegte. "Der Herr Akteur" hieß es da, " hat beym Eintritt in die Garderobe den Hut abzunehmen und sich sowohl gegen den Herrn Direkteur als gegen das Frauenzimmer mit Anstand zu betragen." Er muss die ihm zugeteilten Rollen mit dem "bestmöglichen Fleiß und Eifer" spielen, muss pünktlich zu den Proben kommen und darf den Titel und die Handlung eines neuen Stückes nicht ausplaudern.

Auch das Benehmen in der Öffentlichkeit war vertraglich geregelt. Die Schikaneder-Mimen durften keine Schulden machen, sich nicht an Schlägereien beteiligen und nicht nachtschwärmen. Bei Zuwiderhandlung gab es Geldstrafen oder die fristlose Kündigung.

Andererseits sorgte der Herr Direktor, der sich selbst diesen Regeln unterwarf, für die Mitglieder seines Ensembles. Die Bezahlung erfolgte wöchentlich, im Krankheitsfall übernahm er die Medikamentenkosten, die Gage wurde sechs Wochen weiter bezahlt. Schikaneder bringt im Theater auf der Wieden Volksstücke, Singspiele, Ballette und außer der Zauberflöte auch noch die Mozart- Opern "Cosi fan tutte", "Die Entführung aus dem Serail", den "Don Giovanni" und den "Figaro" zur Aufführung, alle in deutscher Sprache. 1798 spielt dort Ludwig van Beethoven eines seiner eigenen Klavierkonzerte. Die Vorstellungen sind gut besucht, die Einnahmen sprudeln.

Aber Schikaneder wirft das Geld beim Fenster hinaus und steckt bald tief in Schulden. Am Jahresende 1796 sieht es finanziell derart schlecht aus, dass er daran denkt, das Theater zu schließen. Da rettet ihn in höchster Not ein Logenbruder vor dem Desaster. Der Herr ist steinreich, heißt Bartholomäus Zitterbarth und ist ein ausgesprochener Theaternarr. Zitterbarth übernimmt das verschuldete Theater, Schikaneder bleibt künstlerischer Leiter. Nun, da er einen Geldgeber gefunden hat, greift er gleich auch nach den Sternen. Schon lange träumt er von einem eigenen Theater. Die Konzession für einen Theaterneubau hat er. Kaiser Josef II. hat ihm dieses Privilegium erteilt, dessen Nachfolger, Leopold II. und Franz II., haben es erneuert. Die Genehmigung für den Bauplatz am anderen Wienufer wird behördlicherseits erteilt, am 13. Juni 1801 wird das Theater an der Wien eröffnet, das mit dem Namen Schikaneders untrennbar verbunden ist. Am Tag zuvor hat das Freihaustheater seine Pforten geschlossen. Das neu eröffnete Theater bietet auf 700 gepolsterten Sitzen und 1500 Bänken und Stehplätzen Platz. Es hat fünf Eingänge, eine Unterbühne, einen Schnürboden, Verwaltungs- und Probenräume, Aufenthaltsräume für die Künstler, eine Zu- und Abfahrt für Fiaker.

Das bittere Ende

Schikaneder ist glücklich. Der Zulauf ist gut, der Geschäftserfolg kann sich sehen lassen. Aber schon bald ziehen am Theaterhimmel Gewitterwolken auf. Der Theatermagier überwirft sich mit Zitterbarth, verkauft ihm sein Privilegium und erwirbt in der Hackhofergasse im Vorort Döbling eine schöne Villa, die von den Franzosen 1809 geplündert wird.

Nach dem Zerwürfnis mit Zitterbarth führt Schikaneder sein unstetes Theaterleben weiter, aber durchschlagenden Erfolg hat er keinen mehr. Gesundheitlich geht es mit ihm rasch bergab. Der am 1. September 1751 im bayerischen Straubing geborene Sohn aus armer Familie starb, bettelarm und geistig völlig verwirrt, am 21. September 1812. Sein Leichnam wurde wie jener Mozarts in einem Massengrab bestattet, aber nicht auf dem St. Marxer, sondern auf dem Währinger Friedhof.

Friedrich Weissensteiner ist Autor zahlreicher historischer und literarhistorischer Werke. Zuletzt erschien von ihm im Amalthea Verlag: "Ich sehne mich sehr nach dir". Frauen im Leben Kaiser Franz Josephs.