In der Werkstatt entsteht das aufwändige Bühnenbild. - © Georg Soulek
In der Werkstatt entsteht das aufwändige Bühnenbild. - © Georg Soulek

Als Burg-Direktor Hartmann im April das Programm der Saison 2012/13 vorstellte, stand die Besetzung des "Alpenkönigs" bereits weitestgehend fest. Cornelius Obonya ist Rappelkopf, Johannes Krisch der Alpenkönig Astragalus. Obonyas Großvater Attila Hörbiger verkörperte 1965 den Menschenfeind an der Burg in einer legendären Inszenierung. "Rappelkopf ist eine überaus moderne Figur. Ein ehemals wohlhabender Mann, der vermeintlich finanziell ruiniert ist, sich in einen Verfolgungswahn hineinsteigert und die ganze Menschheit ablehnt", fasst Regisseur Schachermaier die monatelange Beschäftigung mit dem Text zusammen. "Rappelkopf ist keine entrückte Allegorie, sondern nah am Leben, er ist jemand, der in einem bieder-bürgerlichen Umfeld innerlich wie ein Vulkan brodelt."

Das große Ganze


Seinerzeit verkörperte Paul Hörbiger den Alpenkönig. "Unserem Alpenkönig haftet nichts platt Geisterhaftes an", deutet Johannes Krisch seine Rolle. "Heute würde man so einen naturverbundenen Menschen, der in Kontakt mit anderen Dimensionen treten kann, vielleicht als Schamanen bezeichnen." Der Alpenkönig unterzieht Rappelkopf einer Art seelischer Rosskur, indem er als dessen Doppelgänger auftritt.

Regina Fritsch als Rappelkopfs Frau, Johann Adam Oest und Stefanie Dvorak sind ebenfalls Teil des siebenköpfigen Ensembles. Man könnte sagen, die Schauspieler sind seit Probenbeginn aneinandergekettet, so wie viele andere, die am großen Ganzen mitwirken.

"Wir spielen in einem Raum, der die Natur abstrakt skizziert", sagt beispielsweise Eva Jantschitsch, die sich bei der Neuvertonung vor allem am Bühnenbild orientierte. "Deshalb soll ein ab-strakter Klangteppich erzeugt werden, naturalistisches Vogelgezwitscher wäre fehl am Platz."

Bereits einen Monat vor Probenbeginn stellte die zierliche Musikerin, die mit rabenschwarzem Haar und Turnschuhen durch die Gänge des Burgtheaters federt, die eigens komponierte Musik fertig. Neben neu verfassten Couplets hat sie auch Klangräume (sogenannte scores) entwickelt. "Die größte Schwierigkeit bestand darin, mich einem Stoff zu nähern, der so gar nichts mit mir, meinem Leben zu tun hat." Die Lösung wies, wie so oft im Experimentierfeld Theater, ein Umweg: Die Künstlerin fand einen Zugang über die Auseinandersetzung mit der Neuen Volksmusik. Theaterarbeit ist eine Frage von vielen kleinen Schritten.

Ein weiterer wichtiger Schritt wurde mit der Bauprobe, ebenfalls Mitte des Jahres, getan. Dabei wurde das Bühnenbild provisorisch im Originalmaß aufgebaut, damit Auf- und Abgänge geprüft und Dimensionen getestet werden konnten - mit dem Ergebnis, dass die Kulisse völlig neu konzipiert wurde. Die ursprüngliche Idee - flacher, mit Erde komplett zugeschütteter Bühnenboden - wurde verworfen, eine abstrakte, schwarz gehaltene Berg- und Tallandschaft mit Schrägen von bis zu 36 Prozent entworfen; ein Spielgrund, der die Schauspieler vor enorme Herausforderungen stellt.

Für Damian Hitz, seines Zeichens Bühnenbildner, Brillenträger und Schweizer, ist dieser Raum "ideal für starke Bildsetzungen. Durch Höhenunterschiede erzeugen wir Spannungen im Raum." Beleuchtung und Geome-trie tragen ebenfalls dazu bei, Räume zu definieren, Stimmungen zu schaffen - und nicht zuletzt Suspense bis zur buchstäblich letzten Sekunde zu erzeugen: Noch bis kurz vor der Premiere stand nicht fest, ob die Bühne in schlichtes Schwarz getaucht werden soll, oder ob mit Farbe Akzente gesetzt werden sollen. "Wir können die Alpen in grünes oder rotes Licht tauchen", beschreibt Hitz das kreative Dilemma.

Auf der Bühne ist Abend für Abend zumeist perfektes Zusammenspiel zu besichtigen. Möglich wird dies durch die hohe Kunst des Ineinandergreifens verschiedener Formen von Arbeit. "Jeder Entwurf vereint eine künstlerische und eine pragmatische Seite", beschreibt Kostümbildnerin Su Bühler, brünettes Langhaar, Stöckelschuhe, Jeans, ihr umfassendes Arbeitsfeld. Skizzen, Figurinen und Modelle werden von Schneiderinnen, Kostümmalerinnen, Tischlern, Schlossern und Technikern umgesetzt. Die ART for ART Theaterservice GmbH fertigt sämtliche Bühnenbilder und Kostüme für die Bundestheater, rund 200 Handwerker sind ständig im Dienst.

Der Realitätstest


Künstlerische Ideen erfahren durch die ART for ART-Experten einen ersten Abgleich mit der Wirklichkeit: Erst wenn die technische Machbarkeit geprüft ist, Arbeitsmedizin und Baubehörde ihr Einverständnis erteilt haben, die Kosten abgesegnet sind, beginnt die eigentliche Arbeit an Bühnenbild und Kostüm.

Auch der Aufwand für den täglichen Auf- und Abbau des Bühnenbilds wird vorab geschätzt - für den reibungslosen Ablauf eines Repertoirebetriebs unumgänglich. Die "Alpenkönig"-Kalkulation lautet, wie üblich erstellt von Ernst Meissl, technischer Leiter des Burgtheaters: vier Stunden Aufbau, eine Stunde Soundcheck, 32 Techniker, dazu zehn Mitarbeiter für Maske und Garderobe. Meissl muss es wissen. Seit Generationen ist seine Familie mit dem technischen Bereich des Burgtheaters eng verwoben, mit seinem Großvater besuchte er bereits als Kind Vorstellungen. Technisch anspruchsvolle Bühnenbilder reizen Meissl, für den Schauspieler "Juwelen" sind, besonders - Bühnenbilder wie jenes vom "Alpenkönig".

Während Technik- und Kostümabteilung mit konkreten Vorgaben arbeiten, nähert sich die Kreativabteilung ihrem Stoff auf gezielten Abwegen; die eigentliche Inszenierungsarbeit sprengt zumeist den Rahmen der geregelten Probenzeit. "Man geht monatelang schwanger mit einer Figur", umschreibt Johannes Krisch den bisweilen langwierigen Prozess, der einen mitunter bis in die Träume hinein verfolgt. "Jede Rolle verlangt eine andere Herangehensweise." Der Burgschauspieler konstatiert als gelernter Tischler Parallelen zwischen den Professionen: "Die Arbeit des
Möbelmachers ist jener des Schauspielers nicht unähnlich, Text wie Holz sind Materialien, die behauen und verfeinert werden, bis sie eine andere Form, gleichsam eine andere Körperlichkeit annehmen."