Seine Schnelligkeit auf dem Weg durch die Institutionen nutzt Ockenfels, mehr Zeit für unbequeme Wahrheiten aufzuwenden. "Unsere Welt ist nicht so elegant wie die einfache mathematische Welt", sagt er und rüttelt damit an ehernen Gesetzen der Ökonomie. "Ich will wissen, ob die Empfehlungen, die wir aussprechen, auch den Realitätstest bestehen, ich beschäftige mich mit realem Verhalten in realen Märkten."

Er will die "eigenen kleinen Welten" der Ökonomie mit der Wirklichkeit koppeln - ein rotes Tuch für Vertreter der klassischen Lehre. "Economic engineering" nennt sich die Forschungsrichtung, für die Ockenfels steht. Und noch ein Tabu will er brechen: "Wir müssen in der Wissenschaft mehr von Fallstudien lernen", sagt er und denkt dabei an Elinor Ostrom. Die in diesem Jahr verstorbene Wirtschaftsnobelpreisträgerin war als Umweltökonomin eine Außenseiterin - weil sie vor allem anhand von Fallbeispielen forschte.

Ein bisschen verwundert es, dass Ockenfels überhaupt den steinigen Weg des Andersseins beschreitet. "Früher habe ich mich als Wissenschafter im Elfenbeinturm gesehen." Als Student interessierte er sich besonders für die mathematische Wirtschaftstheorie, hat aber immer schon experimentiert und sich mit realen Daten beschäftigt. "Ich habe dann mehr und mehr Blut gerochen." So kommt es auch, dass Ockenfels für die Wirtschaftsforschung der Zukunft mehr Mathematik und nicht weniger fordert. Schon mit dem "ERC" (Fairness, Reziprozität und Eigennutz) genannten Modell, das er im Jahr 2000 mit seinem amerikanischen Kollegen Gary Bolton veröffentlichte und mit dem er auf einen Schlag in der Wissenschaftswelt bekannt wurde, blieb er im Kern der Berechenbarkeit treu. Laut Ockenfels beziehen die Menschen nicht nur den ökonomischen Nutzen, sondern auch einen bezifferbaren "Fairness-Faktor" in ihre Entscheidungen mit ein.

Doch genau hier widerspricht ihm sein 82-jähriger Lehrmeister Reinhard Selten: "Ockenfels hat zusammen mit Bolton eine Arbeit geschrieben, die nicht zu meinem Bild des ökonomischen Entscheiders passt." Ockenfels versuche die Fairness mit einer mathematischen Berechnung, einer Nutzenfunktion, zu bewältigen. "Doch das hält den Fortschritt nur auf, weil es die Illusion schafft, dass doch alles mit der neoklassischen Theorie zu erklären ist."

Die Kritik des Nobelpreisträgers kennt Ockenfels genau, schließlich besucht er seinen alten Professor regelmäßig in Bonn, wenn er nicht auf Vortragsreisen unterwegs ist. Selten schätzt an ihm seine Zuverlässigkeit, Gründlichkeit und Verbindlichkeit. "Mit ihm kann ich immer wieder etwas Neues anfangen." Dazu gehört auch das "Schwierigste" in seinem Leben, wie Selten beteuert: das Menschenbild in der Ökonomie neu zu definieren. Selten hat sich gemeinsam mit Ockenfels daran gemacht, ein grundsätzlich anderes Verhalten des Menschen abseits der Rationalität in der Wissenschaft zu verankern - ein Weg, der noch viele Jahre in Anspruch nehmen wird.

Wer Ockenfels nicht persönlich kennt, muss ihn für einen zähen Kämpfer halten. Wer sonst würde freiwillig mit so vielen Grundannahmen der Wissenschaft brechen? Doch der Vergleich mit der Kämpfernatur lässt den eher zurückhaltend auftretenden Wissenschafter kurz erröten. "Nein", sagt er, "ich bin kein Kämpfer, mir wird nur schnell langweilig, und dann suche ich nach neuen Herausforderungen." Gepaart mit einer Portion Neugier und Zweifel erwächst daraus stets etwas Neues, Großes.

Klimaschutzfragen


Gerade ist Ockenfels dabei, beim Thema Umwelt seinen kritischen Geist an oberster Stelle mit einzubringen. Seit diesem Jahr ist der Vater von drei kleinen Kindern Mitautor des nächsten Berichts des Weltklimarats IPCC. Das zwischenstaatliche Gremium soll der Welt als Informationsquelle zu Klimaänderungen dienen. "Ich glaube, dass ich relevante Erkenntnisse zu den großen Herausforderungen beitragen kann", sagt Ockenfels. "Wie können wir internationale Klimaschutzverhandlungen so ausgestalten, dass sie erfolgreich sind? Und wie müssen Emissionshandelsmärkte und Strommärkte aussehen, damit Klimaschutz nicht zu teuer wird?"

Fragen, mit denen sich Ockenfels immer wieder seit seiner Promotion beschäftigt hat. Doch er ist auch Realist: "Ich glaube nicht, dass wir in den nächsten Jahren ein stabiles, internationales Klimaschutz-Abkommen erreichen werden. Wir dürfen aber nicht den Kopf in den Sand stecken. Es geht um die Zukunft der Welt - und die unserer Enkelkinder." Seine Hoffnung ruht auf regionalen Emissionshandelsmärkten wie dem europäischen, der allmählich mit anderen zusammenwachsen könne. "Economic engineering" soll dabei helfen. Den Blick des Praktikers wird Ockenfels hoffentlich niemals verlieren.

Petra Schäfer, geboren 1975, ist Absolventin der Kölner Journalistenschule für Politik und Wirtschaft und lebt als freie Wirtschaftsjournalistin (u.a. für "Zeit", "Handelsblatt") in Köln.