Er ist der erste Praktiker - wenn ein Wissenschafter diese Bezeichnung für sich überhaupt zulässt. Schließlich ist die Wirtschaftswissenschaft bemüht, die Welt in Theorien zu erfassen, in "Nutzenfunktionen" und Grundsätzen vom durchschaubaren Menschen, der seinen eigenen Vorteil maximiert. Alles ist rational. Aber wir verhalten uns eben anders als in den Modellen erdacht, leben noch dazu in Krisenzeiten, die kein Ökonom prognostiziert hat. Es ist Zeit, dass die Wissenschaft der Wirklichkeit folgt. Mehr noch, als es die erste Generation der sogenannten Verhaltensökonomen in den vergangenen Jahrzehnten angestoßen hat.

In dem hellen, schnörkellosen Büro im Innenhof der Kölner Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät ist die Zeit dafür reif. Axel Ockenfels ist ein Revolutionär seines Fachs. Seine langen Beine hat er übereinandergeschlagen, seinen Körper in den tiefen Sessel gefaltet, die Fingerkuppen gegeneinander gedrückt. Er macht sich klein, doch gleichzeitig konzentriert er seine Spannung auf seine Gedanken.

Rechengröße Kognition


"Ich möchte von der Praxis für die Wissenschaft lernen", sagt Ockenfels und blickt ernst durch die kleinen Brillengläser. Der Satz klingt harmlos, aber er birgt genug Sprengstoff, um die Grundfesten der Volkswirtschaftslehre zu erschüttern. Denn der Kölner Ökonomie-Professor, Leibniz- und Gossen-Preisträger, schickt sich an, seine Zunft von Grund auf zu verändern. "Ich kämpfe dafür, dass wir als Ökonomen herausfinden, wie die Menschen Informationen im Gehirn verarbeiten, wie sie nachdenken."

Kognition als neue Rechengröße in ökonomische Modelle aufzunehmen, das möchte Ockenfels seinen Wissenschafter-Kollegen in aller Welt nahelegen. Um zu verstehen, wie wirtschaftliche Entscheidungen getroffen werden - und um diese besser prognostizieren zu können. "Doch das ist bei Ökonomen noch nicht angekommen." Ockenfels forscht gemeinsam mit Psychologen, reist zu Kongressen, hält viele Vorträge: "Sie müssen den Leuten zeigen, dass es funktioniert." Davon ist der 43-Jährige überzeugt. Denn er zieht seine Bestätigung aus dem Verhalten der Menschen.

Gerade hat er einem großen deutschen Konzern, dessen Namen er nicht nennen darf, mit seiner Forschung bei einer schwierigen Entscheidung geholfen. Sollen Manager wissen, ob ihr Bonus größer oder kleiner ist als der Bonus der Kollegen, oder ist es besser, das Thema Bonuszahlung diskret zu behandeln - und wie wirkt sich das auf die Zufriedenheit der Führungskräfte aus?

Ockenfels und seine Kollegen ließen Studenten im Labor beide Möglichkeiten durchspielen. Gleichzeitig untersuchten sie die Boni, Leistungen und Zufriedenheit von 5000 Managern des Konzerns. Das wissenschaftliche Ergebnis ist verblüffend: Transparenz führt dazu, dass Manager, die kleinere Boni als ihre Kollegen erhalten, unzufrieden sind und anschließend noch weniger leisten. "Die Erkenntnis ist: Manager treibt es nicht an, noch 5000 Euro mehr zu verdienen. Sondern sie mögen es nicht, hinter anderen zurückzufallen", bringt es Ockenfels auf den Punkt. Der Konzern will seine Bonusregeln jetzt überarbeiten.

Für Unternehmen ist der Volkswirt ein gefragter Gesprächspartner. Vor rund zehn Jahren hat er schon auf der Handelsplattform des Internetauktionshauses Ebay geforscht: Damals ging es um neue Auktionsregeln und die bessere Motivation der Käufer, Bewertungen über Verkäufer abzugeben. Seine Forschungsergebnisse wurden umgesetzt. "Viele Anfragen aus der Wirtschaft" bekomme er, erzählt Ockenfels. Und das, obwohl sich führende Unternehmensberater damit brüsten, fundierte Strategien für alle Probleme entwickeln zu können. Ist er ein Konkurrent?

Darauf hat der blonde, 1,94 Meter große Wissenschafter eine einfache Antwort: "Nein, ich bin mit Herz und Seele Wissenschafter und kein Unternehmensberater. Der unmittelbare Einfluss unserer Forschung auf Märkte und Unternehmen zeigt aber, dass wir offenbar vieles besser machen als Unternehmensberater."

Economic engineering


An Selbstbewusstsein hat es dem gebürtigen Bonner, der aus einem Beamtenhaushalt stammt, nie gefehlt. Sonst wäre er nie so früh so weit gekommen: Mit 25 Jahren macht er ein ausgezeichnetes Diplom an der Universität Bonn - bei Reinhard Selten, dem Spieltheoretiker und einzigen deutschen Wirtschaftsnobelpreisträger. Mit 29 promoviert er bei dem Umweltökonom Joachim Weimann, wieder wird die Doktorarbeit preisgekrönt. Er forscht an der Penn State University sowie an der Harvard University in den Vereinigten Staaten und habilitiert sich an der Universität Magdeburg.

Vom Max-Planck-Institut zur Erforschung von Wirtschaftssystemen in Jena wird er schließlich als Nachfolger von Carl Christian von Weizsäcker, dem Neffen des früheren deutschen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, an die Kölner Universität berufen. Dort übernimmt er bereits mit 34 Jahren das Energiewirtschaftliche Institut und den Staatswissenschaftlichen Lehrstuhl. 2005 erhält er den begehrten Leibniz-Preis für seine Forschungen.