Eines der schlimmsten Dinge am Sterben meiner Eltern war, dass ich sie danach nicht mehr anrufen konnte. Zuvor telefonierten wir täglich. Sie wussten immer, wie es mir ergeht. Ich habe sie von den wichtigen und unwichtigen Dingen meines Tages informiert. Meinem Vater habe ich, als er bereits sein Tracheostoma hatte, ins Telefon gesagt, dass ich ein großartiges Literaturstipendium bekommen hätte, damit er sich mit mir mitfreut. Er hat auf den Hörer geklopft - ich wusste, er versteht mich; er wusste, ich verstehe ihn. Ich hätte ihn so gerne angerufen, nachdem er tot war, um ihm zu sagen, wie ich so überhaupt nicht damit leben kann. Ich hätte ihn gerne um Rat gefragt. Er hätte ihn mir nicht versagt. Ich lebe zum Glück trotzdem. Das ist ja das Furchtbare.

Die Zeit heilt alle Wunden, sagt man, und immer, wenn ich das höre, möchte ich schreien. Weil das nicht stimmt.

Leider bin ich nicht gläubig. Ich habe nie gelernt, mich mithilfe von Träumen zu trösten. Manchmal beneide ich die, die das gut können und gerne tun. Der Glaube auf ein Aufgefangenwerden nach dem Tod, vielleicht an ein Wiedersehen mit denen, die man liebt, ja überhaupt: der Glaube, dass da noch irgendetwas ist, den habe ich nicht. Ich glaube an das große schwarze Nichts. Eine freudlose Existenz bin ich deswegen nicht, aber eine zeitweise in tiefer Verzweiflung innehaltende.

Ganz selten hilft mir die Trauer. Sie hilft mir, verspätet, aber doch, daran zu denken, dass die Zeit, die ich mit anderen verbringen kann, nicht unbegrenzt ist. Dass es nicht selbstverständlich ist, diejenige oder denjenigen am nächsten Tag noch gesund und munter vorzufinden. Ich lerne, mich ordentlich zu verabschieden und keine Unausgesprochenheiten übrig zu lassen.

Was ich hingegen bis heute nicht kann und vielleicht auch nie lernen werde: mit diesen großen schwarzen Löchern umzugehen, die der Tod meiner Eltern in mein Leben gerissen hat. Ich tu nur so.