Wer kommt nur auf solche Ideen? Wer so etwas ausbrütet, muss Literatur verachten, Bücher verabscheuen, Kultur hassen. Da vergeben die Österreichischen Bundesforste zusammen mit dem Magazin "Wald" ein Autorenstipendium. Dauer: zwei Monate. Aufenthaltsort: eine Berghütte im alpinen Nirwana.

Hölderlin war ein großer Dichter, obwohl (oder weil?) er nie so etwas wie einen Friedrich-Hölderlin-Preis bekam . . . Bild: Wikimedia
Hölderlin war ein großer Dichter, obwohl (oder weil?) er nie so etwas wie einen Friedrich-Hölderlin-Preis bekam . . . Bild: Wikimedia

Oder nehmen wir das grammatikalisch so ungraziös klingende "Sylt-Quelle Literaturstipendium Inselschreiber". Zwei Monate auf Sylt, Gesamtdotierung: 2500 Euro. Als Wald-Stipendiat bekommt man monatlich 1250 Euro. Wofür man verpflichtet wird, dem Magazin einen Text zu schreiben, "frei in der Form", wie es generös heißt, 12.000 bis 30.000 Zeichen lang, das sind zwischen 7 und 17 Manuskriptseiten. Würde einen so langen Artikel eine andere Zeitschrift veröffentlichen, würde man daran ungefähr so viel verdienen, wie einem Bundesforste und Magazin pro Monat "schenken".

Geht man profan basisökonomisch an die Sache heran, so sähen die Fakten so aus: eingenommen 1250 Euro pro Monat. Zu Hause laufen die Fixkosten weiter. Miete, Substandard: 600 Euro; Krankenversicherung: 250 Euro; ist man weise genug, eine kleine private Rentenversicherung fürs höhere karge Alter abgeschlossen zu haben: 150 Euro. In Summe: 1000 Euro. Bleiben noch 250 Euro übrig für Essen, Kleidung, Medikamente, Leben. Auf der Berghütte kein größeres Problem. Auf Sylt, der Nordseeinsel mit den höchsten Grundstückspreisen in ganz Deutschland, dagegen bleibt die Küche spätestens ab Monatsmitte kalt.

Protokollpflichten

Und dann gibt es natürlich noch die Aufenthaltsstipendien. Über welche die Salzburgerin Bettina Balakà (Salzburger Lyrikpreis, Theodor-Körner-Preis, Alfred-Gesswein-Literaturpreis) in ihrem jüngsten Roman "Kassiopeia" ihren Protagonisten, einen Schriftsteller, in durchaus anmutiger Manier schimpfen lässt. Nicht nur würde, so der in memoriam Thomas Bernhard sudernde Protagonist, mit Substandardauszeichnungen in Substandardwohnungen gelockt werden. Nein, die jeweilige Gemeinde erwarte auch noch vielfältige kulturelle Beiträge des Stipendiaten - als Vorleser, als Volksbildner, als Präsentator seiner selbst, als Protokollant des so überschäumend interessanten Lebens in dem jeweiligen überschäumend interessanten Flecken.

All das, um reale Beispiele zu benennen, in Orten wie Bergen-Enkheim, einem gesichtslosen Vorort des gesichtslosen Frankfurts am Main. Oder in Edenkoben im pfälzischen Nirgendwo. Als "Esslinger Bahnwärter"! Als "Burgschreiber zu Beeskow" (sechs Monate à 750 Euro), lieblich auf halber Strecke zwischen Müllrose und Goyatz im tiefsten Brandenburg gelegen. Als Stadtschreiber in Otterndorf (Einwohnerzahl: 7000) zwischen dem AKW Brunsbüttel und dem desolaten Bremerhaven. Als Krimi-Stadtschreiber im kriminalitätsschütteren Flensburg; oder für drei bis neun (!) Monate auf dem Künstlerhof Schreyahn in Lüchow im Wendland, umgeben von den weltbekannten Orten Lemgow, Lübbow, Waddeweitz und Schnega, der Hof wird analog zur nahen Atommülllagerstätte Gorleben als "Stipendienstätte" angepriesen. Oder als Dorfschreiber in Villgraten/Osttirol.

Die biographischen Kuriosa, die sich früher so gern in den Lebensläufen amerikanischer Autoren tummelten - Totengräber, Leichtmatrose, Hühnerbrater, Wanderarbeiter, Autoverkäufer, Fahrradbote, Grubenhund - ließen sich ja, große Heiterkeit auslösend, trefflich parodieren. Aber hat nicht eben deshalb jemand wie Jim Thompson, der eminente tiefdüstere crime noir-Autor, den deutschsprachige Verlage gerade wieder entdecken und neu übersetzen lassen, die Welt so beschrieben, weil er sie gesehen, erlebt, durchlitten hat, als Glücksspieler, Sprengstoffexperte, Ölarbeiter, Alkoholschmuggler, Trinker, bezahlt pro Zeile? Wusste der mysteriöse B. Traven nicht, wovon er schrieb, wenn er von Abenteurern mit anarchistischen Adern schrieb, von Goldsuchern, Gesetzlosen und Schiffsmaschinisten?

Es ist alles andere als ein Zufall, dass die jüngst gekürte Sylter "Inselschreiber"-Stipendiatin für das Jahr 2013 eine Studentin am Deutschen Literaturinstitut Leipzig ist. Denn: Ist nicht das ureigentliche Existenzgrundrecht dieser Schule (wie auch des Diplom-Studiengangs "Literarisches Schreiben" in Hildesheim) das passgenaue Erschreiben von Stipendien, Preisen, Förderanträgen? Originalität: Fehlanzeige.

Unkonventionelles wird dort um jeden Preis vermieden, pardon: um jedes Stipendium. Könnte man sich einen Arno Schmidt im Kursus des Erzählers Hanns-Josef Ortheil vorstellen? Fritz von Herzmanovsky-Orlando als Eleven des Leipziger Literaturinstitutsdirektors Josef Haslinger und bei dessen Kollegen Hans-Ulrich Treichel einen Louis-Férdinand Céline, einen Konrad Bayer, einen Thomas Pynchon oder den 83-jährigen wilden Schweizer Paul Nizon, der heute in Paris in einer winzigen Einzimmerwohnung haust, weil er den deutschsprachigen Großfeuilletons bewusst die kalte Schulter gezeigt hat?

Wer aber kam eigentlich auf die Idee, als "freier Schriftsteller" zu leben? Fehlen diesen nicht Einsichten, Erfahrungen, Weltpartikel, die der Romancier Ernst-Wilhelm Händler hat, der ein mittelständisches Unternehmen leitet, das Leichtmetall produziert?