Er war ein Volksschauspieler mit Gardemaß, innerlich wie äußerlich. Ein Charakterdarsteller mit Charakter, nehmt alles nur in allem. Und er war, als einzigartiger Rolleninterpret österreichischer Autoren wie Nestroy, Raimund oder Hofmannsthal, die willkommene Identifikationsfigur im Neobiedermeier des Nachkriegsösterreich. Ein Publikumsliebling, der wie gerufen kam in einem Land, das nach Unschuld gierte und alle Schuld, sogar als Staatsdoktrin, geflissentlich von sich wies.

Josef Meinrad als österreichischer Ministerpräsident im Film "1. April 2000" (1952). - © Foto: Wienbibliothek
Josef Meinrad als österreichischer Ministerpräsident im Film "1. April 2000" (1952). - © Foto: Wienbibliothek

Josef Meinrad war das aus dem Volk gekommene, mit dem Volk einige Idol, an dessen allzeit spürbarer Spielfreude man nur zu gern die eigene gänzliche Gegenwartshingabe und leidenschaftliche Selbstvergessenheit anlehnte. Hier schien sich ein tadelsfreier Österreicher als Protagonist auf jenen Brettern darzubieten, die wieder ausschließlich die Welt bedeuten sollten.

Aber Josef Meinrad war auch Träger des Iffland-Rings, der bedeutendsten Auszeichnung für deutschsprachige Schauspieler. "Einfachheit, Schlichtheit, Wahrhaftigkeit" seien jene Eigenschaften, die ihn als "den Würdigsten" bestimmten, begründete Werner Krauss 1959 sein Ring-Vermächtnis. Tatsächlich hat Meinrad mit dem Pfunde solchen Vertrauens künstlerisch gewuchert: Seine Menschendarstellung verdichtete sich durch die spätere ausschließliche Konzentration auf die Bühne und auf ihre Autoren zusehends.

Hohepriester der Bühne


Sein Enthusiasmus von der Bühne herab war ansteckend. Er war erfüllt von einer Spiellust, die rückhaltlos dem Mimus huldigte und selbst vor Ausflügen ins forciert Freudige, künstlich Erregte gelegentlich nicht zurückscheute. Dies war der Kipp-Punkt Meinradscher Darstellungskunst: hart auf der Schneide von lebensfroher Begeisterung und wienerisch abgeschmeckter Selbstfeier. Gewissermaßen ein sich auf der Bühne einstellender ansteckender Vitalismus mit strenger ästhetischer Selbstfesselung.

Priester der katholischen Kirche hätte er werden sollen, Hohepriester der Bühnenkunst wurde er. Die Verbindungskorridore dazwischen waren wohl einst für den Schüler ebenso irritierend wie später für den Erwachsenen verlockend: Pfarrer, Pater, Kardinal, Papst, Heiliger - das alles gehörte zu seinem Rollenrepertoire.

Als Josef Moucka wurde er vor hundert Jahren, am 21. April 1913, im Wiener Arbeiterbezirk Hernals geboren. Er war das vierte und jüngste Kind eines Straßenbahners und einer Milchfrau. Der Wunsch, dass er Priester werde, kam von der Mutter; also bezog er, nach dem Besuch der Volksschule, als Gymnasiast einen Freiplatz bei den Redemptoristen in Katzelsdorf nahe Wiener Neustadt. Anschließend wechselte er ins Priesterseminar, das er 1929 wieder verließ. In einer Lackfabrik verdingte er sich als angehender Bürokaufmann, schloss 1932 die Lehre erfolgreich ab und blieb noch vier Jahre in dem Betrieb.

Inzwischen hatte er bereits in kleineren Einsätzen am Theater mitgewirkt und in seiner Freizeit heimlich Schauspielunterricht genommen. Schließlich schrieb er sich förmlich bei der Schauspielschule Zdenko Kestranek am Kohlmarkt, später bei Carlheinz Roth in der Grünangergasse ein, wo ihn unter anderen Egon Friedell in Kulturgeschichte unterrichtete. 1937 legte er vor dem Ring österreichischer Bühnenkünstler die Schauspielprüfung ab.

Indes, mit dem Namen Josef Moucka konnte man als Darsteller nicht gut Karriere machen. Also nannte sich der junge Mime gleich bei seinem ersten Auftritt, 1930 bei den Hans-Sachs-Festspielen in Korneuburg, Josef Meinrad.

Ab 1935 war er zum Ensemble der kabarettistischen Kleinbühne ABC gestoßen, die Hans Margulies, Inhaber der Zeitung "Wiener Tag", unterhielt und in der brisante tagespolitische Kritik mit antinationalsozialistischer Stoßrichtung auf den Programmen stand. Neben Jura Soyfer als Hausautor und Hans Weigel steuerte unter der Gesamtleitung von Leo Askenasy (dem späteren Leon Askin) auch schon einmal Ernst Toller eine Szene bei, und die Kritik schrieb: "Der junge, blonde Josef Meinrad, ein neuentdecktes Talent, wird noch seinen Weg machen."

Ein Jahr später führte Rudolf Steinboeck, der spätere Direktor des Theaters in der Josefstadt, im "ABC" erstmals Regie, und der junge Akteur spielte mehrere Rollen in der Uraufführung von Jura Soyfers "Weltuntergang". 1937 wechselte er auf Leon Epps "Insel" am Parkring, die nach dem "Anschluss" Österreichs an Nazi-Deutschland von der SS prompt geschlossen wurde. Doch Epp wurde 1939 Leiter der "Komödie" in der Johannesgasse, und Meinrad kam dort zu heftigem schauspielerischen Einsatz. Zugleich wirkte er am "Wiener Werkel" mit, dem einzigen während der NS-Herrschaft in der Stadt verbliebenen Kabarett, wo es dank den Autoren Rudolf Weys, Fritz Eckhardt und Kurt Nachmann gelang, trotz der Vorschriften des Reichspropagandaministeriums Kritik am NS-Regime anzubringen.

Im Spätherbst 1940 wechselte Meinrad an das Fronttheater in Metz und entkam so der Einberufung zur Deutschen Wehrmacht. Bis Kriegsende blieb er dort im Engagement, spielte Komödien- und Operettenrollen und lernte seine spätere Frau, die Lothringerin Germaine Clement, kennen.