In Lunik IX sind solche Botschaften freilich noch nicht angekommen. In der heruntergekommenen Siedlung leben die ärmsten und orientierungslosesten Roma des Landes. Immer wieder wird in ausländischen Medien auf ihre prekäre Situation aufmerksam gemacht, werden Übergriffe extrem rechter Gruppen oder gewöhnlicher Nachbarn im Dorf gemeldet, ist von der Bildung sogenannter Roma-Garden die Rede oder wird die Unfähigkeit von Politikern, der Lage Herr zu werden, angeprangert. An der Situation der Roma hat das bisher aber kaum etwas verändert.

Doch inmitten von Armut und Hoffnungslosigkeit gibt es in Lunik IX eine kostbare Kleinoase des Glücks. Anna Klepácová leitet den Ende der 1990er Jahre gegründeten staatlichen Kindergarten von Lunik IX, den alle fünf- bis sechsjährigen Kinder sowie deren jüngere Geschwister kostenfrei besuchen können. Insgesamt mehr als 120 Kinder werden täglich in Kleingruppen durch den Tag geführt. "Das Wichtigste für die Kinder ist, dass sie einen Ort der Geborgenheit vorfinden und die Möglichkeit haben, einfach Kind zu sein", sagt Anna Klepácová.

Betritt man den - durch einen Eisenzaun und mehrere Stahltüren von der Siedlung abgeschotteten - Kindergarten, vergisst man schon nach kurzer Zeit die Zustände in der Plattenbausiedlung. Geräusche von spielenden und lachenden Kindern, raschelndem Papier, Kreidestiften und Holzspielzeug werden nur durch gelegentliche erzieherische Anweisungen der Pädagoginnen unterbrochen. Dabei lernen die Kinder vor allem Slowakisch, denn obwohl die Roma Slowaken sind, sprechen sie hauptsächlich ihre Muttersprache Romanes. Im spielerischen Umgang lernen die Kinder auch, ihre kreative Seite zu entdecken. Bilder und Zeichnungen der Kinder von Lunik IX wurden bereits mehrfach ausgezeichnet und in etlichen Galerien ausgestellt.

Angriffe auf Lehrer


Für einige Frauen von Lunik IX bietet der Kindergarten auch die Möglichkeit einer geregelten und anspruchsvollen Arbeit als Köchin, Haushälterin oder Bürohilfe. "Ein geregelter Tagesablauf sowie Toleranz und Harmonie im Umgang miteinander - all das muss Kindern schon vor dem Schuleintritt vermittelt werden", sagt Klepácová. Tatsächlich wird der Kindergarten unter den Einwohnern positiv wahrgenommen. Viele Eltern sind dankbar, dass ihre Kinder hier und nicht auf den Müllbergen der Siedlung spielen können.

Doch es scheint, als ob die Roma von Lunik IX ihrem Schicksal nur schwer entfliehen können. In der nahegelegenen Grundschule ist die Situation weniger harmonisch. Die meisten Schüler schwänzen regelmäßig den Unterricht, Angriffe auf das Lehrpersonal gehören zum Alltag. Lehrer und Schüler fühlen sich fehl am Platz. Anstatt in die Schule zu gehen, verbringen die Kinder ihren Alltag erneut auf den Straßen und Müllbergen von Lunik IX. "Ich wünsche mir, dass zumindest einigen der Kinder die Flucht aus dem Elend gelingt", sagt Anna Klepácová hoffnungsvoll. So ganz glaubt sie aber selbst nicht daran, denn "als Roma habe man es in der Slowakei schon schwer genug. Wer jedoch aus Lunik IX kommt, hat kaum Chancen auf ein besseres Leben".

Michael Biach, geboren 1979, lebt in Wien und arbeitet als freier Journalist und Fotograf. Er befasst sich mit kulturellen und sozialen Aspekten der Gesellschaft. (Seine Bilder über "Die Kinder von Lunik IX" werden beim Fotofestival The Browse im Juni in Berlin ausgestellt.) www.michaelbiach.com