Offizielles Plakat von Kurt Libesny. - © Bild: Österreichische Nationalbibliiothek
Offizielles Plakat von Kurt Libesny. - © Bild: Österreichische Nationalbibliiothek

Dem Reich der Illusion entstammt auch jener Consultant der legendären k.k. "Parallelaktion", der im Sommer des Jahres 1913 Urlaub vom Leben zu nehmen gedenkt. Als "Mann ohne Eigenschaften" geht er in die Literaturgeschichte ein. Robert Musil eröffnet dieses sein Hauptwerk mit dem berühmten Satz: "Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum." Was übersetzt so viel heißt wie: An besagtem Augusttage des Jahres 1913 herrschte uneingeschränktes Schönwetter. Kaiserwetter, gewissermaßen.

Im richtigen Sommer 1913 zeigte sich der Wettergott indes wenig gütig. Auf die 155 Betriebstage der Österreichischen AdriaAusstellung entfielen 79 Regentage, wie die "Neue Freie Presse" am 6. Oktober meldete. Die Schau hatte am Vortag ihre Tore geschlossen. Dennoch waren insgesamt 2.080.000 Besucher auf das Pratergelände geströmt, um sich, ja, den Illusionen hinzugeben, die dieser fiktionale Raum zu bieten hatte. Sie tauchten ein in eine virtuelle Realität, in der sich Wissensdurst und Spieltrieb, Fernweh und andere Emotionen genussreich - und gefahrlos - stillen ließen.

Denn das Dargebotene zele-brierte eine allen Menetekeln trotzende Normalität: Hochkultur wurde konsumierbar im sogenannten Rektorenpalast von Ragusa (Dubrovnik), wo die "Wiener Werkstätten", die "Secession" und der "Hagenbund" ihre Werke ausstellten.

Das "Landhaus von Capodistria", ein Prokuratorenpalast mit Spitzbogenfenstern und ghibellinischen Zinnen, beherbergte ein Post- und Telegraphenamt, eine "öffentliche Telephon-Sprechstelle", eine Schreibstube, einen Stand der Versicherungsgesellschaft "Fidelity and Deopsit Co. of Marryland"; eine Lesehalle mit Bibliothek (zur Verfügung gestellt von der Verlagsbuchhandlung A. Hartleben); ein Fremdenverkehrsbüro, eine Bankstelle sowie die "Preßleitung" (Pressestelle) und das Generalsekretariat.

Unter den rekonstruierten Gebäuden fanden sich auch die Ca d’oro von Piran, das Gemeindehaus von Spalato, beide im venezianisch-gotischen Stil; das St. Georgshaus von Lovrano, ein Campanile und ein Klostergang. Gar ein Derwisch-Lager bot man auf. Das Hotel Dalmatia wiederum sollte die "Mustertype einer dalmatinischen Fremdenherberge" darstellen. Für Adria-Flair sorgte ferner das Stadtviertel "Alt Abbazia" mit seinen verwinkelten Gassen, Arkaden und einer Osteria.

Das Gelände war zudem Austragungsort eines geradezu olympischen Sportfestes. Alle Disziplinen waren vertreten, vom Fußball und Landhockey über Fechten, Tennis und Kunstradfahren bis zu Ruder- und Schwimmbewerben.

Von dem künstlichen See mit seinen Barken, Fischerbooten und der Insel mit dem Café Adria führte ein großer Kanal mit drei Brücken bis zur Rotunde. Wer diesen kolossalen (anlässlich der Weltausstellung 1873 eröffneten und durch einen Großbrand 1937 zerstörten) Kuppelbau durch das Südportal betrat, befand sich "gleichsam auf dem Deck eines modernen Kriegsdampfers. Die Kommandobrücke des modernen Schlachtschiffes zog die Besucher in Scharen an, desgleichen die komplett ausgestattete Offiziersmesse, Kommandantenwohnung und Schiffsküche.

Reiz der Militärtechnik


Die k.k. Kriegsmarine präsentierte auch Illustrationen der Küstenverteidigung, ferner Artillerie und Handwaffen, Torpedos sowie Schiffsdampfturbinen. An öffentlichem Interesse für Militärtechnologie herrschte - und herrscht noch heute (man denke an die alljährliche Schau des österreichischen Bundsheeres am Wiener Heldenplatz) - kein Mangel. Der österreichische Schriftsteller Walter Grond (Jahrgang 1957) ließ die Welt der österreichischen Kriegsmarine noch einmal auf ganz besondere Weise aufleben: Sein Roman "Mein Tagtraum Triest" schöpft aus der Grondschen Familiengeschichte. Großvater Liborius Zeeman war Werftdirektor in Triest, baute mit dem berühmten Konstrukteur Siegfried Popper am Großkampfschiff "Viribus Unitis" - und fühlte, "was hinter der kosmopolitischen Kulisse" der Hafenstadt brodelte. Grond: "Ein Schiffsbauingenieur der kaiserlichen Marine mochte zugleich vergangenheitskrank sein, aber durchaus utopisch denken."

Die naturwissenschaftliche Abteilung der Rotunde erfüllte einen besonderen Bildungsauftrag: Sie präsentierte die Forschungstätigkeit des militär-geographischen Instituts und der geologischen Reichsanstalt, zeigte Seewasseraquarien und Mineralien, Fauna und Flora der Adrialänder, und warb für Naturschutz.

Die Handelsmarine wiederum präsentierte u.a. Dampfschifffahrtsunternehmen und eine Abteilung für Seefischerei. Noch einmal sei Dottore Moscheni zitiert: Der Erwerb mächtiger Seeküsten habe der Monarchie "auf einmal kostbares Reeder- und Seeleutematerial" gebracht. Verfügte die österreichische Handelsmarine 1760 erst über 127 Schiffe, so waren es im Jahr 1814 bereits 1600 und 1867 gar 2936 Schiffe. Moscheni würdigt auch das österreichische Erfinderschicksal des in Triest ansässigen Josef Ressel.

Dieser hatte 1826 die Dampfschraube erfunden, durch einen unglückseligen Zufall bei der Probefahrt aber ein polizeiliches Verbot weiterer Versuche hinnehmen müssen. Erst verspätet vollzog sich daher der Übergang zur k.k.-Dampfschifffahrt.

Der Hafen Triest präsentierte sich in einer eigenen Abteilung. Und der Expo-Katalog zeigt eindringlich, dass diese Schau dem Fortschritt in allen Lebensbereichen huldigte: Da werden nicht nur Stadtansichten, der Straßentunnel "S. Vito" und die neue Fischhalle vorgestellt, sondern auch die Grundrisse eines Siechenhauses und der Irrenanstalt "Andrea di Sergio Galatti", das Spital für Infektionskrankheiten oder ein Verbrennungsofen für Tierkadaver.