Virtuelle Reisen


Triestiner Kaufleute und Financiers hatten auch den Österreichischen Lloyd gegründet, der die Adriaküste, später noch "Konstantinopel, Smyrna und Alexand-rien" anfuhr. 1912 war die Flotte auf 66 Dampfer angewachsen. Ihr Ozeanriese "Wien" lag im Ausstellungssee vor Anker - in verkleinerter Nachbildung, zum prächtigen Restaurant ausgestaltet. Die Innenausrichtung des Speisesaals war "im vornehmsten Adam-Stil gehalten" (einem vom schottischen Brüderpaar Robert und James Adam geprägten klassizistischen Architekturstil). Das Interieur war für den nächsten Dampfer des Österreichischen Lloyd bestimmt und für die Dauer der Schau verliehen.

Für das lust- und genussvolle Erleben der virtuellen Adria-Welt sorgten schließlich zahlreiche Unterhaltungseinrichtungen. Das seit 1766 für die Allgemeinheit geöffnete Pratergelände war bereits ein traditioneller "Sammelpunkt für imaginäre Reisen", wie die Historikerin Ursula Storch in ihrem Aufsatz "Gruß vom Nordpol im k.-k. Prater" ausführt. ("Wien II. Leopoldstadt", 1999). Als Katapult in die Fremde dienten anfangs Panoramen und Dioramen, dann die ersten Kinos.

Ein solches - das "Marinekino" - stand dem Publikum der Adria-Ausstellung im Expo-Palast der Reederei Austro-Americana (unübersehbar durch den rot-weißen Leuchtturm) offen. Dort spielte man etwa einen "langen Film, der eine Fahrt des großen Prachtdampfers ,Kaiser Franz Josef I.’ illustrierte . . ., und einen Riesenfilm, der das Leben Richard Wagners darstellt", schrieb die "Neue Freie Presse" vom 5. Mai 1913. Auch der Streifen "König Mene- laos im Kino" von Regisseur Otto Löwenstein war dort zu sehen.

Südbahngesellschaft


Die Südbahngesellschaft - Eigentümerin der Bahnverbindung zwischen Wien und der Adria sowie nobler Hotels entlang der Strecke - hatte eine ganze Semmering-Szenerie aufgebaut: Vor einem Felsportal mit plastischem Tunneleingang befand sich eine Stationsanlage samt automatischem Bahnschranken. Hinter dem Tunneleingang tat sich eine Felswand auf und gewährte "einen entzückenden Ausblick auf den Semmering" mit seinen Hotels, Kurhäusern und Villen.

Den Fernblick simulierte ein raffiniert-realistisches Diorama, gemalt vom Brüderpaar Kautzky und Rottanara (schon 1895 hatten deren Panoramen für den Vergnügungspark "Venedig in Wien" begeistert). Die Expedition fand ihre Fortsetzung in einer mit echten Stalagmiten und Olmen bestückten Grotte. Durch einen Höhlenspalt gelangte man hinaus auf eine Pergola, die einen Ausblick auf die Adria bot, auf das Schloss Miramar, die Südbahntrasse und auf das Häuermeer von Triest.

Doch die Veranstalter warteten noch mit ganz anderen Entrückungsmaschinerien auf, etwa mit den Attraktionen "Unterseeboote" oder "Auf hoher See". Letztere vermittelte die perfekte Seereise-Illusion: "Das Publikum befindet sich sofort schon beim Eintritte in das Objekt auf einem der bequemen Dampfer, welche unser schönes Adriatisches Meer befahren", heißt es auf einem Werbeplakat. Die Besucher müssten sich nun die feste Vorstellung machen, wirklich an Bord eines Schiffes zu sein und "es sei alles reinste Wirklichkeit, was vorgeht, und nicht Täuschung . . . Durch das Heraufholen der Anker, Emporhissen der Boote, Kommandorufe des Schiffspersonals . . . Nebelhornpfeifen usw. wird die Täuschung vollkommen. An den Fenstern ziehen reizende Seelandschaften und Marinebilder vorbei, lustige Delphine hüpfen aus der Flut . . . Es ist eine hochinteressante, Seekrankheit vollkommen ausschließende Fahrt, ein schöner Zeitvertreib für jedermann." Der explizite Hinweis auf die räumliche wie sinnliche Täuschung dürfte das Vergnügen all jener Besucher kaum geschmälert haben, für die eine Schiffsreise im wirklichen Leben ebenfalls nichts anderes war als "reine Illusion".

Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen. Der imaginär Reisende der Adria-Ausstellung konnte einen Erstbericht sogar per Fotopostkarte an die "Daheimgebliebenen" senden, ehe er draußen, in der realen Welt, den Rest erzählte.

Ingeborg Waldinger, geboren 1956, Romanistin/Germanistin, ist Redakteurin im "extra" der "Wiener Zeitung" und literarische Übersetzerin aus dem Französischen.