"Wir standen am Strand. Ich, etwa fünf Jahre, an der Hand meines Vaters (. . .). Wir schauten aufs Meer hinaus - das erste Mal in unserem Leben." Vater und Tochter betrachteten das weite Meer, den unendlichen Horizont, und das Mädchen fragte, was dahinter liege. "Der Horizont und dahinter wieder der Horizont", antwortete der Vater.

Die Szene spielte im Sommer 1923, so erinnerte sich Elisabeth Mann Borgese später an die Ferien an der Nordsee mit ihren Eltern und dem jüngeren Bruder Michael. Das Meer, das sie von Jugend an fasziniert hatte, sollte Elisabeth Mann Borgese - in der Familie "Medi" genannt - ein Leben lang begleiten.

Elisabeth Mann wurde am 24. April 1918 als fünftes der sechs Kinder von Thomas und Katja Mann in München geboren. Vom Augenblick der Geburt an war sie Vaters Liebling, wie er in dem in Hexametern gehaltenen, heute etwas seltsam anmutenden "Gesang vom Kindchen" im Herbst 1918 deutlich zum Ausdruck brachte. Im großbürgerlichen, wirtschaftlich sehr gut gestellten Elternhaus verbrachte sie eine glückliche Jugend, von den turbulenten wirtschaftlichen und politischen Ereignissen der Zeit beinahe ungestört. Man gab Gesellschaften, ging in die Oper, fuhr auf Urlaub, genoss Abende mit dem neuzeitlichen Grammophon - und hatte natürlich reichlich Hauspersonal.

Nobelpreis-Telegramm

Elisabeth war - im Unterschied zu manchen ihrer Geschwister - eine sehr gute Schülerin und übersprang sogar zweimal eine Klasse im Gymnasium. Und ebenfalls im Unterschied zu ihren Geschwistern empfand sie das Elternhaus mit dem berühmten Vater nicht als bedrückend oder einengend. Das Telegramm mit der Mitteilung des gewonnenen Nobelpreises (1929) durfte Elisabeth ihrem Vater ins Arbeitszimmer bringen. Es ist nicht bekannt, dass Elisabeth je unter dem berühmten Namen gelitten hätte.

Im März 1933 holte die politische Realität aber auch die Manns ein. Während eines Erholungsaufenthaltes in Arosa wurde der Familie klar, dass es wohl besser wäre, nicht mehr nach Deutschland zurückzukehren. Elisabeth, damals fünfzehnjährig, wollte unbedingt das Gymnasium in München beenden, was ihr zunächst gestattet wurde. Doch nach wenigen Wochen merkte auch sie das veränderte Klima in ihrer Heimatstadt, die kühle Behandlung durch die Lehrer, das Horst-Wessel-Lied im Unterricht. Kurz vor Verhängung scharfer Ausreiserestriktionen holte sie ihr Bruder Golo im April zurück in die Schweiz, wo sie die zutiefst beunruhigten Eltern wieder in die Arme schließen konnten.

Der neue Wohnort war Küsnacht bei Zürich, wo die Kinder geregelt in die Schule gehen konnten. Dank des rechtzeitig in die Schweiz geretteten Nobelpreisgeldes lebte man wieder wie gewohnt, ging Ski fahren, und Verdunkelungsübungen gaben den Kindern "herrliche Anlässe zu Festen mit nur sehr geringer Beleuchtung". Auch Ausgehen war angesagt: "Wir haben uns die Nächte um die Ohren geschlagen (. . . ) Ich kann mich erinnern, dass morgens schon die ersten Skiläufer wegfuhren, als wir heimkamen."

Elisabeths neue Leidenschaft wurde das Klavierspiel, das sie intensiv - bis zu acht Stunden am Tag - ausübte. Nicht verwunderlich, dass es sie nach der Matura, die sie 1935 ablegte, aufs Konservatorium zog, wo sie 1937 ein Konzertexamen ablegte.

Ende 1936 wurden die Manns ausgebürgert und verloren die deutsche Staatsbürgerschaft, doch durch gute Kontakte wurde ihnen kurz danach das tschechoslowakische Bürgerrecht verliehen.

Im November 1937 erhält Thomas Mann ein Exemplar des "Goliath" eines gewissen Giuseppe Antonio Borgese (1882-1952), eines italienischen Antifaschisten, der sich mit der politischen Entwicklung in seiner Heimat in profunder Weise auseinandersetzt. Einige Wochen später trifft Thomas Mann Borgese auch persönlich und ist von ihm höchst angetan. Doch Thomas Mann war nicht der Einzige, der das Buch des Italieners las. Sohn Klaus veröffentlicht eine positive Rezension, und auch Elisabeth ist von dem Werk begeistert.

Im September 1938 verließen Thomas und Katja Mann mit Elisabeth die Schweiz und wanderten in die USA aus. Ein gesellschaftlicher Anschluss ist für die Manns in der neuen Heimat Princeton kein Problem, es geht wie gewohnt weiter mit Abendeinladungen und anderen, dem Ehepaar Mann keineswegs unangenehmen Verpflichtungen. Im Februar 1939 wird Borgese zu Abend geladen. Am Rande dieser Einladung erfährt der erstaunte Vater von Katja, dass zwischen seiner Tochter und dem sechsunddreißig Jahre älteren Italiener, der inzwischen Amerikaner geworden war, etwas "läuft".

Mit den Worten "rührend und seltsam" kommentiert der Vater diese sich anbahnende Verbindung mit Borgese, den er in einem Brief an Bruder Heinrich als "geistreichen, liebeswürdigen und sehr wohlhabenden Mann" beschreibt. Letztere Eigenschaft durfte natürlich nicht unerwähnt bleiben! Einige Jahre später sollte sich Thomas Mann von Borgeses endlosen Monologen dann genervt fühlen . . .

"Weltverfassung"

Auch Borgese hatte wegen des Altersunterschiedes Bedenken, welche ihm die ihn anhimmelnde Elisabeth aber ausredete. Einige Monate später folgte der offizielle Heiratsantrag. Die Hochzeit fand am 23. November 1939 in Princeton statt, während in Europa der Zweite Weltkrieg tobte.