Missbrauch Gottes

Auf der anderen Seite gab es leider zu jeder Zeit religiöse Hitzköpfe, die den Gott, der ein Geheimnis für das rein weltliche Auge darstellt, mit den endlichen und wandelbaren Bildern verwechselten, die sich Menschen von ihm gemacht haben. Indem eben jene Fanatiker Gott vergegenständlichen, schaffen sie einen menschlichen Götzen, der es zum Ziel hat, die Sinne der Menschen zu vernebeln und den Verstand auszuschalten. Es geht ihnen um Sicherheit, Reichtum und Macht.

Ein solches Gottesbild ist seither dazu missbraucht wurden, um bedingungslosen Gehorsam gegenüber korrupten Menschen zu fordern, ein gutes Geschäft zu machen und Herrschaftspositionen legitimieren zu können.

Dabei ist die Ablehnung bestimmter Gottesbilder der Religion selbst inhärent. In dem Gedicht "Gott ist anders" von Leo Tolstoi heißt es passend: "Wenn du nicht mehr an Gott glaubst, an den du früher glaubtest, so rührt das daher, dass in deinem Glauben etwas verkehrt war, und du musst dich bemühen, besser zu begreifen, was du Gott nennst. Wenn ein Wilder an seinen hölzernen Gott zu glauben aufhört, so heißt das nicht, dass es keinen Gott gibt, sondern nur, dass er nicht aus Holz ist."

Die monotheistischen Religionen sind sich einig: Der wahre Gott ist der, der nicht für politische oder ökonomische Interessen missbraucht werden kann. Er ist ein Gott, der sich nicht als eine Wahrheit proklamieren lässt, die für jeden mit bloßen Augen sichtbar ist. Er will von jedem Einzelnen subjektiv geglaubt sein und fordert keine Verehrung durch Zwang ein.

Es gibt im deutschen wie im österreichischen Strafgesetzbuch den sogenannten Blasphemie-Paragrafen. Er stellt denjenigen unter Strafe, der unter anderem in öffentlichen Äußerungen "Gott lästert" und dadurch die öffentliche Ordnung gefährdet. Dieser Paragraf weicht in letzter Zeit immer öfter dem Recht auf Kunst- oder Meinungsfreiheit, obwohl auch diese beiden Freiheiten über deutliche Grenzen verfügen. Unwahre Tatsachenbehauptungen, herabsetzende Diffamierungen oder die Verletzung der persönlichen Ehre bilden die Schranken der Meinungsfreiheit.

Auch die Kunstfreiheit entbindet nicht von der Treue zur Verfassung. Tatsächlich geht es aber um mehr als um Paragrafen. Es geht darum, den Charakter unserer Gesellschaft zu verteidigen. Denn zu Pluralität und Toleranz gehört, dass man diejenigen achtet und respektiert, die anders sind als man selbst.

Wollen wir in einer Gesellschaft leben, in der der Umgang von Verachtung geprägt ist? Heute ist das Lächerlichmachen von etwas, was anderen Menschen heilig ist, hoch im Kurs. Für schnelles Geld und schnelle Aufmerksamkeit werden in Kunst, Literatur, Film, Theater und Musik des Öfteren die Grenzen zwischen Satire und Beschimpfung ausgetestet. Ja, natürlich kann Gott nicht beleidigt werden! Natürlich können verstorbene Heilige nicht beleidigt werden! Aber gibt es nicht doch zivilisierte Umgangsformen?

Schon der aufklärerische Denker Jean-Jacques Rousseau erkannte, dass der Spott gegen die Religion geächtet werden müsse, da man dadurch nicht allein die Religion angreife, sondern "man beschimpft und beleidigt sie in ihrem Gottesdienst, man zeigt eine sträfliche Verachtung gegen das, was sie hochschätzen, und folglich auch gegen sie selbst."

Ganz ähnliche Ansätze vertraten auch der Religionskritiker Ludwig Feuerbach und der Jurist Wilhelm Heinrich von Grolman. Sie erkannten die Wechselwirkung: Werden Gläubige verletzt, dann verletzt es ihre Seelen und damit ihre Menschenwürde. Areligiöse Menschen fühlen sich im materiellen Sinne ganz ähnlich verletzt, wenn beispielsweise durch den Bau von Stuttgart 21 oder dem Berliner Flughafen Steuergelder verschwendet werden.

Respektvoller Umgang

Im säkularen Recht kann es zwar nicht um Gottesvorstellungen gehen, wohl aber um diejenigen, denen Gott ein Anliegen ist. Sie sind es, die durch Religionsbeleidigung beleidigt werden, und zwar viel schwerer und tiefer als durch Beleidigung ihrer eigenen Person.

Wie geht man mit jemandem um, der respektvolle Umgangsformen nicht kennt oder ablehnt? Zwang und Gewalt kann nicht die Lösung sein. Denn was bringt es, jemanden durch Einschüchterung zum Schweigen zu bringen, wenn Meinungen sich nicht ändern? Respekt, Ehre, Liebe, Wertschätzung kommen nur vom Herzen und können nicht erzwungen werden.

Statt in Paranoia zu verfallen, sollten religiöse Menschen angesichts Lästerungen entspannt auf das letzte Urteil Gottes warten. Aber unabhängig davon hat der Staat das Recht, einzugreifen, wenn eine "Lästerung" den gesellschaftlichen Frieden gefährdet. Denn ein Staat, der seine Bürger nicht gegen Angriffe schützt, kann nicht erwarten, dass die Menschen sich als Bürger seines Gemeinwesens fühlen.

Tahir Chaudhry, geb. 1989, Journalist, Blogger und Dokumentarfilmer. Er studiert Philosophie und Islamwissenschaften in Kiel. Mehr Informationen: http://tahirchaudhry. de/me.html