Die Eisenbahn ist kaum erfunden, schon sind zwischen Schottland und London "rollende Postämter" unterwegs. Angestellte gingen in Zügen der Royal Mail ihrer Arbeit nach. Regelmäßig mit an Bord: Englische Pfundnoten, überzähliges Bargeld, das nach London zurückgeschickt wurde, um dort neu verteilt oder vernichtet zu werden.

125 Jahre war alles gut gegangen. Aber am 8. August 1963, morgens um 3.05 Uhr, ging es schief. Der Zug aus Glasgow nähert sich dem Haltesignal "Sears Crossing" nahe der Ortschaft Cheddington, 58 Kilometer nordwestlich des Zielbahnhofs London-Euston. Das Signal steht auf Rot. Lokführer Jack Mills und sein Maschinist David Whitby ahnen nicht, dass mindestens ein Dutzend Gangster in der Dunkelheit lauert. Einer hatte zuvor das grüne Signal abgedeckt und das rote mittels einer Batterie zum Leuchten gebracht. Mills stoppt den Zug und schickt Whitby zum Streckentelefon, um nachzufragen, was los ist. Er wird von maskierten Männern überwältigt. Die stürmen die Lok, schlagen den widerspenstigen Mills nieder und lösen die Koppelung zwischen dem zweiten und dritten Waggon. Der aus einer Kopfwunde blutende Mills wird gezwungen, den Zug wieder in Bewegung zu setzen. 72 Postbeamte in den abgehängten Waggons bemerken nichts von dem Manöver.

Der Kurzzug fährt etwa einen Kilometer weiter bis zur Bridego- Eisenbahnbrücke. Hier warten ein Lastwagen und zwei Landrover. Mit Äxten zertrümmern die Posträuber die Tür des zweiten Waggons und überwältigen die fünf Bewacher. Mindestens 120 Geldsäcke mit 2.631.684 Pfund Sterling werden zur Beute - nach heutiger Kaufkraft etwa 50 Millionen Euro. Die Riesensumme war zusammen gekommen, weil hunderttausende Schottlandurlauber ihr englisches Geld (die Bank of Scotland hat eigene Banknoten) im Norden der Insel ausgegeben hatten.

Perfekte Vorbereitung


Knapp neun Monate zuvor, am 27. November 1962, hatte bei der Fluggesellschaft BOAC die Auszahlung der Löhne angestanden. Ein Transporter stoppt vor der Firmenzentrale am Londoner Flughafen. Wachleute schieben die Geldkassette durchs Erdgeschoss und steuern auf die Fahrstühle zu. Die öffnen sich und sechs elegante Herren mit Nylonstrümpfen über dem Kopf treten heraus, schlagen das Personal nieder und verschwinden mit 62.187 Pfund in drei just in diesem Moment vorgefahrenen Limousinen. Dieser Überfall lieferte das Betriebskapital für den Coup bei Sears Crossing.

Die Eisenbahnräuber wuchten die insgesamt rund zweieinhalb Tonnen schweren Geldsäcke in die Wagen und verschwinden in der Nacht. Nach dreiviertelstündiger Fahrtzeit erreichen sie die zuvor für 5750 Pfund erworbene Lea- therslade Farm, rund 20 Kilometer nordöstlich von Oxford. Nahezu zeitgleich gelingt es einem der Zugbegleiter von Cheddington aus, die Behörden zu alarmieren. Der erste polizeiinterne Funkspruch (gegen 4.30 Uhr) soll gelautet haben: "Ihr werdet es nicht glauben, da haben welche soeben einen Zug geklaut."

Die größte Fahndungsaktion der britischen Geschichte zur Aufklärung des größten Raubüberfalls der Geschichte läuft an. Straßensperren und Kontrollpunkte werden errichtet, Polizeispitzel überschwemmen einschlägige Pubs. In den nächsten Tagen machen die Medien aus ihrer Bewunderung für die mit militärischer Präzision ausgeführte Aktion kein Hehl, sie sehen den Filmbösewicht Dr. No am Werk und fordern im Gegenzug den unverzüglichen Einsatz von James Bond.

Die Posträuber machen es sich derweil auf der Farm gemütlich, um in Ruhe die ersten Maßnahmen der Staatsmacht abzuwarten. Sie fühlen sich sicher, glauben sie doch, die Fahnder würden in London suchen oder im engeren Umkreis um Cheddington.

Kopf der später (vor allem in der Bundesrepublik) als "Gentlemen" bezeichneten Bande ist der Berufsverbrecher und Antiquitätenhändler Bruce Reynolds (31). Der verfügt über ein außerordentlich starkes Nervenkostüm und gilt als Naturtalent in der Planung von Überfällen. Der Friseur Gordon Goody (34), stets wie aus dem Ei gepellt, ist überdurchschnittlich intelligent und hat einen ausgeprägten Sinn für Humor. Auch er zählt zur Führungsebene der "Liga", ebenso wie der Ex-Boxer und Clubbesitzer Ronald "Buster" Edwards (32) und der 31-jährige Charles Wilson, Buchmacher und Gemüsehändler. Die "Fußtruppe" besteht aus dem Handwerker Ronald Biggs, dem Blumenhändler Roger Cordrey, dem Kunstmaler James Hussey, dem Rennfahrer Roy James, Robert Welch, Clubeigner, James White, Cafébesitzer und Thomas Wisby, Buchmacher. Und dem Antiquitätenhändler und Schwager von Bruce Reynolds, John "Paddy" Daly.

Die Polizei begeht einen taktischen Fehler, als sie öffentlich kundtut, sie sei der festen Überzeugung, die Gesuchten versteckten sich in einem Umkreis von 50 Kilometern vom Tatort, "möglicherweise auf einem einsamen Gehöft". Da das tatsächlich der Fall war, räumen die Posträuber umgehend das Feld. Und es gelingt ihnen, sich vorerst in Sicherheit zu bringen.

Am 12. August weist ein Landwirt die Fahnder auf die Leatherslade Farm hin, deren Fenster sämtlich zugehängt waren. Tags darauf stürmt die Polizei das Gebäude, das nicht niedergebrannt zu haben, der größte Fehler der kriminellen "Superhirne" war. Denn: Gleich am Tag des Überfalls hatten es sich einige nicht nehmen lassen, Biggs‘ 34. Geburtstag mit Whisky zu begießen. So konnten etliche Fingerabdrücke "von alten Bekannten" gesichert werden. Hinzu kamen Hinweise aus der Londoner Unterwelt, denn die inzwischen auf 260.000 Pfund erhöhte Belohnung hatte erwartungsgemäß Denunzianten auf den Plan gerufen.