Leatherslade Farm war die erste Zuflucht der Räuber nach der Tat. - © Foto: Bettman/Corbis
Leatherslade Farm war die erste Zuflucht der Räuber nach der Tat. - © Foto: Bettman/Corbis

Am 14. August werden in Bournemouth Roger Cordrey und Bill Boal, ein am Überfall vermutlich nicht beteiligter Kumpan, festgenommen. Sie hatten 141.000 Pfund dabei. Zwei Tage später finden Spaziergänger im Wald bei Dorking zwei Sporttaschen mit 100.100 Pfund. Eine alte Hotelrechnung führt die Beamten auf die Spur des Anwalts Brian Field, der den Leatherslade-Kauf über den Strohmann Leonard Field abgewickelt hatte. Wenig später werden in einem auf White zugelassenen Campingwagen 30.440 Pfund entdeckt. Kurz darauf wird Charlie Wilson festgenommen. Bis zum Jahresende gehen Biggs, Hussey, Wisbey, die beiden (nicht verwandten) Fields, Welch, James und Goody Scotland Yard ins Netz. In einer Londoner Telefonzelle wird ein Sack mit 47.245 Pfund gefunden, das letzte wieder aufgetauchte Geld aus der Beute.

Langer Prozess


Am 20. Januar 1964 beginnt in Aylesbury, der Hauptstadt der Grafschaft Buckinghamshire, der längste Indizienprozess der britischen Geschichte gegen die in allen wesentlichen Punkten schweigenden Posträuber. Am 14. Februar dann die erste Sensation: John Daly wird freigesprochen. Seine Fingerabdrücke waren zwar auf einem in der Farm sichergestellten Monopolyspiel, seine Erklärung, das sei irgendwann einmal aus seiner Wohnung gestohlen worden, konnte ihm nicht widerlegt werden. Abdrücke auf einer "beweglichen Sache" hatten keinen Beweiswert.

Die anderen werden am 26. März schuldig gesprochen, das Strafmaß am 16. April verkündet: Cordrey 20 Jahre Haft. Boal 25 Jahre, ebenso wie die beiden Fields. Die anderen Haupttäter erhalten 30 Jahre. Die drakonischen Urteile gegen die "gierigen Männer", wie sie der Richter nannte, stießen in der Bevölkerung auf heftige Kritik, zumal selbst Mörder oft mit weit geringeren Strafen davonkamen. Beteiligt am "Great Train Robbery" waren auch einige Männer, die nie zur Verantwortung gezogen wurden: "Flossy", der schon beim BOAC-Coup mitgemischt hatte, ebenso wie der Tippgeber "The Ulsterman" und ein "Peter". Zwei weiteren Gentlemen konnte man nichts nachweisen . . .

Schließlich waren noch Reynolds, Edwards und White auf freiem Fuß. Die blieben nicht untätig: Am 12. August 1964 brechen Maskierte in die Haftanstalt Wilson Green ein, schlagen die Wärter nieder, öffnen mit deren Schlüsseln die Zelle von Charlie Wilson und hangeln sich mit ihm über Strickleitern in die Freiheit. Am 8. Juli 1965 fährt am Wandsworth-Gefängnis während des Hofgangs ein Möbelwagen vor, aus dem eine Hebebühne hochfährt. Bewaffnete werfen von der Mauerkrone eine Strickleiter herab. Ronnie Biggs entkommt.

Im folgenden Jahr werden White und Edwards festgenommen. Zwei Jahre darauf Wilson. Am 8. November 1968 geht "Mastermind" Bruce Reynolds in Torquay ins Netz. Er wird zu 25 Jahren Haft verurteilt, aber nach zehn Jahren entlassen. All die überharten Strafen wurden in Berufungsverfahren deutlich gemildert.

Nur ein einziger ist noch auf freien Fuß. Und sollte es sehr lange bleiben. "Ronnie" Biggs floh zuerst nach Frankreich, dann (mit Frau und zwei Kindern) nach Australien. Als ihm Zielfahnder zu nahe kamen, setzte er sich ohne Familie nach Brasilien ab. Auch dort blieben ihm die Häscher auf der Spur. "Hallo Ronnie, lange nicht gesehen", soll Jack Slipper ( "Slipper vom Yard") zur Begrüßung gesagt haben. Mitnehmen durfte er ihn aber nicht, denn es existierte kein gegenseitiges Auslieferungsabkommen. Außerdem hatte Biggs inzwischen eine einheimische Stripperin geschwängert. Den Vater eines zukünftigen Brasilianers auszuliefern ging entschieden zu weit.

Als Ronnies Beuteanteil von 148.000 Pfund verjubelt war, schlug er sich als Werber für Alarmgeräte durch oder ließ sich von Touristen (gemeinsam mit seinem Rottweiler "Blitzkrieg") gegen Entgelt fotografieren. 1981 wurde er von Kopfgeldjägern nach Barbados entführt, doch auch die Behörden dort weigerten sich, ihn in die kalte Heimat auszuliefern. 1978 nahm er ein Album mit der britischen Punkband "Sex Pistols" auf, das als "eine der schlechtesten Platten aller Zeiten" bezeichnet wurde. 1991 stellte er seine Sangeskünste den "Toten Hosen" zur Verfügung.

Nach 35 Jahren Flucht kehrte der schwerkranke Biggs 2001 freiwillig nach England zurück. Er wurde umgehend inhaftiert, schließlich standen noch 28 Jahre Haft an. Nach mehreren Schlaganfällen und einen Herzinfarkt wurde er 2009 aus der Haft entlassen. Entgegen allen Prognosen lebt er immer noch. Ebenso wie Cordrey, Welch, White, Wisby, Leonard Field und Goody, der in Spanien ein Lokal betreibt. Er soll "sein" Geld klug angelegt haben. Bruce Reynolds ist am 28. Februar 2013 gestorben.

Ulrich Zander, geboren 1955, lebt als Journalist in Berlin und ist spezialisiert auf historische und kriminalhistorische Themen.