Steffi Schaffelhofer: Der große "Chineser" im Wiener Prater, 1935. - © Foto: Archiv Holzer
Steffi Schaffelhofer: Der große "Chineser" im Wiener Prater, 1935. - © Foto: Archiv Holzer

Nach gut einem Jahr erhielt er Unterstützung. Ab Mitte 1935 ging ihm der junge Wiener Zeichner Wilhelm (Bil) Spira als Bildredakteur zur Hand. Dieser war zwei Jahre jünger als Oplatka. "Meine Aufgabe war es", erinnerte sich Spira Jahre später, "aus Dutzenden Photos die besten herauszusuchen. Aus den besten jene, die einander am besten ergänzen. Entscheiden, ob aus dem Material eine, zwei oder drei Seiten werden sollen. Erster Entwurf für die Aufmachung der Seiten. Sind zu viele Bilder da, entscheiden, welche nicht unbedingt nötig sind. Sind zu wenig Photos da, die guten stärker vergrößern oder das Thema auf kleinerem Umfang behandeln und eine oder zwei Spalten mit einem kurzen Artikel füllen. Bei jeder Reportage ergeben sich neue Probleme. Das macht den Beruf des Redakteurs so interessant und lebendig. Bald war ich imstande, meine Seiten allein aufzubauen und, wenn Hans krank war, eine Reise unternahm oder in Ferien ging, konnte ich ihn vertreten." Spira beschränkte sich in der "Sonntag"-Redaktion freilich nicht auf die Arbeit des Bildredakteurs. Er zeichnete weiterhin viel, schlug Themen vor und knüpfte Kontakte zu neuen Mitarbeitern. Auf seine Initiative hin wurde etwa Jura Soyfer, den er als Mitarbeiter der "Arbeiter-Zeitung" kannte, eingeladen, beim "Sonntag" mitzuarbeiten. (Anm.: Zu Bil Spira vgl. auch den Artikel von Oliver Bentz im "extra" vom 22. 6. 2013).

Oplatka verfolgte im "Sonntag" eine eigenständige, überaus moderne inhaltliche und ästhetische Linie. Sehr oft stehen Menschen im Zentrum der Betrachtung, dargestellt in ganz alltäglichen Situationen. Es sind einfache Menschen, so wie sie uns alle Tage begegnen können, nicht entrückte und idealisierte Figuren, wie sie in der Presse dieser Jahre bevorzugt auftauchten. Stars und Schauspieler kamen im "Sonntag" weit seltener vor als in anderen illustrierten Zeitungen. Und wenn sie porträtiert wurden, wurde ihnen ein menschliches Antlitz abgerungen. Als am 24. Dezember 1935 der Wiener Komponist Alban Berg starb, widmete ihm der "Sonntag" ein einfaches, aber eindrückliches Titelblatt. Es ist in ruhigen, klaren Schwarz-Weiß-Flächen gehalten. Im Zentrum steht das frontal aufgenommene, knapp beschnittene Porträt des Musikers. Daneben, leicht über der Augenhöhe des Abgebildeten, findet sich in einem senkrechten weißen Kasten der Zeitschriftentitel und unten der Hinweis auf den Fotografen. Das Foto, es stammt von Otto Skall, ist, zusammen mit dem schlichten Namenszug des Verstorbenen, in einen schwarzen Grund gesetzt und tritt so besonders deutlich hervor, ohne monumental oder pathetisch zu wirken.

Blicke in den Alltag


Regelmäßig brachte "Der Sonntag" Berichte und Reportagen über das Leben und den Alltag in den Wiener Außenbezirken und Vororten, wo Not und Armut zu Hause waren. Anfang 1935 etwa erschien eine Aufnahme von Felix Braun, in der das visuelle Programm der Zeitschrift kondensiert erscheint. Die Straßenszene entstand in Lichtental, einer ärmlichen, slumähnlichen Vorstadtgegend im 9. Wiener Gemeindebezirk, die zwischen dem Franz-Josefs-Bahnhof und der Nussdorferstraße gelegen ist. Die Not der Bewohner ist deutlich sichtbar. Aber es geht dem Fotografen nicht in erster Linie um Sozialkritik. Er verhält sich vielmehr als stiller Beobachter, der - wohl von einem erhöht gelegenen gegenüberliegenden Fester aus - eine kleine, alltägliche Begebenheit festhält, die scheinbar im Kontrast zum Elend der Straße steht: das Spiel eines Straßenmusikanten, dem eine Kinderschar aufmerksam zuhört.

Um die Lebensbedingungen und den Alltag der "anderen Hälfte der Bevölkerung" einzufangen, mussten die Fotografen und Reporter des "Sonntag" oft nicht weit reisen. Anfang 1937 erschien eine Fotoreportage von Robert Haas, einem der talentiertesten und wichtigsten Fotografen des Blattes, die in die Vorstadt im Süden Wiens führte, in den Arbeiterbezirk Simmering. Der Fotograf besuchte einen Kindergarten in einem desolaten Barackenlager. Dieser "Garten im Lande der Armen" ist, so erfahren wir gleich auf der Titelseite, "hauptsächlich von Familien Arbeitsloser bewohnt." Das ganzseitige Titelfoto zeigt ein kleines Mädchen, das den Mittagskakao für die anderen Kinder einschenkt.

Unter den vielversprechenden Talenten, die in den 1930er Jahren zu fotografieren begannen und im "Sonntag" veröffentlichten, waren auffallend viele Frauen. Zu ihnen gehörte auch Steffi Schaffelhofer, die seit Anfang der 1930er Jahre interessante Alltags- und Reisereportagen gestaltete. Ab 1934 arbeitete sie regelmäßig für den "Sonntag," 1935 fotografierte sie ein ausdrucksstarkes Porträt einer bekannten chinesischen Figur im Wiener Vergnügungsviertel Prater, die im Volksmund "Chineser" (Der Chinese) heißt.

Die Wege trennen sich


Das Ende des "Sonntag" kam abrupt. Die letzte Nummer erschien am 6. März 1938. Eine Woche später wurde die Mutterzeitung "Der Wiener Tag" und damit auch der "Sonntag" verboten. Am 12. März 1938 wurde die Redaktion von Nationalsozialisten besetzt. Hans Oplatka erinnert sich Jahre später an diesen Tag. "Zu dritt saßen wir (Oplatka, Spira und Soyfer, A. H.) im Café Dankl am Gürtel unter dem Stadtbahnviadukt bei der Volksoper. Zum ersten Mal marschierten die gesamten Naziformationen Währings in voller Uniform in der Stärke von ungefähr drei Kompanien hinter der Hakenkreuzfahne in Richtung Innere Stadt. (. . .) Während die Nazis defilierten, sprachen wir darüber, wie wir herauskommen. Ich riet gegen die ČSR (eine Falle für Österreicher) und gegen die Schweiz, wegen der Haltung der Behörden. Ich sagte via Italien, Frankreich oder sogar via Deutschland."

Hans Oplatka, Bil Spira und Jura Soyfer waren jüdischer Herkunft, ebenso zahlreiche andere Mitarbeiter und Fotografen des "Sonntag". Im März 1938 trennten sich ihre Wege. Die drei engsten Freunde, Oplatka, Spira und Soyfer, schlugen bei ihrer Flucht ganz unterschiedliche Richtungen ein. Hans Oplaka entkam (entgegen seinem ursprünglichen Ratschlag) nach Prag. Im Herbst 1938 floh er über Jugoslawien und Italien nach Paris und später nach England, wo er sich während des Krieges den alliierten Truppen anschloss. Nach dem Krieg konnte er sich in England als Fotograf etablieren.

Bil Spira flüchtete nach Paris, wo er sich als Zeichner durchschlug. 1939 wurde er als "feindlicher Ausländer" interniert und überlebte ab 1942 mehrere Konzentrationslager. Jura Soyfer schließlich versuchte am 13. März 1938 im vorarlbergischen Montafon auf Skiern über die Berge in die Schweiz zu gelangen. Er wurde von österreichischen Grenzbeamten verhaftet. Im Juni 1938 wurde er in das KZ Dachau gebracht, wo er am 16. Februar 1939 an Typhus starb.

Was bleibt vom großen fotojournalistischen Erbe des "Sonntag"? Wenig. Jahrzehntelang nicht einmal die Erinnerung. Nach 1945 knüpfte niemand mehr an die Sternstunden des Fotojournalismus vor dem Krieg an. Den verfolgten jüdischen Fotografen weinte man keine Träne nach. Viele von ihnen kehrten, so sie überlebten, nach dem Krieg nicht nach Österreich zurück. Heute, so viele Jahre nach dem Ende des NS-Regimes, ist es an der Zeit, die wunderbaren Bildgeschichten und Reportagen des "Sonntag" wieder an die Öffentlichkeit zu holen und an die Lebensgeschichten der Fotoreporter und Zeitungsmacher, die hinter diesen Berichten stehen, zu erinnern.

Anton Holzer ist Fotohistoriker, Publizist und Ausstellungskurator in Wien. Am 5. September erscheint im Metro Verlag, Wien, sein
neues Buch: "Fotografie in Österreich. Geschichte, Entwicklungen, Protagonisten. 1890 bis 1955". Mehr unter www.anton-holzer.at