Der Politiker Franz Olah (1910-2009). - © Foto: Robert Strasser
Der Politiker Franz Olah (1910-2009). - © Foto: Robert Strasser

Einem alttestamentarischen Psalmvers zufolge währt das Menschenleben siebzig, und "wenn es hoch kommt" achtzig Jahre. Dieses Alterslimit wird allerdings schon im Alten Testament selbst durch die männlichen und weiblichen Patriarchen Abraham und Sara überboten, was den Spruch des deutschen Bundeskanzlers Konrad Adenauer bestätigt, der zu seinem Enkel sagte, dass man der Güte Gottes - was sein eigenes Alter anbelangt - keine Grenzen setzen sollte.

Inzwischen hat die medizinische und demographische Entwicklung dafür gesorgt, dass die Zahl der Hundertjährigen zugenommen hat und weiterhin zunehmen wird. Freilich ist es kein die Mühe lohnendes Ziel, diese Hundertjahrgrenze bewusst anzustreben. Erstrebenswert ist lediglich ein erfülltes Leben, dessen Krönung durch einen Hunderter man als Zutat dankbar annehmen, aber nicht vermessen erwarten und betreiben darf.

In den letzten Jahren waren es fünf bekannte Persönlichkeiten, die diesem Zielpunkt nahekamen. Ich hatte das Glück, meinen Lebensweg mit diesen Fünflingen mehr oder weniger intensiv kreuzen lassen zu dürfen, was mich auch zu dem vorliegenden zusammengezogenen Nachruf - bzw. im Falle des Lebenden zu einer Würdigung - anregte und ermunterte.

Der Politiker


Der Erstgenannte, der dem Hunderter sehr nahe kam, war der, mit dem ich am häufigsten und intensivsten Kontakt pflegen durfte. Es war dies der langjährige sozialistische Politiker Franz Olah, den ich erst lange nach seiner Entmachtung 1963 kennen und schätzen lernte. Ich verbrachte viele Stunden in seiner nahe dem Bahnhof gelegenen Mietvilla in Baden bei Wien, kam aber auch in Wien häufig mit ihm zusammen. In den frühen Sechzigerjahren wurde ich als enger Mitarbeiter des damaligen Justizministers Christian Broda, dessen Schriften ich edierte und der das Vorwort zu meinem ersten, 1963 erschienenen Buch "Begegnung und Auftrag - Beiträge zur Orientierung im zeitgenössischen Sozialismus" schrieb, Zeuge der geradezu generalstabsmäßigen Vorbereitung der Kriminalisierung und der damit verbundenen politischen Hinrichtung Olahs. Mir missfiel diese Art des Vorgehens schon damals, umso mehr freilich, nachdem ich Jahrzehnte später die Olahsche Version der Ereignisse kennenlernte. Ich machte mir diese natürlich auch subjektiv gefärbte Deutung des Geschehenen nicht zur Gänze zu eigen, sondern bewahrte mir trotz der erfolgten Korrektur mein selbständiges Urteil, das ich in einem Kapitel "Viele Hunde sind des Hasen Tod" in dem 1988 erschienenen Buch "Salz der Gesellschaft - Wesen und Wandel des österreichischen Sozialismus" zusammengefasst habe.

Olah selbst meinte, dass dieses Kapitel das Beste sei, was über ihn geschrieben wurde, obwohl ich in dem besagten Kapitel auch mit Kritik an ihm nicht sparte. Doch die These, dass das Gerichtsverfahren, das zur Verurteilung Olahs führte, kein Ruhmesblatt in der Geschichte der österreichischen Justiz, ja ein politischer Justizmord war, hat sich mittlerweile unter den mit dieser Angelegenheit befassten Historikern und sonstigen Kommentatoren weitgehend durchgesetzt.

Obwohl man mit Interpretationen des in der individuellen Vorsehung in Bezug auf Einzelschicksale Waltenden vorsichtig sein soll, drängt sich in diesem speziellen Fall doch die Deutung auf, dass ein gütiges Geschick es zuließ und herbeiführte, dass Olah alle seine politischen Widersacher, die an seinem Sturz beteiligt waren, überlebte und so eine Entschädigung für die ihm zugefügte Unbill erleben und auskosten konnte. Auch in diesem Zusammenhang lässt sich eine Art "Fünferbande" erblicken, die politisch für den Sturz Olahs verantwortlich war. In alphabetischer Reihenfolge waren dies der Nachfolger Olahs als Gewerkschaftsbundpräsident Anton Benya, der Hauptverantwortliche Justizminister Christian Broda, der Bildungsobmann Karl Czernetz, der Parteivorsitzende Bruno Pittermann und der mächtige Karl Waldbrunner, unter dem als Nachfolger Adolf Schärfs als Parteivorsitzender 1957 die Olah-Krise wahrscheinlich nie so zugespitzt verlaufen wäre wie unter dem führungsschwachen Bruno Pittermann. Als nur mehr einer von diesen fünf Hauptakteuren gegen Olah am Leben war, sagte jener lachend zu mir: "Diese Lemure werde ich auch noch überleben!", was dann auch geschah.

Der Kardinal


Mit dem Tode Kardinal Franz Königs verlor ich einen persönlichen Freund, in dessen Ära als Kirchenführer ich sogar zeitweise eine gewisse Rolle spielen durfte, und zwar als Mittelsmann zwischen Bruno Kreisky, der bestrebt war, den historischen Konflikt zwischen der österreichischen Sozialdemokratie und der katholischen Kirche, der in der Ersten Republik durch die beherrschende Figur des Priester-Politikers Ignaz Seipel repräsentiert wurde, zu bereinigen und dazu auch meiner Persönlichkeit, die in beiden Organisationen verankert war, bedurfte. Für diese Ära kommt auch meine Vorliebe für Alliterationen auf ihre Rechnung: nicht selten wurden und werden Kardinal Franz König, Bundeskanzler Bruno Kreisky und Bundespräsident Rudolf Kirchschläger als die prägenden Persönlichkeiten einer Epoche in einem Atemzug genannt.