Am 1. November 1943 verkündeten die Außenminister Großbritanniens, der Sowjetunion und der USA zum Abschluss ihrer Konferenz in Moskau eine Erklärung über Österreich. Darin wurde Österreich als "erstes Opfer der Hitler’schen Aggression" bezeichnet, das von deutscher Herrschaft befreit werden solle, der Anschluss 1938 für "null und nichtig" erklärt und der Wunsch geäußert, "ein freies und unabhängiges Österreich wiederhergestellt zu sehen". Der letzte Satz lautete: "Österreich wird aber auch daran erinnert, dass es für die Teilnahme am Kriege an der Seite Hitler-Deutschlands eine Verantwortung trägt, der es nicht entrinnen kann, und dass anlässlich der endgültigen Abrechnung Bedachtnahme darauf, wieviel es selbst zu seiner Befreiung beigetragen haben wird, unvermeidlich sein wird."

Diese Erklärung ist als " Moskauer Deklaration" in die Geschichte eingegangen. Wie ist sie entstanden und was sind ihre Auswirkungen gewesen? In allen Überlegungen der späteren Sieger ging es stets um die Frage, was mit Deutschland nach dem Krieg geschehen sollte. Wie konnte es auf Dauer entmachtet werden, um die Welt vor einer erneuten deutschen Aggression zu bewahren? Von Anfang an war dabei eines klar: Österreich musste wieder von Deutschland getrennt werden. Aber was sollte dann mit Österreich geschehen?

Londoner Planungen

Im Foreign Office in London begannen im Frühjahr 1943 die Nachkriegsplanungen. In einem groß angelegten, 13-Seiten-Memorandum vom April 1943 ("The Future of Austria") hieß es zur strategischen Bedeutung Österreichs, wer von den großen Mächten Wien und die österreichische Donau beherrsche, beherrsche den gesamten Donauraum -mit anderen Worten: "Österreich ist in mehrfacher Hinsicht der Schlüssel für die Zukunft Europas." ("Austria is, from several points of view, the keystone of the European arch.") Von daher war auch klar: "Die Zukunft Österreichs wird eine der schwierigsten Fragen sein, mit denen Staatsmänner nach dem Krieg konfrontiert sein werden." ("Austria’s future will be one of the most difficult questions with which statesmen will be faced after the war.") Vier mögliche Lösungen wurden genannt: Österreich als

1. Teil Deutschlands,
2. Teil einer süddeutschen Föderation,
3. frei und unabhängig,
4. Teil einer Föderation mit Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn.

Lösung eins wurde abgelehnt ("Unser Hauptziel ist die Trennung Österreichs von Deutschland.") Lösung zwei - Konföderation Österreich-Bayern, mit oder ohne Württemberg und Baden - wurde ebenfalls abgelehnt. Das Ergebnis wäre ein überwiegend katholischer Staat und ohne die Zustimmung der Menschen nicht zu verwirklichen; die aber sei nicht gegeben. Die Begründung ist interessant:

"Bayern und Österreicher mögen beide die Preußen nicht, aber diese gemeinsame negative Haltung ist zu wenig für einen Zusammenschluss. Bayern und Österreicher haben sich im übrigen nie besonders gemocht. Es sind zwar beides überwiegend katholischer Länder, aber der österreichische Katholizismus ist von der Gegenreformation geprägt und stärker mit Rom verbunden als der mehr nationale Katholizismus Bayerns. Es gibt kulturelle Gemeinsamkeiten, aber auch Rivalitäten."

Bei den Anschluss-Abstimmungen im Jahre 1921 in Tirol und Salzburg sei es um den Anschluss an Deutschland, nicht um den Anschluss an Bayern gegangen. Würde Bayern Anschlusswünsche betreffend Österreich hegen, um so den Konsequenzen der Niederlage Deutschlands zu entgehen, so würde es sich früher oder später wieder mit Restdeutschland vereinen und höchstwahrscheinlich versuchen, Österreich mitzubringen. Ein deutscher Staat ("German state"), der von Wien bis Stuttgart und Freiburg oder von Wien bis München reiche, würde nicht länger ein Donaustaat sein und eine enge Verbindung mit Deutschland eingehen, "wo doch unser Hauptziel die Trennung Österreichs von Deutschland ist". Es blieben die Lösungen drei und vier als "einzig praktische Alternative".

Lösung drei bedeute in jedem Fall ein schwaches Österreich, das von daher "ein potentieller Gefahrenherd" sei; dabei wurde immer wieder auf das Schicksal der Ersten Republik verwiesen. Ein "freies und unabhängiges" Österreich werde nur überleben, wenn die Vereinten Nationen zu nachhaltiger politischer und wirtschaftlicher Unterstützung bereit seien; andernfalls werde es in den Schoß Deutschlands zurückkehren ("will almost inevitably result in the end in the return of Austria to the German fold").

Aber auch die Föderation wurde als eine relativ unsichere Sache gesehen, um die Unabhängigkeit Österreichs zu sichern. Dabei wurde auch auf Tendenzen in Osteuropa hingewiesen, eine deutsche Minderheit so weit wie möglich zu vermeiden. In einigen Staaten werde es immer populärer, die Deutschen auszuweisen. Je weniger Deutsche, um so sicherer: Schon aus diesem Grund würden diese Staaten eine Konföderation ohne Österreich bevorzugen. Im Übrigen halte keines der potentiellen Partnerländer die Teilnahme Österreichs an einer solchen Konföderation für unbedingt notwendig.