Im Leben jedes erfolgreichen Künstlers gibt es Höhen und Tiefen, Erfolge und Misserfolge. Es gibt sehnsüchtig erwartete und durch persönliche Leistung errungene Aufschwünge, unerwartete, oft durch schicksalhaftes Missgeschick verursachte Abstürze. Diese Umstände hängen von vielen Faktoren ab. Vom eigenen Können, von geschickten, einflussreichen Managern, von einem gezielten Marketing, von schicksalhaften Fügungen und (welt-)politischen Konstellationen. Auch die kometenhafte Karriere der Marika Rökk unterlag manchen dieser Unwägbarkeiten. Aber die Voraussetzungen dafür schuf sie selbst, durch ihren unerhörten Ehrgeiz, ihre Selbstdisziplin und ihr Arbeitsethos. Und selbstverständlich auch durch ihre natürlichen Gaben und erbbedingten Begabungen.

Marika Rökk war keine Schönheit im klassischen Sinn, aber eine ausgesprochen hübsche Frau. Sie war eine Frohnatur, sie hatte ein überschäumendes, explosives Temperament und einen bezwingenden Charme. Wenn sie ekstatisch Csárdás tanzte, ihre Pirouetten drehte, mit ihren schön geformten Beinen wie ein Sturmwind über die Bühne fegte, riss sie das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin, flogen ihr die Männerherzen zu. Die Rökk hatte Paprika im Blut. Sie war, wie man heute sagt, sexy. Vergleiche haben bekanntlich die Eigenschaft, zu hinken. Ich wage trotzdem einen. Ich behaupte, dass Marika Rökk die Fanny Elßler (berühmte Wiener Tänzerin, 1810-1884, Anm. d. Red.) des 20. Jahrhunderts war. In einer anderen Zeit natürlich, in einem anderen gesellschaftlichen Umfeld und unter anderen künstlerischen Bedingungen.

Gutbürgerliche Kinderstube

Marika Rökk wurde am 3. November 1913, einem Sonntag, in Kairo geboren. Der Geburtsort war ein rein zufälliger. Sie war keine Ägypterin, sondern eine waschechte Ungarin. Der Vater, Architekt von Beruf, hielt sich zufällig und nur für kurze Zeit in Ägypten auf. Schon nach ein paar Monaten kehrte die Familie nach Budapest zurück, wo die kleine Marika, die auf den Namen Marie Karoline getauft war, wohlbehalten in gutbürgerlichen Verhältnissen aufwuchs. Die Zeiten waren stürmisch. Im Sommer 1914 brach der Erste Weltkrieg aus, die Urkatastrophe des an politischen Umstürzen, gesellschaftlichen Umwälzungen und an menschlichen Gräueltaten reichen vorigen Jahrhunderts.

Vater Rökk musste Kriegsdienst leisten, kehrte aber aus dem völkermordenden Gemetzel unversehrt zurück. Ungarn verlor einen Großteil seines Staatsgebietes, es gab politische Machtkämpfe, eine schwere Wirtschaftskrise erschütterte das Land. Vater Rökk verlor durch die Geldentwertung sein Vermögen. Die kleine Marika merkte und spürte von all dem nichts. Als die Eltern sie einmal in die Oper mitnahmen, wo es ein Ballett zu sehen gab, hatte sie nur noch einen Wunsch: selbst einmal eine gefeierte Tänzerin zu werden.

Das ehrgeizige Mädchen verwirklichte seinen Traum. Aber der Weg bis dahin war weit, mühsam und entbehrungsreich. Er begann gegen den väterlichen Willen mit der Tanzausbildung in einer Ballettschule in Budapest und führte zunächst nach Paris. Dort wurde das kleine Bewegungstalent weiter ausgebildet und durfte nach sorgfältiger Einübung sogar im berühmten Moulin Rouge auftreten. Dann ging es, im Alter von zwölf Jahren und in Begleitung der Mutter, mit einer Tanzgruppe nach Amerika. Marika trat am Broadway auf, ging auf Tourneen, trampte von einer Stadt zur anderen, steppte in Revuen, drehte ihre Pirouetten, tanzte sich die Füße wund. Es war trotz guter Gagen eine harte Zeit. Fünf Jahre lang, eine Lebensschule. Schließlich kehrte der Teenager heimwehgeplagt als Tanzstar nach Budapest zurück.

In Europa geht das Nomadenleben weiter. Marika Rökk tritt bei Gastspielen in Hamburg und Berlin, in Monte Carlo und Cannes, in Paris, London und Wien auf. Das anspruchsvolle Publikum ist von der stürmischen Rasanz ihrer Tanzkunst beeindruckt. Der Jungstar hat eine gute Presse, rückt mehr und mehr in das Blickfeld der einschlägig interessierten Öffentlichkeit. Aber der große Durchbruch ist es noch nicht. Der gelingt dann in Budapest in der Hauptrolle der Zirkusrevue "Stars in der Manege", in der Marika alle ihre Talente ausspielt. Sie tanzt, reitet und vollführt unter der Zirkuskuppel ohne Netz halsbrecherische Kunststücke. Die Revue übersiedelt hierauf in den Zirkus Renz nach Wien.

Das riesige Tanztalent der rassigen Ungarin hat sich inzwischen in der Fachwelt herumgesprochen. Der Direktor der deutschen Filmfabrik Ufa, der einer Aufführung beiwohnt, macht ihr vom Fleck weg ein verlockendes Filmangebot. Marika zögert. Sie hat keine Schauspielausbildung, ihre Deutschkenntnisse sind bescheiden. Nach Beratung mit den Eltern nimmt sie die Chance, die sich ihr bietet, an. Es ist der erste große Wendepunkt in ihrer Karriere, in ihrem Leben.

Karriere in der NS-Zeit als Ufa-Filmstar

In Deutschland hat sich Entscheidendes verändert. Die Nationalsozialisten haben die politische Macht ergriffen, innerhalb kurzer Zeit alle Gegner mit Brachialgewalt ausgeschaltet, alle Positionen in Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur mit ihren Parteigängern besetzt. Auch die Ufa wurde von jüdischen Mitarbeitern "gesäubert", wie es im Nazijargon heißt. Joseph Goebbels, dem frisch bestallten Minister für Volksaufklärung und Propaganda, untersteht auch die Filmindustrie. Sämtliche Produktionspläne, selbst die Besetzung der Rollen, müssen seinem Ministerium vorgelegt werden. Herr Goebbels bestimmt oft persönlich, welches Thema dem Regime genehm ist und welcher Schauspieler in einem Film mitwirken darf.