Drei Jahre alt war Peter Fröberg Idling, als er 1975 im Kinderwagen an seiner ersten Demonstration teilnahm. "Der Ami steckt die Prügel ein, heut Abend will gefeiert sein", skandierten seine Eltern im Chor, und feierten die Einnahme Phnom Penhs durch die Roten Khmer. Das ferne kleine Land schien endlich befreit, bald darauf auch Vietnam und Laos, vom französischen Kolonialismus, vom amerikanischen Imperialismus und seinen korrupten Helfershelfern.

Die Idee der Revolte

Spätestens 1968 hatten die USA ihr Kapital an Vertrauen aus dem Zweiten Weltkrieg verspielt. Die Befreier von einst waren Unterdrücker, vor allem in der Dritten Welt, von Guatemala über den Kongo, Kuba bis Vietnam. Europas Städte brodelten, die Matrizendrucker liefen heiß. Demonstrationszüge, zu einem sozialdemokratischen Ritual erstarrt, arteten in Krawalle aus.

Auch das Sowjetmodell bot nach den Gräueln der Stalinzeit wenig Alternative. Zurück zu den Wurzeln von Marx hieß die Devise, hin zu neuen Modellen in China und Indochina, das von den Schützengräben des Kalten Krieges durchzogen wurde. Getragen wurde der Aufstand der Jungen in der so genannten Ersten Welt nicht nur von radikaler Ideologie, sondern auch von echtem Mitgefühl mit niedergebombten Kambodschanern und Vietnamesen, die, mit Napalm übergossen, wie Fackeln brannten.

1968 lebte die Revolte - zumindest als Idee. Der Aufruhr von Paris bis Tokio war nicht lokal. Schon vor der heutigen Globalisierung dachte sowohl die Rechte mit der Dominotheorie als auch die Linke in ihren Revolutionsträumen global: Nach Hannah Arendt seien Revolutionen keine beschleunigte Reform, sondern radikaler Wechsel. Doch sei das Ziel ein Mehr an - auch individueller - Freiheit.

Davon konnte bei so mancher Revolution keine Rede sein, am wenigsten in Kambodscha nach 1975. Das 20. Jahrhundert ist voll mit mörderischen Diktaturen. Reihungen nach Opferzahlen sind grotesk, doch ist unstrittig, dass die Herrschaft der Roten Khmer eine der schonungslosesten war. Die wenigen Menschen, denen die Flucht gelang, berichteten von Deportationen der Bevölkerung aufs Land, von Liquidierungen und kaum vorstellbaren Gräueln. Der Film-Essayist Rithy Panh - 1975 kaum 13 Jahre alt - rollt in seinem heuer auf Deutsch erschienen Bericht "Auslöschung" lange Gespräche mit Kaing Guek Eav, dem als "Duch" schaurig bekannt gewordenen Direktor des Foltergefängnisses S 21 in Phnom Penh aus: Der leutselige alte Herr rechtfertigt, verharmlost, lügt, strickt an Legenden.

Rithy Panh kämpft filmisch-poetisch gegen das Schweigen und Vergessen an, mit dem sich alle Peiniger der Welt seit je zu schützen suchten; auch gegen das gewinnende Lächeln des Massenmörders Duch, ähnlich wie jenes, das Pol Pot - dem Bruder Nummer 1 in Orwellschem Newspeak - nachgesagt wurde.

Entgleiste Revolution

Revolutionen haben eine Tendenz, zu entgleisen. Exzesse mit Millionen Toten im Holocaust und Gulag wurden lange nicht den neuen Machtstrukturen angelastet, sondern Einzelnen. Bei uns Hitler, in der Sowjetunion Stalin, in China Mao und der Viererbande. "Massaker gehören zu Revolutionen," geht Rithy Panh in seiner Analyse einen Schritt weiter: "Wer den Umsturz einer Gesellschaft fordert, weiß das genau, und wird die Gewalt nie verurteilen." Die Schätzungen zur kambodschanischen Massenvernichtung reichen von einer bis drei Millionen, erschossen, erschlagen, in Arbeitslagern verhungert. Wurden die Irrtümer von den einst Revolutionsbegeisterten im Westen auch eingeräumt?

Längst erwachsen, stieß Peter Fröberg Idling in den neunziger Jahren im kleinen Büro einer schwedischen Menschenrechtsorganisation in Phnom Penh auf "Kampuchea zwischen zwei Kriegen", den Bericht einer Vierergruppe schwedischer Linker, die im Sommer 1978 Kambodscha besucht hatte. Auf Einladung der Regierung? Das Land war doch hermetisch abgeschottet? Neugierig geworden, begann Fröberg den begeisterten Reisebericht zu lesen. Die zwei Frauen und zwei Männer hatten damals Kollektive besucht, Errungenschaften bewundert, in ausgesuchten Gemeinschaftsspeisesälen mit dem Volk gegessen und dann des Abends ganz privat mit Pol Pot und Ieng Sary Austern verkostet. Massenmord, Zwangsarbeit, hungernde Menschen? Nichts davon stand im Bericht.

Fröberg will verstehen. Für eine beginnende Recherche fragt er bei den vier Reisenden von damals an. Jan Myrdal, einst Leiter der Gruppe und einflussreicher Linksintellektueller, verweigert ein Treffen, sagt nur lakonisch am Telefon: "Ich sah, was ich sah. Und darüber habe ich geschrieben." Was ihm gezeigt wurde. Was er sehen wollte? Nicht die Angst in den Augen der Gefolterten, die Traumatisierung der Überlebenden.

Rosarote Mao-Brillen

Für seine heuer auf Deutsch erschienene, literarisch-essayistische Reportage "Pol Pots Lächeln" fuhr Fröberg der einstigen Route der Vier nach. Wie konnten sie quer durch einen Genozid reisen und sich blenden lassen? War es durch rosarote Mao-Brillen gefärbter Idealismus? Fanatismus? Konnten sie nichts bemerken, weil ihnen die Wahrheit mit einer Kulisse aus Potemkinschen Dörfern verstellt war? "Sahen sie nichts? Wollten sie nichts sehen?" fragt sich Fröberg und lacht heute im Gespräch über die Frage: "Ich habe fast 400 Seiten meines Buches gebraucht, um das zu beantworten."