Hemmnis Feingefühl


Der Architekt Sellin weiß ein Lied davon zu singen, wie die eigene intensive Wahrnehmung sein Berufsleben über viele Jahre "behinderte". "Schon als Student habe ich bei meinem Praktikum auf der Baustelle gemerkt, dass da ein ganz anderer Wind weht und dass ich es schwer haben würde, mich durchzusetzen." Nach dem Diplom beginnt er deshalb als Redakteur von Architekturfachzeitschriften zu arbeiten. Doch auch in der Redaktion holt Sellin seine besondere Veranlagung ein. Er will perfekt sein, es allen Recht machen und nicht nur die Architektur, sondern auch noch den sauberen Fachzeitschriftenjournalismus retten - "Ein ziemliches Unterfangen!" wie er im Rückblick feststellt.

Viele hochsensible Personen zeichnen sich im Alltag dadurch aus, achtsamer, vorsichtiger und verantwortungsvoller zu agieren als der Durchschnitt - im Prinzip gut, auf Dauer extrem belastend. Erschöpfung, Gereiztheit und Überforderung sind nur einige der möglichen Folgen. "Kinder wie Erwachsene müssen vor allem lernen sich abzugrenzen", so die Therapeutin Heller. Hochsensible würden dazu tendieren, die Probleme der ganzen Welt auf sich zu laden. "Sie verstehen einfach jeden und glauben, alle Konflikt lösen zu müssen", so die Expertin.

Hochsensible, die nicht um ihre Veranlagung wissen und zusätzlich eine schwere Kindheit hatten, entwickeln leicht psychische Probleme. In Hellers Praxis sitzen Hochsensible mit Angst- und Zwangsstörungen genauso wie Burn-out- und Depressionspatienten. Wird das Problem nicht ursächlich behandelt, kann sich eine Spirale des Scheiterns entwickeln. Der Selbstwert Betroffener sinkt immer mehr, Rückzug und Isolation sind die Folge. Am Schluss scheinen nur noch die eigenen vier Wände Geborgenheit zu vermitteln.

Auch Rolf Sellin kennt die "Falle" seines Wohnzimmers. Jahrelang kommt er völlig überreizt und überstimuliert vom Beruf nach Hause - nur noch auf der Suche nach Ruhe, zu aufgedreht, um einen klaren Gedanken zu fassen, zu müde, um einzuschlafen. Entspannung scheint ihm am ehesten der Fernseher zu bieten. Doch die flimmernden Bilder verschlimmern alles nur, bringen neue Reize, anstatt echter Erholung. Sellin bringt sich selbst an den Rand der persönlichen Energiekrise.

"Zu oft suchen Hochsensible die Lösung ihrer Probleme noch darin, sich zurückzuziehen und sich zu schonen, aber damit ist nichts gelöst", sagt Sellin. Er selbst nutzt seine Krise, um Methoden zu finden, wie er seine Wahrnehmung steuern und zentrieren kann. Er dreht den Spieß um: Statt sich von den Reizen passiv überfluten zu lassen, lernt er die Reizaufnahme bewusst zu gestalten. In Stuttgart gründet er bald sein eigenes Institut für Hochsensibilität, in dem er seine Erkenntnisse an andere Hochsensible weitergibt. 2011 erscheint sein erstes Buch "Wenn die Haut zu dünn ist. Hochsensibilität - Vom Manko zum Plus". Mittlerweile ist der Diplomingenieur deutschlandweit für seine Vorträge und Seminare bekannt.

Was die Therapeutin Heller und den Coach Sellin eint, ist ihre Überzeugung von der Wichtigkeit Hochsensibler für die Gesellschaft. Sie gehen nicht nach Äußerlichem, sondern haben ein besonderes Gespür für innere Werte. "Mit ihrer Sichtweise sind sie es, die zuerst Unstimmigkeiten bemerken, die Radaren für Gefahren und Entwicklungen haben, Röntgengeräte, ein ganzes Markt- und Meinungsforschungsinstitut . . . Staaten oder Firmen lassen sich so etwas viel kosten", so der Buchautor Sellin.

80 Prozent Krieger


Auch die Psychologin Aron weist in ihrem Buch darauf hin, dass die 20 Prozent Hochsensiblen und 80 Prozent mit unerschrockenem Wesen evolutionär gesehen durchaus Sinn machen. Gäbe es sie nicht, hätten die raschen, aber möglicherweise riskanten Aktionen der "Krieger", wie sie nicht Hochsensible bezeichnet, die Menschheit möglicherweise bereits ausgelöscht. "Damit aggressive Gesellschaften überleben können, brauchen sie immer jene Gruppe von Priestern, Richtern und Beratern, die das Gleichgewicht ausbalancieren", schreibt sie in ihrem Buch.

Lina macht sich fertig zum Aufbruch. Draußen hat es zu regnen begonnen. Dass das kleine Mädchen sich problemlos die Gummistiefel anziehen lässt, ist keine Selbstverständlichkeit. Es sind die zweiten, nachdem die ersten zu eng waren. Elisabeth Heller weiß, dass ihre Tochter weder zu enge Kleidung noch kratzende Etiketten mag. "Die schneide ich einfach raus, warum denn auch nicht?", sagt sie ganz selbstverständlich und fügt hinzu: "Hochsensible Kinder kosten vielleicht anfangs mehr Kraft, sind aber gleichzeitig sehr unkompliziert. Sie lassen sich vieles erklären und kooperieren gerne." Lina hört das Gesagte nicht mehr, sie ist bereits am Weg zum Ausgang, wo sie versucht, die Türklinke zu erreichen . . . wie jedes neugierige Kind.

Dagmar Weidinger, geboren 1980, Kunsthistorikerin, Lektorin am Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien und freie Journalistin.