Manche mögen an das Christkind denken, an alte Traktoren, kleine Autos und schwere Fahrräder oder an das Hochwasser, wenn von Steyr die Rede ist. Dabei bedeutete Steyr für viele Menschen aus aller Welt - nicht nur wegen der Waffen, die dort produziert wurden -, vor allem Leid, Hunger, Kälte und Tod.

Rund 10.000 Menschen aus ganz Europa mussten in den 1940er Jahren in Steyr unter schlimmsten Bedingungen arbeiten. Zu Beginn waren es Zwangsarbeiter vor allem aus Polen, Italien, Griechenland, Russland, Tschechien, Frankreich, Spanien. Viele waren Kriegsgefangene, viele wurden unter Vorspiegelung falscher Tatsachen angeworben. Der Franzose Joseph Pastre zum Beispiel kam als junger Bauernsohn nach Steyr, wo für ihn die Hölle begann, wie er erzählte. Er war einer von 600.000 französischen Jugendlichen, die von der Vichy-Regierung zum "Pflichtarbeitsdienst" ins Deutsche Reich geschickt wurden. Ab 1941 wurden auch KZ-Häftlinge aus Mauthausen zum Arbeiten nach Steyr gebracht. Viele Tage und Nächte lang quoll Rauch aus dem Schornstein des Krematoriums und überzog die Stadt mit dem Geruch von verbranntem Fleisch.

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Orte des Verbrechens


KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter zählten für die Stadtbewohner zum Kriegsalltag. Zum einen waren sie in den vielen verschiedenen Lagern untergebracht, die auf die ganze Stadt verteilt waren, zum anderen sah man sie tagtäglich auf dem Weg zu ihren Arbeitsstätten: in die Fabriken oder zum städtischen Straßenbau, zu Aufräumarbeiten nach Bombenangriffen oder zum Bau von Luftschutzbunkern.

Die Steyrerin Frieda Meindl erzähle 2011 über den Bau eines solchen Stollens: "Wie die KZler riesengroße Steine am Rücken geschleppt haben und die Wärter hinter ihnen nach, ich kann mich noch gut erinnern. Und die sind natürlich zusammengebrochen, dann haben sie auf die mit dem Gewehrkolben eingeschlagen. Und von da an haben wir das Küchenfenster nur mehr verhängt, weil wir haben das nicht mehr anschauen können, das war so schrecklich."

Doch die Existenz der KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter wurde nach dem Krieg verdrängt und vergessen. Höchstens ein "Gemurmel des Bedauerns" war zu hören, kritisiert der in Steyr geborene Schriftsteller Erich Hackl. Das Mauthausen Komitee Steyr setzt mit dem "Stollen der Erinnerung" nun einen Schlussstrich unter das Vergessen. Den Luftschutzstollen unter dem barocken Schloss Lamberg, wo die Ausstellung untergebracht ist, hat das Komitee nicht ohne Grund als Ort für die Schau ausgesucht: zum einen, weil er von KZ-Häftlingen erbaut wurde, zum anderen wegen seiner Lage im Stadtzentrum, gleich beim Zusammenfluss von Enns und Steyr: Ein Blick genügt um zu sehen, dass das Verbrechen vor den Augen der Bevölkerung geschah.

Rundgang durch den "Stollen der Erinnerung"

Beginnend mit der Wirtschaftskrise und der sozialen Not der 1930er Jahre zeigt die Ausstellung von Anfang an, wie eng die Stadt mit der Kriegswirtschaft verknüpft war. Während des Nationalsozialismus sollten die Steyr- Werke zu einem wichtigen Rüstungskonzern ausgebaut werden. Anfang Juli 1938 ging die Steyr-Daimler-Puch AG in den Besitz der Hermann Göring Reichswerke über, die Produktion umfasste vor allem Wälzlager, Waffen und LKW, etwa das Spezialfahrzeug "Raupenschlepper Ost", wie ein in Steyr entwickeltes Kettenfahrzeug hieß. Das Spezialfahrzeug galt als das Prestigeprojekt des Unternehmens, Entwicklung und Produktion wurden mit allen Mitteln vorangetrieben.

Neben der Expansion sorgten die vielen Männer bei der Wehrmacht und SS, aber auch der gescheiterte Blitzkrieg in Russland Ende 1941 für die stetig steigende Nachfrage an Arbeitskräften. Denn als neue Strategie setzten die Nazis nun auf Luftkrieg gegen die angelsächsischen Mächte: Der Bau von Mittel-und Langstreckenbombern wurde forciert, in Steyr sollten dafür Flugzeugmotoren zusammengebaut und geprüft werden. Zum Vergleich: 1937 waren 7000 Personen im Steyr-Konzern tätig, 1944 an die 50.000 Personen; rund die Hälfte waren Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen aus dem Ausland oder aus dem KZ.

Dass Steyr das erste Rüstungsunternehmen in Österreich war, das auch KZ-Häftlinge einsetzte, ging auf Generaldirektor Georg Meindl zurück. Der Oberösterreicher, der bereits in den 1920er Jahren zum Freundeskreis von Herman Göring zählte, wurde bereits am 15. März 1938 - also noch vor der Übernahme durch die Reichswerke - durch politischen Druck auf den damaligen Mehrheitseigentümer Creditanstalt neuer Generaldirektor der Steyr-Daimler-Puch AG. Meindl arbeitete intensiv mit der SS zusammen, da diese mit den Häftlingen in den Konzentrationslagern über ein großes Arbeitskräftereservoir verfügte.

Im Frühjahr 1941 kamen die ersten Insassen aus dem KZ Mauthausen in die Steyr-Daimler-Puch-Werke nach Steyr. Zu Beginn wurden sie frühmorgens nach Steyr und am Abend wieder zurück nach Mauthausen gebracht. Bis Generalsdirektor Meindl ein eigenes KZ in Steyr anregte, "um den aufwändigen Transport" zu vermeiden wie er in einem Ansuchen vom 5. 1. 1942 an den Höheren SS- und Polizeiführer Ernst Kaltenbrunner schrieb.