Edinburgh, das intellektuelle Zentrum. - © Christian Bickel/Wikimedia
Edinburgh, das intellektuelle Zentrum. - © Christian Bickel/Wikimedia

Dezember 1696. Ein kalter Wind bläst durch Edinburgh, so kalt, dass der Student Thomas Aikenhead zu Freunden sagt, er wäre nun gerne in der Hölle, um sich dort zu wärmen. Am nächsten Tag wird Aikenhead wegen Gotteslästerung verhaftet und nach einem kurzen Prozess zum Tode verurteilt.

Innerhalb weniger Jahrzehnte nach diesem mittelalterlichen Urteil wandelte sich Schottland von einem rückständigen Gebiet in einen Vorreiter der Aufklärung. Edinburgh und Glasgow wurden zu europaweit beachteten Zentren der Wissenschaft und Gelehrsamkeit. Wie war dieser schnelle Schritt in die Moderne möglich?

Gehen wir ein paar Jahre zurück: 1688 wurde Wilhelm von Oranien als König von England eingesetzt und das schottische Parlament in Edinburgh erkannte ihn als neuen König von Schottland an. Die Clanchefs in den Highlands blieben allerdings der bis dahin regierenden Dynastie der Stuarts treu und der neue König Wilhelm musste seine Ansprüche auf den Thron mit Gewalt durchsetzen. Zusätzlich zu diesen politischen Wirren geriet Schottland durch mehrere Missernten und überdimensionierte koloniale Abenteuer in große wirtschaftliche Probleme, die Folge war der finanzielle Bankrott des Landes.

Ungeliebte Vereinigung


1707 wurden England und Schottland mit dem "Act of Union" im neuen Staat Großbritannien vereint. Schottland konnte dadurch seine Schulden auf England abwälzen und seiner Wirtschaft standen mit einem Mal große Märkte offen. Im Gegenzug wurde das schottische Parlament aufgelöst und England konnte seine politische Vorherrschaft durchsetzen. Auf die Vereinigung mit England folgte ein beeindruckender wirtschaftlicher Aufschwung.

Aber nicht alle Schotten waren mit der Vereinigung einverstanden. Die Bevölkerung der Highlands verlangte die Unabhängigkeit des Landes, es kam zu mehreren Aufständen in den nördlichen Teilen Schottlands. Um weitere Bestrebungen nach Unabhängigkeit zu unterbinden, beschloss die Regierung eine Reihe von Maßnahmen, die tief in das Alltagsleben eingriffen: das Tragen von Waffen und typischer schottischer Kleidung sowie die Verwendung der gälischen Sprache wurden verboten. Diese Maßnahmen führten dazu, dass das traditionelle Sozialsystem der Clans zusammenbrach. Es folgte eine umfassende Landflucht und dieser Zustrom neuer Bevölkerungsschichten in die Städte befeuerte das Wachstum der Wirtschaft.

Ein weiterer Faktor für den rasanten Aufstieg des Landes war die vergleichsweise hohe Bildung der Bevölkerung: Im 17. Jahrhundert gab es in England zwei Universitäten, in Schottland waren es fünf. Dazu kam, dass die Kosten für ein Studium an den schottischen Universitäten weit geringer waren als in anderen Ländern Europas, der Zugang zu Hochschulen war daher nicht auf die wohlhabenden Schichten beschränkt.

Gerade im Bildungswesen verfügte Schottland über gute Beziehungen zum europäischen Festland, vor allem zu Frankreich. Schon im Mittelalter hatten sich Schottland und Frankreich in der sogenannten "Auld Alliance" gegen England verbündet. Dieses Bündnis war durch die Vereinigung von Schottland mit England beendet worden, die Nahebeziehung zu Frankreich blieb aber in den Köpfen vieler Schotten verankert. Ihre führenden Intellektuellen blickten weiterhin nach Paris.

All diese Faktoren trugen dazu bei, dass es zwischen 1740 und 1790 zu einer regelrechten Explosion des geistigen Lebens in Schottland kam. Während Glasgow durch den Handel mit Amerika zur wirtschaftlichen Metropole Schottlands wurde, entwickelte sich Edinburgh zum intellektuellen Zentrum des Landes. Die Universität von Edinburgh erlangte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine Vorrangstellung in Großbritannien und zählte zu den besten Europas. Angesichts dieser Zusammenballung von Wissen gelangte die Stadt Edinburgh zu schmückenden Beinamen: der Schriftsteller Tobias Smollet nannte sie ein "hot-bed of genius" (eine Brutstätte des Geistes), der Künstler Allan Ramsay sprach von einem "Athen des Nordens".

Aus dem vielfältigen Geistesleben dieser Zeit ragt der Philosoph David Hume heraus, der sich mit Problemen der Erkenntnistheorie und davon ausgehend mit der Frage nach dem rechten Handeln auseinandersetzte. Hume vertrat eine skeptische und von Metaphysik freie Philosophie und wurde zu einem der bekanntesten Vordenker der Aufklärung. Er inspirierte Immanuel Kant, und Arthur Schopenhauer meinte gar, dass aus jeder Seite von David Hume mehr zu lernen sei als aus Hegels und Schleiermachers sämtlichen philosophischen Werken zusammengenommen.

Humes enger Freund Adam Smith beschäftigte sich mit unterschiedlichen Aspekten der Moral und der Frage, wie Menschen miteinander umgehen und warum sie Mitleid füreinander empfinden. Weltweit bekannt wurde er allerdings durch sein Buch "Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations", das bis heute als eines der grundlegenden Werke der Wirtschaftswissenschaften gilt. Smith trat darin gegen den protektionistischen Merkantilismus seiner Zeit und für ein liberales Wirtschaftssystem ein.