Indien gehört zu den vielen Ländern, in denen Octavio Paz gelebt hat. Seine Indienbücher werden sehr geschätzt. - © Foto: ap/Dar Yasin
Indien gehört zu den vielen Ländern, in denen Octavio Paz gelebt hat. Seine Indienbücher werden sehr geschätzt. - © Foto: ap/Dar Yasin

Die lateinamerikanischen Dichter-Kollegen stellten weiter fest: Später schrieb Paz bedeutende Essays, und vor allem 1957 das Langgedicht "Sonnenstein" ("Piedra del Sol"), ein Pendant zu T. S. Eliots "The Waste Land" oder Allen Ginsbergs "Howl". Aber die späteste Lyrik des Meisters wäre vor lauter Belesenheit zu überfrachtet mit Anspielungen, sie wirke eigentlich als Kommentar zur lyrischen Sprache und weniger als originales, dichterisches Werk. Mit anderen Worten, dem reifen Schriftsteller stand seine riesige Bildung und sein gusseisernes Erinnerungsvermögen im Weg, wenn es um neue Gedichte ging.

Im Jahr 1950 veröffentlichte der 36-jährige, nunmehrige mexikanische Diplomat Paz sein erstes Prosabuch, den Essayband "Das Labyrinth der Einsamkeit" ("El laberinto de la soledad"). Mit diesem Werk wurde sein Name international bekannt, da bald Übersetzungen in andere Sprachen folgten. Dieses bis jetzt aktuelle Buch gibt eine Analyse des mexikanischen Charakters, damit der Kultur Mexikos. Paz ging damals von der Idee aus, dass erst die mexikanische Revolution, die im Jahr 1910 begonnen, aber bis in die 1930er Jahre angehalten hatte, eine moderne Republik gebildet hatte, aus der endlich eine selbstbewusste, unabhängige Nation entstehen könnte.

Die Beschäftigung mit der eigenen Herkunft, also mit Mexiko, zieht sich beständig durch das gesamte Werk von Octavio Paz. Es trifft auch auf ihn zu, was er 1950 im "Labyrinth der Einsamkeit" feststellte: dass der mexikanische Charakter trotz der zum Teil sehr blutigen Geschichte und Revolution konservativ, "wertbeständig", traditionalistisch gesinnt ist, angereichert durch zwei historische Strömungen der Geschichte: der indianischen, der spanischen.

Ein wichtiger Text


Hier möchte ich nun auf einen frühen Text von Paz zurückkommen, der mich über viele Jahre in seiner offenen Mehrdeutigkeit bewegt. Es ist ein Prosagedicht des früheren Werks, geschrieben 1949, als Paz bereits in Paris als "bescheidener Diplomat" lebte. Im Jahr 1960 veröffentlichte der Autor in Mexiko das Buch "Adler oder Sonne?" Der Titel bezog sich auf die zwei Seiten einer damals gebräuchlichen mexikanischen Peso-Münze.

Das Buch enthält drei Kapitel, das erste trägt den Titel "Arbeiten des Dichters" ("Trabajos del Poeta"). Der Abschnitt "XIII" beschreibt auf rätselhafte, surrealistische Weise die Gründung, das Leben und die nachfolgende Vernichtung einer altmexikanischen Stadt. Die mehreren "Schichten" dieser kurzen Erzählung (die Form ist ein "Prosa-Gedicht") sind folgende:

Der Erzähler kommt von außerhalb, er ist größer und mächtiger als die Menschen, die dort wohnen. Der Erzähler erschafft, beobachtet und vernichtet.

Die Gesellschaft, die hier in wenigen Zeilen beschrieben wird, ist unzulänglich. Es gibt den lärmenden, dummen Pöbel und eine eitle, arrogante Oberschicht, die sich in unverständlichen und bigotten Zeremonien feiert. Das Prosa-Poem lässt sich wie eine Metapher auf jede moderne Gesellschaft lesen, wo immer nur Dummheit, Korruption herrschen, wo einander begünstigende Seilschaften an der Macht sind.

Der Text bezieht sich im Sinn des Autors nicht nur auf eine mexikanische Vergangenheit vor 1000 Jahren, auch wenn das formal so wirkt. Ein weiterer Aspekt Alt-Mexikos ist die Angst vor Zerstörung und Vernichtung der Welt, die in den alten Büchern formuliert wurde.

Im Fall der Stadt Tilantlán war die Angst berechtigt, denn der Schöpfergott, der die Welt erzeugt hatte, war nach längerem Beobachten zum Schluss gekommen, dass es besser wäre, die verschlagenen Menschen wieder zu vernichten. Nun folgt der Text von Octavio Paz.

"Vor Jahren errichtete ich aus Kieselsteinen, Schutt und Gräsern Tilantlán. Erinnere mich an die Stadtmauer, die gelben Türen mit den Zeichen von Fingern, die engen, stinkenden Gassen, die ein lärmender Pöbel bewohnte, den grünen Palast der Regierung und das rote Haus der Opferungen, offen wie eine Hand, mit seinen fünf großen Tempeln und seinen unzähligen Passagen. Tilantlán, graue Stadt am Fuß des weißen Felsens, eine Stadt, am Boden befestigt mit Fingernägeln und Zähnen, Stadt aus Staub und Gebeten. Ihre Bewohner - verschlagen, zeremoniös und cholerisch - verehrten die Hände, die sie erschaffen hatten, fürchteten aber die Füße, die sie vernichten könnten. Ihre Theologie und die neuen Opferungen, mit denen sie sich die Liebe der Ersteren erkaufen und sich des Wohlwollens der Letzteren versichern wollten, konnten nicht verhindern, dass eines fröhlichen Morgens mein rechter Fuß sie zermalmte, samt ihrer Geschichte, ihrer stolzen Aristokratie, ihren Aufständen, ihrer heiligen Sprache, ihren Volksliedern und ihrem rituellen Theater. Und ihre Priester hatten nie den Verdacht gehegt, dass Füße und Hände nur die Extremitäten desselben Gottes waren."

Der Text hat eine Beziehung zum Titelbild dieses "extra". Es zeigt eine einzigartige archäologische Anlage im äußersten Norden Mexikos, auf der hochgelegenen Wüste von Chihuhua situiert. Es ist eine Lehmstadt, die den Namen "Paquime / Casas Grandes" trägt. Diese Stadt, vor 1000 Jahren ein bedeutendes Handelszentrum mit besonderer Wasserversorgung aus naheliegenden Bergen, wurde im 10. Jahrhundert nach Christus gegründet und dürfte um das Jahr 1340 durch einen Überfall und Brände vernichtet worden sein.

Ich habe diese Anlage seit 1997 mehrmals besucht, und jedes Erlebnis war mehrdeutig und eindrucksvoll. Eine leere, strenge, abstrakte Landschaft, mit Temperaturen, die der Sahara entsprechen. Man weiß nichts über die ethnischen Gruppen, die Paquimé gegründet und erbaut hatten, und für einen Vortrag über die Stadt wählte ich den Text "Arbeiten des Dichters, XIII" von Octavio Paz aus, weil die Vernichtung einer Stadt ein Thema bildet.