Ausweis von Ernst Frey, der als Nguyen Dap auf Seiten von Ho Chí Minh kämpfte. - © Privatarchiv Familie Frey
Ausweis von Ernst Frey, der als Nguyen Dap auf Seiten von Ho Chí Minh kämpfte. - © Privatarchiv Familie Frey

Vietnam Ende der 1940er, Anfang der 50er Jahre: Diese Region und diese Zeit liegen bis heute im Schatten unserer Wahrnehmung. Wir erinnern uns an Indiens Unabhängigkeit, an die kommunistische Machtübernahme in Peking, oder den Koreakrieg, aber die Entwicklungen in Indochina blieben uns weitgehend verborgen.

Deutschland und Österreich waren damals mit sich, dem Nachkriegselend, der Teilung beschäftigt. Viele Junge wollten weg. Die Fremdenlegion warb für den Kampf des gedemütigten Frankreich zur Wiedererlangung seiner kolonialen Perle in Fernost. Namen wie Annam, Tonking, Cochinchina wurden zu klingenden Synonymen für Abenteuer. Die lasterhafte Vorstellung von weiblichen orientalischen Schönheiten und billigem Opium ließ die Kolonie in sanftem Licht erstrahlen und hatte nicht nur für Dichter, sondern auch auf verkrachte Existenzen eine Verführungskraft. Fernweh mit der Aussicht auf Reichtum erinnerte an europäische Landsknechte, die sich nach dem Dreißigjährigen Krieg im Sold diverser bewaffneter Handelskompanien nach Ostindien einschifften.

Armee der Namenlosen

In Westeuropa war nach 1945 nicht von Sehnsüchten und Träumen die Rede, sondern bald von in der Fremdenlegion versteckten Nazi-Schergen. Neben einigen Mitgliedern der Waffen-SS, die tatsächlich in die Anonymität der "Armee der Namenlosen" abtauchten, gab es viele Flüchtlinge und sonstige Entwurzelte. Bei aller - unerwiderten - Liebe Frankreichs zu seiner exotischen, in Filmen später mystifizierten Kolonie Indochine: Die Bereitschaft junger Franzosen, wieder in einen - diesmal neun Jahre dauernden - Krieg zu ziehen, war gering.

Als Osteuropa hinter dem Eisernen Vorhang verschwand, wurde das besetzte Deutschland zur Hauptquelle von Söldnern. Auch etliche Österreicher heuerten an. Das früher ausgewogene Verhältnis von Nationalitäten in der Legion - nie mehr als 20 Prozent einer Sprachgruppe - wurde rasch übergangen. Deutschsprachige Kombattanten erreichten einen Anteil von 40, zum Höhepunkt der Kämpfe gegen die Viet Minh in einigen Einheiten sogar 60 Prozent.

Vereinzelt ließen sich auch junge Wehrmachtssoldaten anwerben, die wenig mehr als Kämpfen gelernt hatten und der Trostlosigkeit in Deutschland entkommen wollten. Doch oft suchten orientierungslose Halbwüchsige - manche noch mit Hitlerjugend-Drill und Helden-Wertvorstellungen beladen, die aber den Zweiten Weltkrieg nur aus glorifizierten Erzählungen kannten - nach Kameradschaft und Legionärsromantik. Minderjährige Vagabunden wurden weitab von Kolonialvillen, Teakholz und Ventilatoren zum Werkzeug des Kolonialkrieges bei sogenannten "Polizeioperationen", grausamen Vergeltungsaktionen. Um die Verteidigung von Menschenrechten oder andere hehre Ideale ging es dabei kaum.

Die Disziplin ließ zu wünschen übrig. Bei Personenkontrollen wurde gestohlen, Ausrüstung inklusive Waffen und Munition wurden am Schwarzmarkt verschoben. Kaum einer lebte allein vom Sold. Persönliche einheimische Angestellte übernahmen unerquickliche Arbeiten in der Garnison, und für sexuelle Dienste gab es - anders als etwa später in Algerien - keinen Mangel an Frauen. Ein erheblicher Teil der Legionäre ging mit einer Vietnamesin eine Ehe auf Zeit ein.

Die Heldenlegenden wurden in Dien Bien Phu zur Geschichte einer vernichtenden Niederlage. Die deutsche Presse schrieb vom "Stalingrad Frankreichs und der Fremdenlegion". Die Deutschen seien "zum Sterben angetreten wie in einer mythischen Gotenschlacht", meinte der damalige Fallschirmjäger und spätere Journalist Peter Scholl-Latour.

Auch auf der Gegenseite gab es Deutschsprachige. Mehr als tausend Legionäre desertierten und liefen zu Hô Chí Minhs Kämpfern über. Einige Intellektuelle und Linke hatten sich schon vorher aus Überzeugung den Vietnamesen angeschlossen. Einer, der in den Viet-Minh-Truppen Karriere machte, war der Wiener Ernst Frey. 1915 geboren, floh er als Kommunist und Jude nach dem "Anschluss" nach Frankreich. Er wollte zu den internationalen Brigaden nach Spanien und heuerte dann bei der Fremdenlegion an, um gegen Hitler zu kämpfen.

Wie andere Brigadisten, die mit Francos Sieg nach Frankreich entkommen waren und dort in Internierungslagern gefangen gehalten wurden, landete er via Algerien 1942 als Legionär Nummer 78.502 in Indochina. Bald gründete er eine "anti-petainistische" Zelle und nahm Kontakt mit vietnamesischen Genossen auf. Von japanischen Truppen gefangen genommen, kehrte der "halb verhungerte und schmutzige Kriegsgefangene" nach der Befreiung 1945 nicht nach Wien zurück. Stattdessen verbreitete er die Nachricht seines Todes und trat sozusagen zur Geburtsstunde des modernen Vietnam in den Dienst Ho Chí Minhs. Als Nguyen Dan wurde er Ausbildner für militärische Organisation, Taktik und Strategie, und bald als Oberst der Viet Minh Vertrauter des legendären Generals Võ Nguyên Giáp.

Ho-Chí-Minh-Orden

Nach vier Jahren Kampf wird Frey von Fieberattacken überfallen. Albträume von den Folterungen von Abweichlern durch seine Genossen und seine eigene Verantwortung, etwa für die Exekution von deutschen Deserteuren aus der Truppe, quälen ihn. "Ich wollte keine Macht mehr haben. Ich wollte nicht mehr leben", schreibt Frey Jahrzehnte später in seinen Erinnerungen. Er ist damals 31 und versucht, sich mit einer Handgranate das Leben zu nehmen. Nach einem fiebrigen "Gotteserlebnis" konvertiert der bis dahin überzeugte Atheist zum Katholizismus. Beim Parteitag der KP Indochinas im Februar 1950 mitten im Urwald entsetzen ihn die übergroßen Porträts von Hô Chí Minh, Stalin und Mao. Die roten Revolutionsfahnen mit dem gelben Stern verschwimmen ihm plötzlich mit Hakenkreuzfahnen. Frey tritt ans Rednerpult, redet auf die Genossen ein, den Kampf nicht zu glorifizieren, spricht vom Frieden.