Warum besitzt eine kleine Zahl von Menschen gewaltige Vermögen, während viele Millionen gar kein Vermögen oder sogar Schulden haben? - © Steve Raymer/Corbis
Warum besitzt eine kleine Zahl von Menschen gewaltige Vermögen, während viele Millionen gar kein Vermögen oder sogar Schulden haben? - © Steve Raymer/Corbis

Das Volkseinkommen pro Kopf der Bevölkerung ist in den Vereinigten Staaten um ein Fünftel höher als in Österreich, aber vielen Österreichern geht es besser als den Amerikanern, weil das Einkommen in Österreich weniger ungleich verteilt ist. Außerdem nimmt die Ungleichheit der Einkommensverteilung in den USA zu. Auf das obere eine Prozent entfällt in den USA ein Fünftel des Bruttoeinkommens. Was am unteren Ende der Einkommensverteilung geschieht, gibt Anlass zur Sorge. Das gilt für Europa und die USA.

Obamas Warnung

In der Europäischen Union gibt es 85 Millionen Menschen, die unterhalb der offiziellen Armutsgrenze leben; das veranlasste die EU, sich in ihrem Programm "Europa 2020" das ehrgeizige Ziel zu setzen, die Zahl der von Arbeit und gesellschaftlichem Ausschluss bedrohten Menschen zu senken. Deshalb ist die Ungleichheit heute ein Thema in den Nachrichten. Deshalb warnte Präsident Obama vor einer "Wirtschaft, die zutiefst ungleich geworden ist". Deshalb hat Christine Lagarde, Direktorin des Internationalen Währungsfonds, auf die Gefahren hingewiesen, die der Weltwirtschaft durch eine wachsende Ungleichheit der Einkommen drohen. Deshalb war 2013 nach der amerikanischen World-News-Site "Globalpost" das Jahr, in dem "Ungleichheit zum Mainstream wurde".

Die genannten Zahlen beziehen sich auf die Ungleichheit der monatlichen Einkommen, die sich aus Löhnen und Gehältern, Kapitalerträgen und staatlichen Transfereinkommen zusammensetzen. Das Einkommen ist natürlich nur eine Dimension wirtschaftlicher Ungleichheit. Auch die Vermögensverteilung dürfte Anlass zur Sorge geben. Warum besitzt eine kleine Zahl von Menschen gewaltige Vermögen, während viele Millionen gar kein Vermögen oder Schulden haben?

Besorgt kann man nicht nur über die Kluft zwischen Arm und Reich sein, sondern auch über die Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Wieso scheint es eine gläserne Decke zu geben, so dass sich im oberen ein Prozent weitaus weniger Frauen finden als Männer? Auch die Gleichheit zwischen den Generationen kann Anlass zur Sorge geben. In Großbritannien sind die Löhne, gemessen an ihrer Kaufkraft, in den letzten fünf Jahren bei jüngeren Arbeitnehmern sehr viel stärker gesunken als bei älteren. Tatsächlich können wir unser Augenmerk deshalb eher auf die Ungleichheit der Chancen als die der Einkommen und Löhne richten.

Zuerst müssen wir jedoch fragen, warum denn Ungleichheit Anlass zur Besorgnis sein sollte. Die Gründe lassen sich in zwei Gruppen einteilen. Die erste ist instrumenteller Art. Größere Ungleichheit ist schlecht wegen der schlechten Konsequenzen. Der IWF ist für die Stabilität der Weltwirtschaft zuständig, nicht für soziale Gerechtigkeit. Aber er ist der Ansicht, wachsende Ungleichheit bedrohe die Aussichten auf nachhaltiges Wachstum, und drängt daher die Staaten, sich mit diesem Problem zu befassen. Wenn die Forscher zu der Einschätzung gelangten, Ungleichheit sei - wie manche Ökonomen behaupten - gut für das Wirtschaftswachstum, dürfte der IWF seine Politik ändern.

Kausalitäten

Andere sind der Ansicht, die wachsende Ungleichheit sei verantwortlich für soziale Missstände, von Kriminalität bis hin zum Übergewicht. Wieder andere sind besorgt über die politische Macht der an der Spitze der Einkommensverteilung Stehenden, die ihren hohen Anteil am Gesamteinkommen nutzen könnten, um Einfluss auf demokratische Wahlen zu nehmen. Auch hier gilt, wenn der kausale Zusammenhang widerlegt würde, verschwänden damit auch die Argumente für eine Verringerung der Ungleichheit.

Die zweite Gruppe von Gründen ist intrinsischer Art. Eine übermäßige Ungleichheit der Einkommensverteilung gilt als sozial ungerecht. Wir leben lieber in einer Gesellschaft ohne extreme Unterschiede zwischen Reich und Arm, und das ganz unabhängig von den Folgen. Eine gute Gesellschaft ist durch Zusammenhalt und Inklusion gekennzeichnet. Deshalb versucht die Europäische Union, Armut und sozialen Ausschluss zu bekämpfen. Aber Ausschluss kann nicht nur unten, sondern auch oben erfolgen: Reiche Leute können sich aus der Gesellschaft und deren kollektiven Bemühungen ausklinken.

Größenordnungen

Natürlich sind die Menschen verschieden, und in keiner Gesellschaft werden alle dasselbe Einkommen haben. Kritiker von Maßnahmen zur Verringerung der Ungleichheit könnten sagen: "Es ist wie bei der Körpergröße - manche sind groß, andere klein." Ja, aber die Unterschiede beim Einkommen sind um ein Vielfaches größer. Der niederländische Ökonom Jan Pen stellte sich einmal eine Parade vor, in der die Köpergröße aller Beteiligten ihrem Einkommen entspricht. Am Ende des Zugs schösse die Körpergröße dann geradezu in die Höhe. Ein gut bezahlter Fußballer, etwa bei Chelsea, erhält in einer Woche einen Betrag, für den ein britischer Beschäftigter mit Mindestlohn 14 Jahre arbeiten müsste. Deshalb erreicht der Fußballer in der Parade eine Größe von einem Kilometer.

Ich wähle dieses Beispiel, weil es in England vor fünfzig Jahren einen Höchstlohn für Fußballer gab, der 20 Pfund pro Woche betrug, was etwa dem Durchschnittsverdienst entsprach. Das zeigt, in welchem Maße die Höhe der Einkommen von menschlichen Einflüssen abhängt. Einkommensunterschiede sind nicht nur das Ergebnis der Marktkräfte, sondern auch der sozialen Gebräuche und Institutionen sowie der Arbeitsmarktpolitik.