Epochale Neugestaltung

Von einer Generation zur nächsten ereignet sich somit in Deutschland eine tiefgreifende Veränderung der ökonomischen Struktur der Arbeitnehmerschaft. Diese Veränderung geht über die ungleiche Verteilung der Lebenseinkommen hinaus und attestiert eine epochale Neugestaltung der Konturen unserer Arbeitswelt. Da ist etwa der Befund zur Volatilität - also der Unsicherheit - der Löhne: Für die Baby-Boomer ist sie doppelt so stark wie bei ihren Eltern.

Und es gibt den Befund zur Arbeitslosigkeit: Gerade zwei Prozent der 1935 Geborenen hatten bis zu ihrem 40. Lebensjahr die Erfahrung von einem Jahr in der Arbeitslosigkeit gemacht; bei den 1963 Geborenen liegt dieser Anteil bei 28 Prozent. Während bei der älteren Generation praktisch alle Männer im Arbeitsmarkt fest integriert waren, kann dies für die jüngere Generation nicht mehr behauptet werden.

Fast universelle Integration im Arbeitsmarkt und in der Sozialversicherung, gleichmäßig verteilte und gut vorhersehbare Löhne - was für ein Unterschied zur heutigen Arbeitswelt des Prekariats, der Free-Lance-Selbständigen und der Langzeitarbeitslosen! Nicht, dass es heute keine Inseln der Glückseligen mehr gäbe, in denen der Arbeitsplatz sicher, der Lohn anständig und die Rückendeckung durch die Gewerkschaft stark sind. Aber es handelt sich eben um vereinzelte Inseln in einem vielfältigen Archipel, in dem der Tarifvertrag zunehmend verschwindet und der einmal verpönte Mindestlohn als historische Errungenschaft gefeiert wird.

Unsere Studie zeigt, dass die Ungleichheit auch bei den Kohorten weiter ansteigt, die nach dem Baby-Boom zur Welt gekommen sind. Diese Verschlechterung der Lebenschancen stellt das zentrale Problem der Generationengerechtigkeit dar. Denn es droht die Gefahr einer sozialen Spaltung, wofür die Entwicklungen in den USA während der letzten drei Jahrzehnte ein mahnendes Beispiel sind. Es ist daher wichtig, sich Gedanken darüber zu machen, wie die soziale Kohäsion innerhalb der Generationen gerettet werden kann.

Eine zentrale Rolle spielt der Arbeitsmarkt. Diesbezüglich hat in Deutschland nach der Wiedervereinigung eine weitgehende Dualisierung stattgefunden. Ein Sektor mit niedrigen und unsicheren Löhnen ist entstanden. Dieser zweite Arbeitsmarkt hat den Unternehmen wertvolle Flexibilität für zusätzliche Geschäftsoptionen gebracht. Infolgedessen ist die Arbeitslosigkeit in Deutschland zurückgegangen. Doch für die Lebenschancen ist die Langzeitarbeitslosigkeit entscheidend - und diese ist immer noch vergleichsweise hoch.

Die Befürworter schildern den Niedriglohnsektor als Sprungbrett für eine weitere Karriere im ersten Arbeitsmarkt, wo der Lohn gut und der Arbeitsplatz sicher ist. Aber die wenigsten schaffen einen solchen Wechsel. Auch deswegen driften die Lebensverdienste weiter auseinander.

Der neue Mindestlohn wird nicht viel für die Gleichheit der Lebenschancen bewirken können. Ideal wäre vielmehr eine Trendumkehr bei der Schaffung neuer Arbeitsplätze, so dass in Zukunft mehr gute Jobs im ersten Arbeitsmarkt entstehen. Dies bedürfte aber einer koordinierten Lohnpolitik - getragen vom Solidaritätsgefühl der besser situierten Arbeitnehmer und honoriert durch den Staat mittels einer gezielten Verbesserung in der Bereitstellung öffentlicher Güter und Dienstleistungen.

Ein weiterer Politikbereich mit wichtigen Folgen für die soziale Kohäsion ist die Schule. Das anachronistische deutsche Schulsystem kennt eine frühe Trennung der Bildungswege, welche die Ungleichheit der Lebenschancen verschärft. Das Problem ist politischer Natur: Ähnlich wie die gut situierten Arbeitnehmer in den exportorientierten Konzernen, sind viele Familien der oberen Mittelschicht nicht bereit, auf ihren Startvorteil gegenüber den Benachteiligten zu verzichten.

Solange Arbeitsmarkt und Bildungszugang so stark dualisiert sind, bleibt die progressive Einkommensteuer ein absolut unverzichtbares Instrument, um die Ungleichheit zu verringern. Durch die Gestaltung des Steuertarifs kann der Gesetzgeber die Steuerlast so dosieren, dass die Gutverdiener einen überproportionalen Anteil davon tragen und dennoch ihre Arbeitsanreize weitgehend intakt bleiben. Deswegen wäre es dumm, den existierenden Steuertarif durch eine Flat-Tax zu ersetzen. Aus demselben Grund ist eine Umschichtung der Steuerbelastung von der Einkommensteuer zu den indirekten Steuern auf den Konsum abzulehnen.

Gerechte Erbschaft

Schließlich hat unsere Studie eine interessante Implikation für die Besteuerung von Erbschaften. Die Baby-Boomer werden nämlich von einer Generation erben, deren Lebensverdienste vergleichsweise gleichmäßig verteilt sind. Diese Erbschaften werden dazu beitragen, dass die Lebenschancen innerhalb der Baby-Boom-Generation etwas weniger ungleich verteilt sind. Steuerpolitisch spricht dieser Befund für die Beibehaltung der derzeitigen Freibeträge.

Ganz anders ist das bei der Besteuerung hoher Erbschaften. Da diese sehr stark konzentriert sind, ist eine stark progressive Belastung angesagt, um der weiteren Polarisierung der Gesellschaft entgegenzuwirken.

Giacomo Corneo, geboren 1963 in Arona (Piemont), ist Professor für Volkswirtschaftslehre, insbesondere für Öffentliche Finanzen, an der Freien Universität Berlin.