Martin Luther wies die kopernikanische Idee zurück - mit Zitaten aus der Bibel. (Hier die Luther-Statue in Hamburg.) - © Pinter
Martin Luther wies die kopernikanische Idee zurück - mit Zitaten aus der Bibel. (Hier die Luther-Statue in Hamburg.) - © Pinter
Frombork, im späten Mai 1539: Ein weitgereister 25-jähriger Mathematikprofessor trifft beim katholischen Domherren Nikolaus Kopernikus ein. Der junge Mann nennt sich Georg Joachim Rheticus. Er wurde am 16. Fe- bruar 1514 in Feldkirch, Vorarlberg, geboren. In Zürich hat er die Lehren des Schweizer Reformators Ulrich Zwingli, in Wittenberg Martin Luther persönlich kennen gelernt. Dessen einflussreicher Weggefährte Philipp Melanchthon fördert Rheticus seither; er half ihm 1536 auch, die Professur an der Wittenberger Universität zu erlangen.

Nur fünf Semester später ließ sich der Vorarlberger allerdings wieder beurlauben, um gelehrte Männer aufzusuchen. In Nürnberg traf er den Pfarrer Andreas Osiander, den Instrumentenbauer Georg Hartmann, den Drucker Johannes Petreius und den Kosmographen Johannes Schöner - allesamt prominente Protestanten. Johannes Schöner war es wohl auch, der Rheticus von den höchst eigentümlichen Vorstellungen des Domherren Nikolaus Kopernikus erzählte. Neugierig geworden, machte sich der junge Professor Richtung Ostsee auf.

Kosmos des Domherrn


Im kleinen Ort Frombork (Frauenburg) am Frischen Haff (heute Polen) steht er dem 66-jährigen Kopernikus dann endlich gegenüber. Als Domherr der mächtigen Kathedrale ist dieser vor allem mit Verwaltungsaufgaben betraut. Sie haben ihm Muße genug gelassen, ein neues Universum zu entwerfen. Das steht allerdings im krassen Gegensatz zu dem seiner Zeitgenossen. Für sie jagt das All nämlich noch tagein, tagaus um die Erde herum - mitsamt allen Sternen, der Sonne und den Planeten. Die Erde ist in der Mitte der göttlichen Schöpfung fixiert und jeder Bewegung unfähig.

Claudius Ptolemäus hat diese erdzentrierte Kosmologie 14 Jahrhunderte zuvor mit besonderer Raffinesse beschrieben. Sie entspricht dem Augenschein, zumal man die Gestirne ja tatsächlich täglich auf- und untergehen sieht. Bei Kopernikus ist alles anders. Hier ruht der Kosmos, während die Erde einmal pro Tag um die Achse wirbelt. Erde und Sonne tauschen Platz. Die Sonne wird im kosmischen Zentrum verankert, die Erde dafür in Fahrt versetzt. Hätte Kopernikus Recht, wären alle Himmelsbetrachter seit dem Altertum einem fundamentalen Irrtum aufgesessen.

Kopernikus hat seinen Kosmos schon gut drei Jahrzehnte zuvor erdacht. Spätestens 1514 teilte er seine Gedanken wenigen Freunden und ausgewählten Gelehrten mit - nur handschriftlich. Mittlerweile hat er eigene Messungen am Firmament vorgenommen und seine Theorie mathematisch durchgearbeitet. Trotzdem zögert Kopernikus, seine Gedanken der Druckerpresse anzuvertrauen. Er weiß, wie "widersinnig" sie erscheinen müssen, weil sie "nahezu entgegen allen gesunden Menschenverstand" gerichtet sind.

Kaum beugt sich Rheticus über die Aufzeichnungen des Domherren, regt sich Einspruch aus Wittenberg. In seiner Tischrede vom 4. Juni 1539 spricht Martin Luther aus, was er von Kopernikus hält: "Es ward gedacht eines neuen Astrologi, der wollte beweisen, dass die Erde bewegt würde und umginge, nicht der Himmel oder das Firmament, Sonne und Mond". Das sei, als glaube jemand im fahrenden Wagen, nicht er, sondern das Erdreich und die Bäume gingen herum und bewegten sich. Kopernikus wolle die ganze Kunst der Astronomie umkehren, empört sich Luther: "Aber wie die Heilige Schrift anzeigt, so hieß Josua die Sonne stillstehen und nicht das Erdreich".

Gelobtes Land


Gemäß der Heiligen Schrift drangen die Israeliten unter Josua, dem Nachfolger von Moses, ins Gelobte Land vor. Die Landnahme Kanaans soll teils friedlich, teils mit Waffengewalt erfolgt sein. So führte Josua das Heer etwa gegen Jericho und Ai. Die Bewohner der großen, streitbaren Stadt Gibeon schlossen vorsorglich Frieden mit den Israeliten. Das wiederum störte fünf Amoriterkönige. Sie versuchten nun, Gibeon zu erobern.

Die bedrohte Stadt wandte sich an Josua, der ihr mit seinem Kriegsvolk zu Hilfe eilte. Auf die fliehenden Amoriter ließ Gott sodann Steine - Luther spricht von "Hagel" - regnen: Dadurch sollen mehr von ihnen umgekommen sein als durch die Schwerter der Israeliten. Um Zeit für die Rache an den Feinden zu gewinnen, hieß Josua den Herren, das Tageslicht zu verlängern. "Also stund die Sonne mitten am Himmel und verzog unterzugehen einen ganzen Tag", liest man im 10. Kapitel des Buchs Josua.

Da Gott damals die Sonne hat stillstehen lassen, müsse sich diese vor und nach der göttlichen Intervention bewegt haben - folgert Luther. Er erinnert außerdem an den Psalm 19: Da freut sich die Sonne, ihren Weg "wie ein Held zu laufen". Und im Psalm 104 heißt es: "Der du das Erdreich gründest auf seinen Boden, dass es bleibt immer und ewiglich". Für Luther gibt es somit keinen Zweifel: Die Sonne läuft, während die Erde wie angewurzelt dasteht.

Kopernikus wird später von einer "bös verdrehten" Stelle der Heiligen Schrift sprechen. Und auch Rheticus sieht keinen wirklichen Widerspruch zur Bibel. Wer philosophiere, müsse im Geiste frei sein, unterstreicht er. Von der neuen Kosmologie überzeugt, drängt er Kopernikus, endlich zu publizieren. Vergeblich.