Eine Kriegsgefangenenkarte von 1915 aus dem Lager Antipicha bei Tschita in Sibirien. Abbildung: Wienbibliothek im Rathaus, Handschriftensammlung
Eine Kriegsgefangenenkarte von 1915 aus dem Lager Antipicha bei Tschita in Sibirien. Abbildung: Wienbibliothek im Rathaus, Handschriftensammlung

"Gestatten Sie bitte folgende Anfrage" - mit diesen Worten erreicht mich im Herbst 2013 folgendes Mail: "Im Zuge der Vorbereitung einer Publikation zum Ersten Weltkrieg bin ich auf Briefdokumente aus unserem Archiv gestoßen, die Schüler der 4. Klasse a der Knabenvolksschule Erdbergstraße im 3. Bezirk im Jahr 1914 an österreichische Soldaten an die Front geschickt haben. . . . wobei eine aus der Hand von Josef Tacha stammt, über den leider nichts bekannt ist. (. . .) Ich würde gerne über den Schreiber des Kinderbriefes mehr erfahren, vielleicht handelt es sich um einen Verwandten von Ihnen?"

Die Nachricht trifft mich unerwartet. Nie hatte mein Großvater mir gegenüber den Ersten Weltkrieg erwähnt, hundert Jahre Schweigen und jetzt die Stimme aus dem Archiv.

Das Mail stammte von Kyra Waldner, Mitarbeiterin der Handschriftensammlung der Wienbi-bliothek. Die Karte trägt folgenden Text: "An unsere tapferen Krieger!" heißt es in Lateinschrift auf rötlichem Papier: "Ir wießt das Weihnachten vor der Tür sind wollen wir unser Schärflein hervor bringen und etwas zu schicken, dann werden die Rußen und Serben viele Schläge bekommen." Hier wechselt die Schrift auf Kurrent: "Es wünscht von ganzem Herzen die ganze 5.c Volksschulglasse Wien II Bez. Erdbergstraße 76." Unterschrieben mit "Tacha Josef".

Begleit-Propaganda

Die Karte ist tatsächlich von meinem Großvater; in der Vorweihnachtszeit 1914 war er zehn Jahre alt. Es gibt aus der Zeit kein Foto von ihm, auch sonst nichts; nur diese Zeilen. In den siebziger Jahren wird er mir grimmig von den Russen erzählen, die nach 1945 alle Maschinen aus seiner Buchbinderei abtransportieren. Und die Tschechen nennt er "Gfraster", weil sie dem deutschsprachigen Buben absichtlich die Auskunft am Bahnhof verweigern.

Die Karte, die mir so persönlich erschien, ist Teil einer Massenbewegung, Begleit-Propaganda für Liebesgaben an unbekannte Soldaten an der Front. Kyra Waldner hatte im Archiv 54 Schriftstücke dieser Art gefunden, etwa von einem Drittklässler: "Ihr braucht nicht böse sein, dass Ihr für uns Euer Blut geben müßt. Wir schauen auf Euch, daß es besser gehen wird." Und der Sohn des Amtsdieners formuliert: ". . . Ihr tapferen Helden. Geht nur tüchtig gegen die Russen und Serben! Wir singen recht oft das schöne Kaiserlied, und jedesmal, so oft wir es singen klopft das Herz freudig auf."

Die Inhalte zeigen gewisse Gemeinsamkeiten, sagt Waldner: "Es gibt da ähnliche Strickmuster - die sind von Kinderhand, aber nicht aus Kinderhirnen." Und sie berichtet von einer Liste mit - heute würde man wohl sagen "Textbausteinen".

Für das Anfang Juni erschienene Buch "Es ist Frühling und wir leben noch. Eine Geschichte des Ersten Weltkrieges in Infinitiven. Von Aufzeichnen bis Zensieren" haben Kyra Waldner und Marcel Atze eine Unzahl von Dokumenten gesichtet und verdichtet: Kriegstagebücher, Fotos, Briefe, Verwaltungsakten, Zeichnungen; es sind durchgehend sehr persönliche Notizen. Rund 28 Milliarden Briefe und Karten (sic!) sollen im Ersten Weltkrieg geschrieben worden sein. Der Krieg führt zu einer Explosion des Schreibens, denn wer schreibt, der bleibt - im Angesicht von Tod und Trennung bekommt der alte Juristenspruch eine andere, existenziellere Bedeutung. Einige nehmen Tinte, manche Tintenblei, aber ganz viele greifen zum Bleistift, denn an der Front ist es nass und Tinte würde zu schnell zerrinnen.

Marcel Atze meint, wer als Kriegsgefangener mit seinen Leuten zu Hause korrespondieren wollte, "sollte Lateinschrift wählen. Die italienische Zensur konnte zwar Deutsch lesen, nicht aber Kurrent. Und wenn die Zensur etwas nicht lesen konnte, dann vernichtete sie es."

Das Buch, das Waldner und Atze vorgelegt haben, ist vielgestaltig, sorgfältig zusammengestellt und lesenswert: tiefe Einblicke in persönliche Schicksale, in Eitelkeit, Sorge und Not, eine gelungene Kombination privater Fotos, Zeichnungen, Originaltexte mit versiertem Kommentar. Feldmarschall Franz Conrad von Hötzendorf beklagt den Tod seines Sohnes, Erzherzogin Stephanie von Lonyay, dass sie "wegen Mangels an Petroleum (. . .) elektrische Beleuchtung einführen" muss.

Vater-Unser-Variation


Während Stefan Zweig und Roda Roda "kriegsberichterstatten", beschließt der junge Heimito von Doderer in sibirischer Kriegsgefangenschaft, Dichter zu werden, und Karl Kraus zittert - knapp 50-jährig - vor der Musterung. Es kommen aber auch - und das trägt viel zur Qualität des Bandes bei - zahlreiche "einfache" Menschen zu Wort: eine Frau, die ihrem fernen Mann Fehltritt und Schwangerschaft beichtet; eine Mutter, die nach dem Grab ihres Sohnes forscht; ein Bub, der brieflich seinen internierten Vater aufmuntert, wie etwa der junge Hans Weigel (1908-1991). 1919 ist sein Vater Oberstleutnant Eduard Weigel immer noch in russischer Gefangenschaft, also dichtet der Elfjährige: "Der Hochzeitstag ist gekommen/ Der Vater leider noch nicht da./ Wir hofften der Vater wär auch gekommen. Doch hoffentlich ist er nah./ Wem Gott will rechte Gunst erweisen/ Den schickt er wie den Vater in die Weite Welt./ Da macht er viele interessante Reisen./ Daß nachher es zu Hause besser ihm gefällt."