Verschiedentlich wurde in neuerer Zeit argumentiert, dass sich religiöser Glaube im Dienste des Gruppenzusammenhalts entwickelt hat, weil es in immer größer werdenden Gruppen notwendig wurde, einen starken sozialen Kitt zu finden. Das erscheint plausibel. Denn in Sozietäten, die in ihrer Größe über die altsteinzeitliche Horde von zwanzig oder dreißig Individuen weit hinausgehen, kann das soziale Band nicht mehr auf der Basis persönlicher Bekanntschaft und primärer sozialer Kontrolle geflochten werden. Einander persönlich nicht bekannte Individuen lassen sich aber durch einen gemeinsamen Glauben zusammenschweißen. Glauben verbindet.

Dabei sind die Glaubensinhalte unerheblich und es spielt keine Rolle, ob dem, was geglaubt wird, in der außersubjektiven Welt irgendeine Realität zukommt. Gemeinsamer Glaube stärkt das "Wir-Gefühl", welches eine Gruppe sowohl nach innen als auch nach außen stabil hält. Eine Gruppe mit ausgeprägtem Wir-Gefühl hat in der Konkurrenz mit anderen Gruppen, in denen dieses Gefühl schwächer ausgeprägt ist, entscheidende Vorteile.

Die maßgebliche Triebfeder der sozialen Evolution war kooperatives Verhalten der Individuen innerhalb einer Gruppe. In größeren Gruppen konnte und kann dieses Verhalten durch Gemeinsamkeiten, die die Individuen untereinander erkennen, aufrecht erhalten und gestärkt werden. Sind solche Gemeinsamkeiten nicht von vornherein gegeben, können sie künstlich hergestellt werden, zum Beispiel durch ein göttliches Wesen, dem sich eine signifikant hohe Zahl von Menschen unterordnet.

Dass auf diese Weise Herrschaftsstrukturen begründet wurden und werden, sei hier nur am Rande erwähnt. Das verbindende Gemeinsame gehört jedenfalls zum Kern jeder Religion. Nicht von ungefähr spricht man von "Glaubensgemeinschaften". Sie beten ihre jeweils eigenen Götter und Heiligen an und werden auch durch (gemeinsame) Rituale zusammengehalten.

"Religiöse Rituale", schreibt Voland, "spielen eine funktionale Rolle. Ihre Ausübung sorgt für eine emotionale Synchronisation derjenigen, die daran teilnehmen. Ohne emotional wirksame Rituale hätten Glaubenssysteme weder eine verhaltensbestimmende Tiefe noch eine motivierende Kraft." Sie sind, wie man ergänzen kann, ein Indikator dafür, wer "dazu gehört" und wer nicht.

Kann also religiöser Glaube mit allen seinen jeweiligen Manifestationen in Gottesdiensten, (religiösen) Festen, Pilgerreisen und so weiter einerseits als Folge elementarer, in der sozialen Evolution entstandener Dispositionen begriffen werden, so trägt er umgekehrt zu deren Stabilisierung und Verstärkung bei. Was freilich seine Schattenseiten hat. Denn je stärker ein "religiöses Wir-Gefühl" entwickelt ist, desto stärker ist die Tendenz, anders Denkende, anders Glaubende ("Heiden", "Ketzer") auszugrenzen, zu verfolgen und zu vernichten. Heilige Kriege zählen zu den düstersten Kapiteln der Menschheitsgeschichte.

Die Suche nach Sinn

Unser Erkenntnis- und Denkapparat ist so konstruiert, dass er überall nicht nur nach Ursachen, sondern auch nach Zwecken sucht. Und wo ein unmittelbarer Zweck nicht sichtbar ist, dort wird bald einer in "höheren Sphären" vermutet. Aus der Kognitionsforschung und Entwicklungspsychologie weiß man, dass schon Kinder teleologisch denken und allem eine bestimmte Funktion zuordnen. Zum Beispiel ist die Sonne dazu da, um uns zu scheinen, und es regnet, damit die Pflanzen wachsen. Von da ist es eigentlich nur ein kleiner Schritt zu der Vermutung, dass wir letzten Endes in einem sinnvollen Universum leben. Darüber machen sich Kinder, ihrer Natur gemäß, zwar zunächst keine Gedanken, es ist aber nicht schwer, ihnen im Weiteren die Idee einzupflanzen, dass die ganze Welt harmonisch geordnet und einem "Weltenlenker" untergeordnet sei.

Der Mensch ist das nach Sinn suchende und Sinn stiftende Lebewesen. Er ist in eine Welt geworfen, die ihm keineswegs nur freundlich gesonnen ist. Naturkatastrophen können binnen kürzester Zeit unzählige Menschenleben auslöschen und zerstören, was Menschen in mühevoller und langer Arbeit aufgebaut haben. Naturkatastrophen sind heute ohne Ausnahme einer (natur-)wissenschaftlichen, kausalen Erklärung zugänglich, die aber vielen Menschen nicht genügen will. Der verlängerte Arm jener "metaphysischen Urkraft", die schon unsere prähistorischen Vorfahren in Anbetracht der Naturgewalten ergriffen haben musste, hat auch in unserer vermeintlich so aufgeklärten Zeit noch Zugriff auf das Denken vieler Menschen, die sich eben nur in einer Welt eingerichtet wissen wollen, welche ihrem Leben a priori Sinn verleiht.

Zwar vermag auch religiöser Glaube an einer Naturkatastrophe nichts zu ändern, er kann aber anscheinend die Kontingenzerfahrung mildern und dem Glaubenden die Illusion vermitteln, dass letzten Endes alles seine Ordnung und seinen Sinn habe. Illusionen können durchaus nützlich sein. Sie haben sich in der Evolution durch natürliche Auslese gewissermaßen als flankierende Stütze eines Gehirns entwickelt, welches die Welt seines "Trägers" nicht einfach hinnimmt, sondern ihr oft genug mit Schaudern und Schrecken begegnen muss.

Illusionen vermögen den Menschen auch über den Ausblick auf sein eigenes Lebensende hinwegzutrösten. Als einziges der uns bekannten Lebewesen weiß der Mensch um seine eigene Vergänglichkeit, seine eigene Sterblichkeit. Dieses Wissen will verkraftet werden. "Hätte man", meinte Voltaire, "ein bisschen Liebe für uns, so ließe man uns sterben, ohne uns etwas zu sagen." Der Tod ist nicht zu beschwindeln. Aber wir können uns beschwindeln, in dem wir ihn nicht als endgültig hinnehmen, nicht als "Aus", sondern als (hoffnungsvollen) Anfang eines "anderen Lebens".