Die scheinbare Sinnlosigkeit der Naturgewalten provoziert religiöse Deutungen. - © Foto: John Tully/Corbis
Die scheinbare Sinnlosigkeit der Naturgewalten provoziert religiöse Deutungen. - © Foto: John Tully/Corbis

Religiöser Glaube tritt in sehr unterschiedlichen Ausprägungen auf und ist in allen menschlichen Kulturen beziehungsweise Gesellschaften anzutreffen. Einschließlich der verschiedenen Formen des Aberglaubens, Anbetungen von Kultgegenständen, Weltuntergangsmythen, Beschwichtigungsritualen und so weiter kann dieser Glaube - ähnlich den mit ihm oft verbundenen moralischen Vorstellungen - zu den anthropologischen Universalien gezählt werden.

Homo religiosus

Daher wurde der Mensch auch als ein "Homo religiosus" bezeichnet. Von allen bekannten Lebewesen auf der Erde ist er die einzige Spezies mit einer Disposition zu religiösem Glauben, der sich nicht zuletzt in der Hoffnung auf ein "Weiterleben" nach dem Tod im "Jenseits" manifestiert.

Dafür liefern Bestattungsrituale und Grabbeigaben schon aus prähistorischer Zeit umfassende Zeugnisse. Neueren soziologischen Untersuchungen zufolge sind über achtzig Prozent der heutigen Menschen religiös im weitesten Sinn und oft auch bereit, viel Zeit und Energie in ihren Glauben zu investieren.

Woher kommt diese so weit verbreitete Neigung, an ein "höheres Wesen" (oder gleich mehrere solcher Wesen) zu glauben? Wozu dient religiöser Glaube? Religiosität ist ein psychisches Phänomen und muss - wie alle Phänomene dieser Art - in der Evolution durch natürliche Auslese oder Selektion entstanden sein. Es ist heute ein Gemeinplatz, dass der Mensch nicht nur hinsichtlich seines körperlichen Aufbaus und seiner Körperfunktionen ein Resultat der Evolution darstellt, sondern dass sich auch seine psychischen und mentalen Leistungen in der Evolution allmählich entwickelt haben und zumindest in einfachen Vorstufen ebenso bei einigen anderen Lebewesen ausgeprägt sind. Neben der Frage "Woher?" stellt der Evolutionstheoretiker aber immer auch die Frage "Wozu?": Welchen Nutzen, welchen Vorteil bringt eine (körperliche, seelische, geistige) Eigenschaft ihrem "Träger"?

Im Hinblick auf den religiösen Glauben stellte schon Charles Darwin folgendes fest: "Das Gefühl religiöser Ergebung ist sehr kompliziert; es setzt sich zusammen aus Liebe, vollkommener Unterwerfung unter ein erhabenes, geheimnisvolles Etwas, einem starken Abhängigkeitsgefühl, Furcht, Ehrfurcht, Dankbarkeit, Hoffnung auf ein Jenseits und vielleicht noch anderen Elementen." Zwar betonte Darwin, dass nur ein Wesen mit höheren intellektuellen und moralischen Fähigkeiten eine so komplizierte "Gemütserregung" erleben könne, meinte aber auch, dass zumindest ein schwacher Anklang dieser Erregung beispielsweise in der Treue und Unterordnung eines Hundes gegenüber seinem Herrn erkennbar sei. Damit lieferte Darwin bereits erste und wichtige Impulse für eine Erklärung der Religiosität aus evolutionsbiologischer, evolutionspsychologischer und verhaltensbiologischer Sicht.

Nutzen oder Wahrheit?

In neuerer und jüngster Zeit haben sich Biologen wiederholt mit der Frage nach dem Ursprung und dem Zweck des religiösen Glaubens, mit "Gottes Nutzenfunktion" (Richard Dawkins), beschäftigt. Denn wenn ein Merkmal so weit verbreitet ist wie Religiosität, dann muss es auch Anpassungsvorteile haben; es wäre sonst von der natürlichen Selektion eliminiert worden. Der Gießener Biologe und Anthropologe Eckart Voland bemerkt dazu: "Wenngleich Religionen aus wissenschaftlicher Sicht keinen Wahrheitsanspruch erheben können, scheint religiöse Lebenspraxis mit adaptiven Vorteilen verbunden zu sein."

Diese Vorteile, so Voland, liegen vor allem in einer verbesserten Kontingenzbewältigung und einer Stärkung der Gruppensolidarität. Der Glaube an Gott hat also eine Naturgeschichte, die sich aus verschiedenen (biologischen und psychologischen) Bausteinen zusammensetzt.

Erklärungsnöte

Sobald er über ein reflexives Bewusstsein verfügte, muss schon der prähistorische Mensch die Welt um sich herum kritisch hinterfragt haben. Er begnügte sich nicht mehr damit, die für ihn erkennbaren Gegenstände und Vorgänge einfach zu akzeptieren und darauf im Dienste des Überlebens zu reagieren (sich beispielsweise vor den Unbilden der Natur zu schützen), sondern begann auch, nach Ursachen und Gründen zu suchen. Dabei schlitterte er, wie wir annehmen müssen, häufig genug in Erklärungsnöte: Wer oder was verursacht Regen, Blitz und Donner? Warum ist es in der Nacht finster? Was geschieht mit den verstorbenen Artgenossen?

Es darf nicht verwundern, wenn unser steinzeitlicher Ahne in Ermangelung der uns heute verfügbaren wissenschaftlichen Erklärungsmuster in Geistern und Dämonen die Ursachen für verschiedene - vor allem bedrohliche oder zumindest bedrohlich wirkende - Naturphänomene zu orten sich gezwungen sah.

Bemerkenswerterweise hielt schon Demokrit (460-371 v. Chr.), über zweitausend Jahre vor der Entdeckung der Evolution (!), folgendes fest: "Als die Menschen der Vorzeit die Vorgänge in der Höhe sahen, wie Donner und Wetterleuchten, Blitzschlag . . . und die Verfinsterungen von Sonne und Mond, gerieten sie in Furcht, weil sie glaubten, Urheber dieser Erscheinungen seien göttliche Wesen." Demokrit zählt zu jenen antiken Philosophen ("Atomisten"), die mit ihren Naturlehren die Menschen von der Furcht vor Göttern befreien wollten. Da wir heute für Blitz und Donner und alle anderen Naturphänomene kausale, naturwissenschaftliche Erklärungen parat haben, religiöser Glaube aber trotzdem noch immer weite Verbreitung findet, können die Erklärungsnöte des prähistorischen Menschen nicht seine alleinige Wurzel sein.