Die Titelseite bereitete der Redaktion der "Wiener Zeitung" diesmal keine Arbeit. Sie wurde fixfertig geliefert. Der Autor, ein Beamter durch und durch, hatte schon früher für das Blatt geschrieben, Korrekturen würden nicht nötig sein. Also direkt zum Setzer mit dem Manuskript, der mit Bedacht 14 Bleilettern zu einer denkwürdigen Überschrift aneinanderfügte: "An Meine Völker!" Der Unterzeichner: Kaiser Franz Joseph. Das Datum: Mittwoch, der 29. Juli 1914.

Schon die Extraausgabe vom Vortag war heiß begehrt gewesen. Man wollte schwarz auf weiß haben, was die meisten erwartet, viele auch erhofft hatten: "Oesterreich-Ungarn betrachtet sich (. . .) von diesem Augenblicke an als im Kriegszustande mit Serbien befindlich." Damit war es amtlich. Die wenigen, in kühlem bürokratischem Ton abgefassten Zeilen, unterfertigt von Außenminister Berchtold, hatten die Menschen in Wien und im ganzen Reich in helle Aufregung versetzt; "allenthalben bildeten sich Gruppen, in denen die Bedeutung der amtlichen Kundmachung in patriotischer Erregung besprochen wurde", hieß es in der "Wiener Zeitung".

Und als am nächsten Tag "Seine k. und k. Apostolische Majestät" selbst durch das Manifest (das natürlich mehrere Mitautoren und Bearbeiter hatte) zu seinen Völkern spricht, gibt es kein Halten mehr. Auf den Straßen herrscht Trubel, es finden zahlreiche Kundgebungen statt. In Wien marschieren Veteranen, christliche Jugend sowie städtische Straßenbahner zum Rathaus, bejubelt von einer Tücher schwenkenden Menge. "Hoch Österreich-Ungarn" steht auf einem Transparent. Ein Redner versichert, wenn nötig "Gut und Blut zu opfern für unser Reich, für unsere Dynastie und für unseren heißgeliebten Kaiser". In Klagenfurt steigt ein General vor Freude mit einem Ballon in die Luft und lässt tausende patriotische Aufrufe herabflattern. In Graz zieht ein Pfadfinderkorps durch die Stadt, mit schwarzgelben Fahnen und einem Bild des Kaisers.

Iglau, Lemberg, Agram, Triest - aus allen Ecken des Reiches treffen Stimmungsberichte ein. Sogar die Tschechen, die vergeblich auf ihren Ausgleich und damit mehr Rechte im Vielvölkerstaat gewartet hatten, lassen "Sláva"-Rufe auf den greisen Regenten hören.

Der Prager Bürgermeister Karel Groš erscheint bei Statthalter Fürst Thun, um ihm die "Kaisertreue der Bevölkerung zu verdolmetschen". Selbst in Sarajevo, das noch nicht lange Teil der Monarchie ist, spielen sich "erhebende Szenen ab, die von der großen patriotischen Begeisterung Zeugnis geben." In Travnik, knapp hundert Kilometer nordwestlich von Sarajevo, wollen selbst "Knaben und Greise (. . .) in den Krieg ziehen und sind über die Abweisung unglücklich."

Natürlich gab es im In- wie im Ausland auch kritische Stimmen, aber sie gingen in der allgemeinen Euphorie unter. Die Parole "Nieder mit dem Kriege!" ist zwar auch in der "Wiener Zeitung" zu finden, aber nur im Bericht von einer "Kundgebung zu Gunsten des Friedens" in Paris.

In der "Wiener Abendpost", der Spätausgabe der "Wiener Zeitung", füllte am 28. Juli ein ausführlicher Bericht aus England vom 27. Juli mehr als eine Spalte. Der britische Außenminister Edward Grey warnte Europa: "Es muß jedem, der nachdenkt, klar sein, daß in dem Augenblick, wo der Streit aufhört, einer zwischen Österreich-Ungarn und Serbien zu sein, und einer wird, in dem eine andere Großmacht verwickelt ist, dies mit einer der größten Katastrophen enden kann, die jemals den Kontinent Europas heimgesucht hat". Grey plädierte für eine Beilegung der "gegenwärtigen Schwierigkeiten" am Verhandlungstisch. Vergeblich.

Der Frieden hatte eindeutig ausgedient. Alle Zeichen standen auf Krieg. Es wunderte sicher niemanden, dass die "Wiener Zeitung" am 30. Juli nüchtern bekanntgab: "Der für den 15. bis 19. September nach Wien einberufen gewesene Weltfriedenskongreß wurde (. . .) abgesagt." Mit Bertha von Suttner, die am 21. Juni an Magenkrebs gestorben war, war bereits einige Wochen zuvor eine beharrliche Mahnerin gegen den kriegsverherrlichenden Zeitgeist verstummt.

Gezückter Rotstift


Die Zeitungen, die damals enormen Einfluss auf die Bevölkerung ausübten, schlugen kaum kritische, nicht einmal zurückhaltende Töne an. Die Blätter stimmten begeistert ins allgemeine Hurra-Geschrei ein. Dabei bedeutete der Krieg auch für Journalisten einen scharfen Einschnitt: Noch vor der Kriegserklärung an Serbien wurde die Vorzensur für periodische Druckwerke eingeführt. Begründung: Man wolle so die Weitergabe kriegswichtiger Informationen ans Ausland verhindern. Für die cisleithanische Reichshälfte oblag dies dem neu gegründeten "Kriegsüberwachungsamt", genauer der dort angesiedelten Zensurgruppe (die auch Briefe oder Telegramme kontrollierte).

Berichte über militärisch relevante Nachrichten mussten prinzipiell vorher freigegeben werden. Lehnte sich ein Journalist bei Themenwahl, Interpretationen oder Formulierungen zu weit aus dem Fenster, zückte der Zensor den Rotstift und der Text bzw. die Passage musste aus der Publikation entfernt werden. Da bei den täglich erscheinenden Blättern die Zeit bis zum Andruck drängte, wurden die unerwünschten Stellen kurzerhand aus dem fertigen Bleisatz herausgestemmt. Zurück blieb ein weißer Fleck. Blätter wie die bürgerlich-liberale "Neue Freie Presse" oder die konservative "Reichspost" hatten kaum Probleme mit den oft kleinlichen Beamten, entsprach doch die Linie der Redaktionen der der Regierung. Andere, sehr bald die "Arbeiterzeitung", provozierten Eingriffe, ganz nach dem Motto: Ein weißer Fleck sagt oft mehr als tausend diktierte Worte.