Die Rechercheergebnisse leitete Bauval an den damaligen Antikenminister Mohamed Ibrahim weiter, der 2014 eine neue In- spektion in Auftrag gab, mit der Anweisung, diese neuen Erkenntnisse zu berücksichtigen. Die In-spektion wurde jedoch aus ungeklärten Gründen gestoppt.

Zahi Hawass ist kein unbeschriebenes Blatt. Viele Ägypter warfen ihm regelmäßig vor, die ägyptischen Kunstschätze zu verscherbeln. In seiner Amtszeit wurde u.a. ein Pornofilm bei den Pyramiden gedreht, und mit den Schätzen des Tutenchamun vermarktete Hawass seine eigene Modelinie. 2012 wurde Hawass wegen Diebstahls von antiken Schätzen und Amtsmissbrauchs angeklagt - aber alle Anklagen wurden wieder fallen gelassen. Eine Anfrage der "Wiener Zeitung" bezüglich einer Stellungnahme sowohl vom derzeitigen Antikenminister Mamdouh el-Damaty als auch von Zahi Hawass blieb unbeantwortet . . .

Seit Jahrhunderten gibt es Streit um die Echtheit der Königskartusche. Hawass beharrt wie der Großteil der Ägyptologen darauf, dass die Kartusche echt und somit auch das Alter der Pyramiden mit rund 4500 Jahren belegt ist. Forscher aus verschiedensten Disziplinen, Grenzwissenschafter und esoterische Gruppen halten die Cheops-Kartusche wegen ihrer einfachen Machart für eine Fälschung oder erkennen sie nicht als Beleg für Cheops als Erbauer der Pyramiden an. Sie haben ihre eigenen Theorien über Sinn und Zweck der Pyramiden. Sie meinen etwa, dass die Cheops-Pyramide ursprünglich nicht als ein Grabmal gedacht war, und bezweifeln sogar, dass sie von Ägyptern erbaut wurde. Das wäre mit den damals vorhandenen Mitteln nämlich nicht möglich gewesen.

Einige meinen, die Bewohner des mythischen Inselreiches Atlantis hätten die Pyramiden rund 10.000 v. Chr. errichtet. Sie seien vor der großen Flut nach Ägypten geflohen und hätten damit ihre hoch entwickelten Fähigkeiten in das Land am Nil importiert. Zahi Hawass nennt die Anhänger dieser Ideen "Pyramidioten".

Grenzwissenschafter


Es gibt einen alten Kampf zwischen universitären Ägyptologen und alternativen Wissenschaftern, die oft weder Ägyptologie noch Archäologie studiert haben. Der strittigste Punkt in diesem Wettlauf der Theorien ist die Cheops-Kartusche - und viele würde es daher reizen, sie auf ihre Echtheit zu überprüfen. Der leidenschaftliche Pyramidenforscher Stefan Erdmann ist einer dieser selbst ernannten Grenzwissenschafter. Er ist der Ansicht, dass die Groß-Pyramide ein Kraftwerk war, das durch Wasser angetrieben wurde. Diese These versuchte er bei zahlreichen Reisen nach Ägypten, in seinem Buch "Die Jahrtausendlüge" und in dem Film "Die Cheops-Lüge" zu belegen. Der Laienforscher ist Anhänger der Atlantis-Theorie und hält die Cheops-Kartusche für gefälscht.

Im Gespräch mit der "Wiener Zeitung" streiten er und Görlitz zwar vehement ab, solche Theorien zu verfolgen, sie ziehen sich aber wie ein roter Faden durch die Dokumentation ihres "Cheops-Projektes". Der Titel eines Trailers lautet etwa: "War der Pharao Cheops wirklich der Erbauer der Pyramiden?"

"Fachlicher Fehler"


Bei der Vorstellung ihres Projektes auf einem Kongress in Lennestadt (Deutschland) 2013 wurden Ausschnitte der Dokumentation gezeigt. Darin sagt Görlitz, dass die Kartusche "alles andere als den Eindruck einer authentischen ägyptischen Darstellung" mache. Erdmann fragt sich, warum angesichts des langen Streits um die Echtheit der Kartusche noch nie Proben von den Wandmalereien genommen wurden.

Auf Görlitz’ Website steht in einem Text unter dem Trailer: ". . . haben es sich Dr. Dominique Görlitz (. . .) und Buchautor Stefan Erdmann zur Aufgabe gemacht, die Echtheit der Kartusche auf Basis neuester Untersuchungs- und Datierungsmethoden zu bestimmen. Bei einer ersten Forschungsreise mit unserem Filmteam konnten bereits Materialproben der Kartusche entnommen werden . . ." Dieser Text findet sich seit September 2013 auf vielen Webseiten im Internet.

Das sei ein fachlicher Fehler von dem Produzenten der Dokumentation, Frank Höfer, gewesen, heißt es von Seiten Görlitz’ dazu - und die Trailer seien nur Arbeitsfassungen. Görlitz hat in der 5. Entlastungskammer die Proben von den roten Graffiti direkt neben der Königskartusche genommen. Er und Erdmann behaupten, es sei eine Zufallsidee gewesen, weil sie noch Zeit hatten. Es stellt sich aber die Frage, warum er die Proben gerade von dem Graffiti genommen hat, das direkt neben der echten Kartusche steht, wo es doch in fast allen Entlastungskammern rote Wandbemalungen gibt. Hatte er die echte Kartusche verfehlt oder wollten sie vielleicht Referenzproben nehmen?

Faktum ist, dass die Kartusche im Juli 2004 in einer weiteren Dokumentation des History Channel mit dem Titel "Digging for the Truth - Who built Egypt’s Pyramids?" das letzte Mal intakt zu sehen ist. Die Fotos von Robert Schoch zeigen sie im Dezember 2006 das erste Mal mit den Meißelspuren. Irgendwann in dieser Zeit muss die Probenentnahme passiert sein. In diesem Zeitraum waren viele in Ägypten, aber eben auch Stefan Erdmann. Er hat dabei Proben innerhalb und außerhalb der Pyramide genommen, die - wie auch 2013 - im Fresenius-Institut in Dresden untersucht wurden. Erdmann behauptet aber, damals nicht in den Entlastungskammern gewesen zu sein. Es gibt also noch viele Rätsel rund um die Cheops-Pyramide. Herauszufinden, von wem und wie sie gebaut wurde, scheint dabei noch die leichteste Aufgabe zu sein.

Liza Ulitzka, 1981 in Wien geboren, studierte Kultur- und Sozialanthropologie mit Spezialisierung auf den arabischen Raum und arbeitet nun als freie Journalistin in Ägypten.