Privatgenehmigungen


Die Entlastungskammern und andere antike Stätten wie der Osiris-Schacht zwischen Pyramiden und Sphinx sind für Besucher aus Sicherheitsgründen eigentlich gesperrt. Schon gar nicht dürfen Proben genommen werden. Eine Genehmigung zu forschen bekommen nur Wissenschafter, die von einer Universität kommen und einen Forschungsplan haben. Aber wenn man eine Privatgenehmigung hatte und Zahi Hawass seinen Segen gab, ging es auch so.

"Hawass hat mir und meinem Regisseur die Erlaubnis gegeben, in den normalerweise unzugänglichen Osiris-Schacht zu gehen. Auch Inspektoren der Antikenverwaltung waren dabei. In dieser Zeit hat jeder die mündliche Zustimmung von Hawass akzeptiert. Niemand hätte seine Autorität hinterfragt", erzählt Robert Bauval. Er ist ein bekannter Buchautor und Begründer der Orion-Theorie, die besagt, dass die Lage der Pyramiden exakt dem Sternbild des Orion entspricht.

Die Tradition des lockeren Umgangs mit Genehmigungen hat sich auch nach der Amtszeit von Zahi Hawass fortgesetzt, wie das Beispiel der beiden deutschen Forscher zeigt. "Wenn man eine Privatgenehmigung bekommt, dann steht da nicht drauf, wo genau man hingehen darf und wo nicht. Es ist eine Erlaubnis, in die große Pyramide zu gehen - und somit kann man hingehen, wo man will. Eine Privatgenehmigung heißt, die Pyramiden gehören in der Früh oder am Nachmittag für zwei Stunden dir allein", berichtet Reiseleiter Osama Karar, der für seine Reisegruppen immer wieder private Genehmigungen organisiert.

Man kann auch eine lange Leiter beantragen, um in die Entlastungskammern zu gelangen. Die Leiter sollte dann wieder ins Lager zurückgebracht werden. Aber die Leiter blieb oft dort, wo sie war, erzählt Karar. Jeder, der vorbeikommt, könne mit ein bisschen Bakschisch die Wärter dazu bringen, die Leiter aufzustellen und damit in die rund acht Meter höher gelegenen Entlastungskammern einsteigen. Seit dem Vorfall mit den Deutschen hat Karrar die Leiter aber nicht mehr gesehen.

Karar war es auch, der den Fall von Erdmann und Görlitz an die Öffentlichkeit gebracht hat, nachdem er ein Video von den beiden auf YouTube gesehen hat, einen Trailer zu der geplanten Dokumentation.

Rätsel um Kartusche


Osama Karar dachte anfangs, dass die beiden Proben von der berühmten Cheops-Kartusche genommen hatten, was einen riesigen Skandal in Ägypten auslöste. Die Cheops-Kartusche ist für die meisten Ägyptologen ein stichhaltiger Beweis dafür, dass der Pharao Cheops der Erbauer der Pyramiden war. Sie befindet sich in der letzten der fünf Entlastungskammern über der Königskammer (= Sargkammer) in der großen Pyramide.

Unter einer Kartusche versteht man ein längliches Oval, in dem der Name des Pharaos in Hieroglyphen steht. Damit wurde der jeweilige Gottkönig immer auch als Erbauer ausgewiesen. Man findet diese Königskartuschen an vielen pharaonischen Tempeln, Gräbern und Sarkophagen in Ägypten - und sie sind meist exakt und formvollendet gearbeitet. Die Cheops-Kartusche ist eine große Ausnahme. Sie wurde in roter Farbe einfach an die Wand gepinselt und gibt deshalb seit Jahrhunderten Rätsel auf. Die deutschen Forscher wurden beschuldigt, diese Kartusche durch Probenentnahmen beschädigt zu haben, was Görlitz und Erdmann vehement bestreiten. Eine Inspektoren-Gruppe, die den Schaden begutachtete, machte ein Foto von der Kartusche und entdeckte tatsächlich Meißelspuren daran.

Daraufhin wurden Görlitz, Erdmann, ihr Kameramann sowie ihre ägyptischen Begleiter in Ägypten angeklagt. Die Ägypter sitzen seitdem im Gefängnis, darunter die Inspektoren der Antikenverwaltung und der Reiseleiter, der die Privatgenehmigung organisiert hatte. Im September soll es zur Verhandlung kommen. In Deutschland könnte nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Chemnitz wegen Sachbeschädigung und wegen Diebstahls eine Strafzahlung in der Höhe von mehreren tausend Euro drohen.

Auch Zahi Hawass mischte sich in den Skandal ein, obwohl er seit zwei Jahren kein Amt mehr in der Antikenverwaltung innehat. Er beschuldigt den Buchautor Robert Bauval, die Deutschen beauftragt zu haben, weil der beweisen wolle, dass die Pyramiden vor 15.000 Jahren von Juden erbaut wurden. Bauval konnte allerdings glaubhaft machen, dass er mit den beiden Deutschen bisher nichts zu tun hatte. Er blieb an dem Fall aber dran, indem er versuchte, nach Kontaktaufnahme mit Dominique Görlitz dessen Unschuld zu beweisen. Bauval gelang es mit Hilfe von Fotos des amerikanischen Geologen Robert Schoch zu zeigen, dass die von den Inspektoren gefunden Meißelspuren bereits 2006 vorhanden waren.

Ebenso konnte Bauval anhand einer Folge der amerikanischen TV-Serie "Chasing Mummies" im History Channel feststellen, dass auch Zahi Hawass von den Meißelspuren gewusst haben musste. Denn in dieser Folge aus dem Jahr 2010 ist klar ersichtlich, wie Hawass vor der bereits beschädigten Cheops-Kartusche sitzt. Wenn es ihm nicht aufgefallen ist, wäre das für einen ausgewiesenen Ägyptologen und Pyramiden-Chef jedenfalls eine Schande. Und er wäre auf jeden Fall dafür zur Verantwortung zu ziehen, zumal die Beschädigung unter seiner "Regentschaft" passiert ist. Die spezielle Folge wurde inzwischen aus dem Internet genommen.