Dieser utopische Entwurf der Jahrhundertwende ist dem Buch "Der Zukunftsstaat" entnommen, das Friedrich Eduard Bilz 1904 in Leipzig veröffentlicht hat. - © Abbildung: Wikimedia
Dieser utopische Entwurf der Jahrhundertwende ist dem Buch "Der Zukunftsstaat" entnommen, das Friedrich Eduard Bilz 1904 in Leipzig veröffentlicht hat. - © Abbildung: Wikimedia

Prinzipiell gilt für Altneuland: "Wir sind kein Staat, wir sind eine Gemeinschaft in neuen Formen, wir sind eine große Genossenschaft, innerhalb derer es wieder eine Anzahl kleiner Zweckgenossenschaften gibt."

In "Österreich im Jahr 2020" wird festgehalten, dass sich Genossenschaften nicht bewährt hätten, und zwar wegen Interessenskonflikten zwischen einzelnen Produktionszweigen, daher ist diese Utopie genossenschaftsfrei, was durch die umfassende staatliche Wirtschaftslenkung auch möglich ist.

Monarchie und Utopie


Neupauers "Österreich im Jahr 2020" ist noch immer eine Monarchie mit einem Habsburger als Kaiser. Es gibt ein allgemeines Stimmrecht ab 19 Jahren. Da Österreich die gleichen Ausmaße wie am Ende des 19. Jahrhunderts hat, ist es von unterschiedlichen Nationalitäten bewohnt.

Trotz der Wichtigkeit der Beamten und ihres Chefs, des Kaisers, kann die Staatsverwaltung nicht wirklich frei verfahren, sondern nur nach dem Volkswillen. Das sichern auch die gewählten Tribunen, die den Beamten zur Seite gestellt sind. Der kommunistische Gedanke prägt das gesamte Staatswesen, das durch die Verstaatlichung des Besitzes von dem Klassen- in einen Volksstaat verwandelt worden war.

Die Regierungsform in Österreich stellt sich als höchst zentralisierte dar, auch die Wirtschaft ist diesem System unterworfen. Insgesamt handelt es sich um eine völlig ungewöhnliche und beispiellose Kombination von Kommunismus und Monarchie.

Die Regierungsform im Weltstaat in "Entrückt in die Zukunft" ist strikt demokratisch mit zehn Fachparlamenten, die den zehn Verwaltungszweigen zugeordnet sind. In diese Fachparlamente werden nur jeweils sachverständige Personen entsandt.

Auch Hertzkas Freiland ist demokratisch aufgebaut, der "Zen-tralausschuss" nimmt parlamentarische Aufgaben wahr. Zum Unterschied vom anderen Utopie-Roman Hertzkas sind nicht zehn, sondern zwölf Fachparlamente aktiv, die Wähler der einzelnen Parlamente sind nach fachlicher Qualifikation zugeteilt. Gleichheit wird wie im Weltstaate im anderen Roman Hertzkas durch gleiche Erziehung und Bildung grundgelegt. Herzls Altneuland ist ebenfalls demokratisch organisiert, es ist ausdrücklich keine Plutokratie; Parteien existieren.

Bezugspunkt Europa


Europa spielt in allen vier Utopien eine wichtige Rolle:

Bei Neupauer durch das Vereinigte Europa mit vereinigten europäischen Streitkräften; erfreulicherweise gehört auch Russland diesem Staatenverbund an, England hält sich jedoch heraus (man fühlt sich ein wenig an die Gegenwart erinnert).

Bei Hertzka in "Freiland" als Ursprung der Freilandgründung und als Herkunftskontinent der Freiländer. Freiland steht somit in der kulturellen europäischen Tradition, auch wenn es sich ganz wesentlich von der europäischen Realität abhebt.

In "Entrückt in die Zukunft": spielt Europa als geistige Quelle des Buches eine überragende Rolle; die europäische geistige Grundlage kann nicht übersehen werden (auch nicht in der Auseinandersetzung mit der "Sozialdemokratie").

"Altneuland" ist ähnlich kons-truiert wie Hertzkas "Freiland": eine Gesellschaft in Europa ist Gründer und Organisator. Hervorgehoben werden der europäische kulturelle und technische Einfluss auf Gründung und Betrieb des Landes sowie die engen verkehrstechnischen Verbindungen. Die Motivation zur Gründung Altneulands stammt zumindest teilweise auch aus Europa.

Die Frage der Eigentumslosigkeit ist eine zentrale Frage in allen vier Büchern. Bis auf "Altneuland" herrscht in den beschriebenen utopischen Ländern weitestgehende Eigentumslosigkeit - natürlich in Abstufungen. Gemeinsam ist allen vier Werken, dass Grund und Boden keine Privateigentümer mehr haben, vielmehr eigentümerlos sind oder der Gemeinschaft gehören.

Mit Ausnahme der Privatunternehmer in "Altneuland" sind in allen vier Büchern auch die Produktionsmittel nicht im Eigentum der Nutzer, sondern gehören der Allgemeinheit, selbst im Genossenschaftsland "Freiland". Dass im kommunistischen Land Österreich Privateigentum ausgeschlossen ist, ist selbstverständlich, wenn einem sogar das Essen gratis zur Verfügung gestellt wird. Im antikommunistischen Freiland sind wenigstens die Wohnhäuser samt Einrichtung Privateigentum. Im Weltstaat in "Entrückt in die Zukunft" hätte privates Unternehmertum wenig Sinn.

Die Rolle der Technik kann in allen vier Utopien nicht hoch genug angesetzt werden. Am niedrigsten technisiert ist das Kaisertum Österreich, hier spielt der technische Stand der Entstehungszeit eine große Rolle, obwohl Fortschritte ebenfalls zu verzeichnen sind; so wird die Straßenbahn in Wien pneumatisch betrieben.

In Freiland ist schon ein gewaltiger technischer Fortschritt gegenüber der Entstehungszeit des Buches festzustellen: durch die Technisierung war es möglich, im Zeitraum von 25 Jahren die tägliche Arbeitszeit auf fünf Stunden zu reduzieren. Der Verkehr ist zur Gänze motorisiert. Der hauptsächliche Produktionszweig ist die Produktion von Maschinen.

Altneuland ist ebenso stark technisiert, hier spielt die Elektrizität eine ganz wesentliche Rolle. Antriebskraft für alle Maschinen in "Entrückt in die Zukunft" ist der Erdmagnetismus, der eine unerschöpfliche Energiequelle darstellt; auch die Reise zum Mond wurde so ermöglicht.