Die Anthropologen (anthropos, griech.: Mensch) entreißen ihre Kostbarkeiten deutlich jüngeren Schichten des Erdreichs. Ihre beiden Schausäle wurden völlig umgestaltet und nach 16 Jahren Sperre im Jänner 2013 wiedereröffnet. Im Mittelpunkt stehen nun die Entwicklung des aufrechten Gangs und des menschlichen Gehirns.

Anfangs stellt sich der Proconsul als Botschafter einer längst ausgestorbenen Primatengattung vor. Später wandelt man buchstäblich auf jenen Spuren, die der Vormensch Australopithecus afarensis vor 3,6 Millionen Jahren in ostafrikanischer Vulkanasche hinterlassen hat. Lebensecht mutet die Weichteilrekonstruktion eines altsteinzeitlichen Jägers an. Ein virtuelles Skelett erlaubt es dem Besucher, Sterbealter, Geschlecht, Krankheiten und Todesursache mit "CSI-Methoden" zu ermitteln.

Für den Gast tabu, weil gerade in Umgestaltung begriffen, sind die drei urgeschichtlichen Schausäle. Ab dem kommenden Frühjahr wird sich einer davon den Funden aus Hallstatt widmen. Weil die Luft im ältesten aller Salzbergwerke keine Feuchtigkeit kennt, sind dort selbst organische Stoffe erhalten geblieben - Tragsäcke aus Rindshaut, Textilien oder Europas älteste Holzstiege: Vor 3300 Jahren schleppten Knappen das "weiße Gold" über sie hoch.

2015 erhalten auch zwei prominente Damen aus Niederösterreich ihr eigenes Kabinett: die unschätzbar wertvolle Venus von Willendorf und die noch 7000 Jahre ältere, wenngleich schlanker gebliebene Fanny vom Galgenberg. Spektakuläre Goldfunde, bisher großteils im Tiefspeicher verborgen, glänzen dann ebenfalls in bestem Licht. Solche Artefakte belegen, wie sehr der Mensch schaffen und gestalten will. Auch heute legen Künstler im NHM immer wieder ihre Sicht auf die Natur und die Museumsobjekte dar.

Die Schausäle im ersten Stock sind der Zoologie vorbehalten. In Gedanken darf man sich dort von Charles Darwin begleiten lassen, dessen Evolutionstheorie für das NHM nie in Zweifel stand. 1859 hatte der britische Forscher die Verwandtschaft der Arten sowie deren Entwicklung vor allem durch Mutation und natürliche Selektion erklärt. 1871 weitete er seine Überlegungen auf den Menschen aus. Viele Zeitgenossen empfanden es als Beleidigung, in die Verwandtschaft der Affen aufgenommen zu werden: Naturwissenschafter, Theologen, Philosophen protestierten. Das Fries im Sprengring der Museumskuppel erinnert daran: Dort bedeckt der Mensch die Augen, während ihm der Aff’ den Spiegel vorhält. Mittlerweile haben sich die Wogen gelegt. Die vom NHM gestaltete "Darwin-Schau" erwies sich 2009 als Publikumsmagnet.

Eine Million Fische


Das ganze erste Stockwerk ist eine Ode an die Vielfalt des Lebens. Man startet im Mikrotheater: Dort zeigt ein Stereomikroskop etwa das Salzkrebschen, das so viele Beine wie eine Fußballmannschaft hat. Der Fischbestand des NHM umfasst eine Million Objekte; nur ein Bruchteil taucht in den Schausälen auf. Ein Viertel aller bekannten Vogelarten gibt sich dort ein lautloses Stelldichein. Dazu zählt der fast schon ausgestorbene neuseeländische Eulenpapagei: Er ist die Nummer 81 unter den 100 Top-Sehenswürdigkeiten, über die der entlehnbare Audioguide Näheres erzählt. Das Java-Nashorn wurde 1801 ausgestopft, mit Holz und Stroh. Heute überzieht man lieber Grundkörper aus Plastik mit Tierhäuten. So nehmen selbst übermannsgroße Säugetiere wie Giraffen oder Bären am musealen Leben teil.

Seit 125 Jahren schauen großformatige Ölgemälde auf die Exponate herab. Diese halten, und zwar äußerst naturgetreu, Landschaften wie die Badlands von Wyoming, Fundorte wie eine Smaragdgrube in Salzburg oder idyllische Szenen aus früheren Epochen der Erdgeschichte fest. 26 Künstler und eine unter männlichem Vornamen wirkende Künstlerin schufen den Zyklus einst. Dessen Motive stehen meist noch in direktem Bezug zu den Objekten des jeweiligen Saals und ergänzen die Schausammlung vortrefflich.

Die hochmoderne Version eines solchen Bilderreigens liefert das brandneue digitale Planeta- rium. Das NHM schenkt es sich selbst zum 125. Geburtstag. Unter seiner 8,5 Meter weiten Kuppel finden 60 Besucher Platz. Dank der Vollkuppelprojektion erlebt man packende Ausflüge in die Tiefsee, Flüge durch den Grand Canyon oder virtuelle Zeitreisen zurück bis zum Urknall.

Christian Pinter, geboren 1959, lebt als freier Journalist in Wien und schreibt seit 1991 regelmäßig - hauptsächlich über Astronomie - im "extra". Internet: www.himmelszelt.at