Wer ständig mit Überproportionalem konfrontiert ist, verliert rasch den Sinn für Proportionen. So geht es gegenwärtigen Chinareisenden. Städte wie Xi’an oder Peking eröffnen jedes Jahr eine neue U-Bahnlinie, geplant sind allein in der Hauptstadt bis 2020 über 1000 Kilometer neuer Metros. Binnen zehn Jahren baute China mit 18.000 Kilometern das größte Hochgeschwindigkeitsbahnnetz der Welt - und noch immer ist kein Ende der Entwicklung abzusehen.

Boom im Hinterland


Mittlerweile reicht auch das chinesische Autobahnnetz an die Dimensionen des amerikanischen Inter-State-Highway-Systems heran. Jeder, der sich chinesischen Großstädten nähert, wird der Hochhaustrabantenstädte gewahr, die der Bevölkerung einer europäischen Großstadt Platz bieten. Längst hat dieser Boom auch das Hinterland erfasst - und beinahe alle Gegenden Chinas bieten das gleiche Bild neuer Infrastruktur und allgemeiner Bautätigkeit.

Überall schießen überdimensionale Einkaufszentren, Vergnügungsparks, neue Konzernzentralen, vielspurige Straßen, Bahnhöfe und Flughäfen aus dem Boden. Neue Hafenanlagen wie in Dalian, Tianjin, Ningbo oder zuletzt Dandong, an sich mehr gewaltige künstliche Inselkomplexe als Häfen im eigentlichen Sinn, sind so groß, dass man sie besser über Google Earth erfassen kann als vor Ort. In drei Jahren hat China allein mehr an Beton verbaut als die USA im gesamten 20. Jahrhundert.

Auffälliger noch als Motorisierung und Bauboom ist die elektronische Vernetzung Chinas. Bei knapp einer Milliarde Handys sind achthundert Millionen Smartphones im Umlauf, und an die 500 Millionen Chinesen sind regelmäßig im Internet aktiv. Der Zusammenstoß zweier Fußgänger, weil beide auf ihr Handy starren, ist mittlerweile zu einem gängigen Klischee in Chinas neuer Zeit geworden.

Zwar werden viele der großen westlichen Internetportale oder selbst die Online-Ausgaben der meisten österreichischen Zeitungen nicht zugelassen, oder bedürfen einer Spezialsoftware, so fällt dies den meisten Chinesen nicht auf. Längst gibt es eine gigantische parallele Internet-Welt made in China, wo es für alles Entsprechungen gibt: Statt Facebook, Twitter, WhatsApp, Google oder Yahoo bieten sich den Internetnutzern im Reich der Mitte neben mehr als einem Dutzend kleinerer sozialer Netzwerke noch die Giganten Sina Weibo und WeChat oder Suchmachinen wie Baidu und Soso. Der Konzern Alibaba, der dieser Tage in den USA an die Börse ging, fungiert etwa in der Rolle von Amazon, und hat mittlerweile weit mehr Kunden als dieser und eBay zusammen.

Noch mehr als die Dimension dieser Modernisierung erstaunt ihre Geschwindigkeit: Noch 1993 lag etwa die durchschnittliche Reisegeschwindigkeit der chinesischen Bahn bei lächerlichen 48 km/h. Die Modernisierung hatte gerade einmal bestimme Sonderwirtschaftszonen in den Küstengebieten um Shanghai und Hongkong erreicht. Kaum zwei Jahrzehnte davor war man gewohnt, dass in China regelmäßig Millionen bei Hungersnöten und Tausende bei Naturkatastrophen ums Leben kamen.

Steuerungsprozess


Dass China dieses Jahr die USA als größte Volkswirtschaft überholt und die chinesische Gesellschaft statt mit Unterernährung zunehmend mit Übergewicht und anderen Zivilisationskrankheiten ringt, ist Ergebnis eines unvergleichlichen politischen und ökonomischen Steuerungsprozesses, der, wie genügend Gegenbeispiele belegen, nicht nur vielfach scheitern, sondern in Bürgerkrieg und Chaos enden hätte können. Erfolgt eine allgemeine Mobilisierung der Bevölkerung zu schnell und versagt die staatliche Autorität zu rasch, entlädt sich die unerfüllte Erwartungshaltung oft auf der Straße.

Verändert sich das Land rascher als die Kapazität staatlicher Institutionen, können diese nicht effektiv die Einhaltung der bestehenden Regeln gewährleisten. Ohne verpflichtungsfähige Gesetzgebung und deren staatliche Kontrolle suchen wirtschaftliche Akteure einen direkten Draht zu den politisch Mächtigen, um durch Bestechung und Mitgliedschaft in Machtkartellen die eigenen Interessen zu wahren und die Sicherheit der eigenen Investitionen zu gewährleisten - das Russland Putins ist wohl ein Paradebeispiel hierfür. Letztlich lenken diese Machtkartelle die Ressourcen des Landes in die eigene Tasche um und verhindern so das Entstehen einer immer breiteren Mittelschicht, was wiederum die Voraussetzung für die nachhaltige Entwicklung eines Staates ist.

Zahl der Armen halbiert


Das Reich der Mitte hat jedoch das geschafft, wovon weniger entwickelte Staaten träumen: eine selbsttragende Modernisierung. Damit wurden mit einem Schlag mehr Menschen aus bitterster Armut gehievt als jemals irgendwo zuvor. Dass weltweit der Anzahl der Armen, also der Menschen, die laut Weltbank mit weniger als einem 1,25 Dollar am Tag auskommen müssen, seit den 1980er Jahren um mehr als die Hälfte zurückgegangen ist, verdankt man vor allem dem Wandel in China.

Zwar gibt es immer noch große Probleme mit Korruption, doch geht die Führung mit neuer Härte und erstmals bis zum Politbüro dagegen vor. Natürlich ist das Land nach wie vor autoritär regiert. Besonders wenn das Machtmonopol der herrschenden KP in Frage gestellt wird, reagiert der Staat - wie soeben in Hongkong - mit Repression. Dennoch gibt es auch hier Veränderungen und Liberalisierung. Das Justiz- und Strafsystem wird gerade reformiert und beinahe überall gibt es - wenn auch verdeckt - Bürgerprotest. Vor allem im Internet, in Chat-Rooms und sozialen Netzwerken, findet man, zwar staatlich überwacht, geradezu eine Explosion kritischer Kommentare.