Gutes Aussehen und geschickte Vermarktung: So wurde Hedy Lamarr, hier 1940 an der Schulter von Clark Gable, zum internationalen Star. - © Foto: Underwood & Underwood/Corbis
Gutes Aussehen und geschickte Vermarktung: So wurde Hedy Lamarr, hier 1940 an der Schulter von Clark Gable, zum internationalen Star. - © Foto: Underwood & Underwood/Corbis

Zum Film fühlte sich die junge Döblingerin schon immer hingezogen. Kein Wunder also, dass Hedi Kiesler 1929 als Fünfzehnjährige einmal in den Sieve-ringer Filmstudios ihr Glück versuchen wollte. Aus einer Entschuldigung für eine Schulstunde machte sie durch Hinzufügen einer Null eine Entschuldigung für zwei Tage - und schon war sie im Studio, wo sie sich als "Scriptgirl" meldete, ohne zu wissen, was das eigentlich ist. Genommen wurde sie wegen ihrer Selbstsicherheit und des forschen Auftretens. Sie durfte sogar in einer kurzen Szene des Films "Geld auf der Straße" mitspielen. So einfach war das damals.

Hüllenloser Skandal


Mit der Schulkarriere war es allerdings vorbei - und die Eltern akzeptierten das. Dafür folgten weitere kleinere Rollen. Als durchaus nützlich erwies sich die Partybekanntschaft mit Max Reinhardt - im wohlbestallten elterlichen Haus der jüdischen Bankiersfamilie gaben sich Prominente die Klinke in die Hand -, der dem jungen Fräulein zu einer Rolle in einem von ihm inszenierten Musical in Berlin verhalf. Die Inszenierung von "Das schwache Geschlecht" wurde 1931 auch in Wien gezeigt, wieder konnte Hedi Kiesler mitspielen.

Es folgten weitere kleinere Filmrollen. 1932 kam dann der Durchbruch: Hedi wurde die Rolle der Eva im tschechischen Film "Symphonie der Liebe (Ekstase)", der in Prag gedreht wurde, angeboten. Der Film sollte zu einem handfesten Skandal werden, was für eine beginnende Filmkarriere nur Gutes bedeuten konnte. Der Plot war einfach gestrickt: Eine junge Frau verlässt ihren älteren, ungeliebten Ehemann. Die neue Freiheit genießt sie mit Ausritten und Schwimmen in einem abgelegenen See, natürlich ohne Kleidung. Dummerweise läuft ihr, während sie schwimmt, das Pferd samt Kleidern davon. Die arme Eva muss minutenlang hüllenlos durch den Wald streifen, bis ein Arbeiter einer benachbarten Baustelle wie ein Engel erscheint und ihr Pferd und Kleider überreicht. Natürlich wird daraus schnell eine Liebesgeschichte. Beide suchen das nächstgelegene Hotel auf, in dem - was für ein Zufall - auch Evas eben verlassener Ehemann residiert, der ihr zwar keine große Szene macht, sich aber in seinem Zimmer erschießt.

Die minutenlangen Nacktszenen und eine Großeinstellung ihres Gesichtes während der Liebesnacht im Hotel sorgten für entsprechenden Aufruhr - und für einen überwältigenden Erfolg.

Der Film kam im Jänner 1933 in Prag und im Februar in Wien in die Kinos. Allein in den ersten zwei Wochen wurden in Wien mehr als siebzigtausend Karten verkauft! Die Eltern Kiesler bestanden darauf, mit Töchterchen die Premiere zu besuchen. Obwohl Hedi sie warnte, der Film sei ein "Kunstfilm", waren sie in keiner Weise darauf vorbereitet, ihre Tochter minutenlang nackt zu sehen. Entsetzt standen sie während der Vorstellung auf und gingen. Die Kieslers überlegten, gegen die Produktionsfirma vorzugehen, denn Hedi war schließlich minderjährig und es lag keine Einverständniserklärung der Eltern vor, aber um die Sache öffentlich nicht noch mehr aufzuschaukeln, unternahmen sie dann doch nichts.

Im gleichen Jahr gab’s dafür noch eine harmlose Rolle als Zweitbesetzung der Kaiserin "Sissy" in der gleichnamigen musikalischen Komödie von Fritz Kreisler - diesmal mit Einverständnis der Eltern. Damit war die Welt wieder in Ordnung.

Im "goldenen Käfig"


Einer der Besucher im Theater an der Wien war Fritz Mandl, der "Patronenkönig" und Chef der Hirtenberger Waffenfabrik. Er fand Gefallen an der jungen Dame und schickte ihr monatelang Blumen nach Hause. Beharrlichkeit hat Erfolg: Obwohl Hedi nicht so richtig in den um vierzehn Jahre älteren Herrn verliebt war, heirateten die beiden im August 1933.

Die ersten drei Aktionen des Ehemannes waren, Hedi zu zwingen, zum katholischen Glauben überzutreten, ihr weitere Auftritte zu verbieten und sämtliche Kopien des Skandalfilmes "Ekstase" aufzukaufen. Die erste Aktion gelang, die zweite war nur kurzfristig erfolgreich, die dritte war völlig zum Scheitern verurteilt, denn als sich in der Branche herumsprach, dass ein Verrückter Filmkopien aufkaufe, wurden immer wieder neue Kopien hergestellt und ihm angeboten. Mandl soll rund 300.000 Dollar, damals ein großes Vermögen, aufgewendet haben, bis er die Aktion abbrach.

Die vielversprechende Schauspielerin Hedi Kiesler-Mandl war mit neunzehn nun plötzlich Hausfrau, Gesellschaftsdame, Gastgeberin bei Geschäftsessen, bei denen es meist um allerlei Waffensysteme und technische Details ging (ihr Mann verkaufte die Waffen an die Heimwehr und später auch an die Nazis), und durfte wegen ihres eifersüchtigen Ehemannes nicht einmal mit einer Freundin zu Mittag essen gehen. Kein Wunder, dass sie sich bald überlegte, wie sie aus diesem "goldenen Käfig", wie sie es nannte, ausbrechen konnte.

Die Geschichte, wie ihr der Ausbruch angeblich gelang, existiert in verschiedenen Versionen, eine davon wäre ein tolles Drehbuch: Da sie von ihrem Gatten und in dessen Auftrag vom Personal so argwöhnisch beschattet wurde, betäubte sie eines Tages im Jahr 1937 eine Hausbedienstete, die ihr in der Größe ähnelte, mit Schlaftabletten, zog sich deren Dienstkleidung an, verließ mit Geld in der Tasche unauffällig das Haus und setzte sich in einen Zug nach Paris, wo sie die Scheidung einreichte, weil sie angeblich von ihrem Mann verlassen wurde. Von dort reiste sie bald nach London weiter. Ihr Ziel war aber Hollywood.