Als Mitbegründer der "Wiener Schule des Phantastischen Realismus" gehört der Maler Rudolf Hausner zu den herausragenden österreichischen Künstlerpersönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Vor 100 Jahren, am 4. Dezember 1914, wurde der Künstler in Wien geboren, dessen Figur des "Adam", die er über Jahrzehnte immer wieder verbildlichte, vielen Kunstinteressierten ein Begriff ist.

Eine Adam-Büste ziert das Grab des 1995 verstorbenen Malers auf dem Wiener Zentralfriedhof. - © Bentz
Eine Adam-Büste ziert das Grab des 1995 verstorbenen Malers auf dem Wiener Zentralfriedhof. - © Bentz

Maler und Musiker

Schon als Kind kam der Sohn eines kaufmännischen Angestellten mit der Kunst in Berührung, denn sein Vater verstand es in seiner Freizeit als "Sonntagsmaler" verblüffend gut, die Alten Meister zu kopieren und zu imitieren.

Rudolf Hausner in den 1970er Jahren. - © Hilde Schmölzer
Rudolf Hausner in den 1970er Jahren. - © Hilde Schmölzer

Nach der Matura 1931 begann Rudolf Hausner mit dem Kunst-studium an der Wiener Akademie der bildenden Künste bei Carl Fahringer und Karl Sterrer, das er 1936 abschloss. In jenem Jahr reiste der studierte akademische Maler, der auch ein begabter Musiker war, als Klavierspieler des "Pinguin"-Jazzquartetts durch halb Europa und Nordafrika.

Die Malerei Hausners in der Zeit nach der Akademie, die in seinem ersten Atelier in Wien-Erdberg entstand, war noch stark von den französischen Impressionisten und vom Expressionismus beeinflusst. Besonders Paul Cézanne und Vincent van Gogh standen bei seinen ersten Stillleben, Landschaften und Portraits Pate. Aber schon in diesen frühen Gemälden tauchen die Prototypen jener Motive auf, die Hausner ab den 1950er Jahren lebenslang beschäftigen sollten: Der "Adam" im "Selbstportrait mit blauem Hut" (1936) und der "Narrenhut" in "Zwei Gassenbuben" (1937).

Die Reichskulturkammer stufte Hausner 1938 als "entarteten Künstler" ein und verhängte ein Ausstellungsverbot gegen ihn. 1941 wurde er zum Kriegsdienst in der Wehrmacht eingezogen. In einem engen Blockhaus in der slowakischen Tatra mit drei anderen Soldaten im Schneesturm eingeschlossen, machte Hausner 1942 erste Erfahrungen mit der "Projektion" des Unbewussten, die für ihn und sein späteres Werk entscheidend werden sollten.

Phantasiegebilde

In diesem Blockhaus, so schilderte er es später selbst, beobachtete er über vier Tage immer wieder eine Bretterwand, aus deren Holzmaserung sich für ihn wie in einem Kinofilm merkwürdige Landschaften mit Höhlen und Durchblicken auf hügelige Landschaften auftaten. Jedes Mal, wenn er diese Wand wieder anschaute, stellten sich diese Landschaften verändert für ihn dar.

Zurück in der Kaserne, malte er die erinnerten Landschaften im Kopf und projizierte dann bis zum Ende des Krieges seine Phantasiegebilde in alle Strukturen seiner Umgebung.

Nach Kriegsende und dem folgenden Wiederaufbau seines beschädigten Ateliers nahm Hausner seine noch vorhandenen Bilder und arbeitete sie in Anwendung dieser psychologischen Erfahrungen um, indem er nach seiner erprobten "Tatra-Methode" den Fluss der Assoziationen und Einfälle in Gang und dann malerisch auf die Leinwand brachte.

1946 war Rudolf Hausner gemeinsam mit Edgar Jené, Ernst Fuchs, Wolfgang Hutter und Fritz Janschka Begründer einer surrealistischen Gruppe im Wiener "Art-Club". Aus der ersten Ausstellung dieser Gruppe im Foyer des Wiener Konzerthauses musste auf Grund von Besucherprotesten Hausners Bild "Aporisches Ballett" dreimal vorübergehend entfernt werden. Der "Art-Club"-Gruppe schlossen sich später die Maler Anton Lehmden und Arik Brauer an. Im Jahr 1959 ging aus ihr mit der ersten Gruppenausstellung im Schloss Belvedere die vom Kulturpublizisten Johann Muschik so betitelte "Wiener Schule des Phantastischen Realismus" hervor, eine Stilrichtung, die als spezifische Ausdrucksweise der österreichischen Nachkriegskunst bis in die 1970er Jahre weltweit Beachtung fand.

Die "Wiener Phantasten" strebten keine gemeinsame Programmatik an. Aber trotz der indivi- duell ausgeprägten Charaktere, Arbeitsweisen und Themen der Akteure waren stilbildende Gemeinsamkeiten innerhalb der Gruppe vorhanden. So zeichneten sich die meisten ihrer Werke durch eine bis zum Äußersten getriebene technische Perfektion aus.

Altmeisterliche Technik

Durch eine altmeisterliche Lasurtechnik erzielte etwa Rudolf Hausner eine besondere Leuchtkraft und "Tiefe" in seinen Bildern. Der endgültige Farbeindruck seiner Gemälde ergab sich erst durch das Zusammenwirken mehrerer sorgsam übereinandergelegter, transparenter Farbschichten; daraus entstand eine absolut glatte Bildoberfläche mit einer illusionierenden Tiefenwirkung und einer großen Sinnlichkeit, die, so Alfred Schmeller, "in der Spektralglut der Farben zum Vorschein kommt, der Farbauftrag fesselt das Auge, das in lasierend aufgetragene Farbschichten dringt, es sind Farbenklänge, die der Schärfe makelloser Sonnenuntergänge über den Dächern von Wien in nichts nachstehen".

Thematisch sind die Werke Rudolf Hausners ganz aus der Introspektion, der Beobachtung der eigenen seelischen Vorgänge entwickelt, wobei, so interpretiert es der Künstler, "Inneres" und "Äußeres" nicht isoliert voneinander existieren und auch nicht getrennt gesehen werden können. Aus dem Krieg zurück, fand Hausner bald seine individuelle Ikonografie und die dazugehörige Methode der Entwicklung. Der wichtigste Bestandteil im Bildkosmos Hausners wurde dabei neben den Motiven der "Anima", des "Kindes im Matrosenanzug" und des "Narrenhutes" die Figur des "Adam". Hausner benutzte diese mythische Gestalt als Doppelgänger, um in ihr sein Selbst- und Weltverständnis, sein - wie er es nannte - "Adam-Bewusstsein" zu manifestieren.