Karin Graf hat Außergewöhnliches zu erzählen: Von Kindern, die sich freuen, wenn sie einen Test machen dürfen, die Mathematik lieben und neugierig sind auf jeden neuen Tag, den sie in die Schule gehen dürfen. Kinder und sogar Jugendliche, die außerdem gerne aufräumen. Das ist kein Wunder. Nicht für Karin Graf - obgleich auch sie überrascht ist, welche Dynamik ihre neue Form des Lernens entfaltet hat.

"Erfahrungen machen"

Das "offene Lernen" in der LAIS.Schule in Klagenfurt soll sich zwanglos gestalten. - © LAIS.Schule/Karin Graf
Das "offene Lernen" in der LAIS.Schule in Klagenfurt soll sich zwanglos gestalten. - © LAIS.Schule/Karin Graf

Graf ist die pädagogische Leiterin der ersten "LAIS.Schule" in Österreich, die vor rund einem Jahr in Klagenfurt gegründet wurde. Dort wird nach dem Prinzip des "natürlichen Lernens" Wissen weitergegeben: Von den Lehrern an die Schüler, wie in jeder anderen Schule auch, nur wechseln hier öfter die Rollen. Die Kinder sind Lehrende und Lernende zugleich. Sie lernen in offenen Gruppen ihrer eigenen forschenden Neugier folgend: "Lernen bedeutet, Erfahrungen zu machen. Wir geben den Kindern den Freiraum, sich angstfrei neue Themen anzueignen. Wir geben ihnen die Begeisterung für das Lernen zurück", sagt Karin Graf. Dass es die LAIS.Schule gibt, ist ein Symptom einer grundlegenden Veränderung, die sich im Bildungsbereich abzeichnet. Innerhalb und neben dem Regelschulsystem entwickeln sich alternative Formen des Lernens, die mit dem Frontal-Unterricht im 45-Minuten-Takt brechen. Sie bringen nicht nur neue Methoden in den Unterricht, sondern auch ganz neue Inhalte: Fächer, die "Verantwortung" heißen oder "Leben lernen" und auf die Vermittlung von Metakompetenzen wie Selbstverantwortung, Empathie und Kreativität abzielen.

In der Volksschule Allhartsberg dürfen die Kinder an unterschiedlichen Plätzen lernen. - © Volksschule Allhartsberg/ Susanne Kappl
In der Volksschule Allhartsberg dürfen die Kinder an unterschiedlichen Plätzen lernen. - © Volksschule Allhartsberg/ Susanne Kappl

"Es kann heute gar nicht mehr um Wissensvermittlung im alten Sinne gehen", sagt die Bildungsinnovatorin Margret Rasfeld, die die Initiative "Schule im Aufbruch" mitbegründet hat. "Die Schule muss vielmehr die Grundlagen schaffen, damit Menschen mündig die Gesellschaft mitgestalten können. Deshalb muss sie auf Potenzialentfaltung ausgelegt sein, nicht auf das Abfüllen mit Wissen, das morgen schon wieder veraltet ist."

Die Unzufriedenheit mit dem Alten und das Wissen, dass die Schule in ihrer jetzigen Form nicht zukunftsfähig ist, sind der Motor für die neuen Bildungsinitiativen. "Es ist ja niemand glücklich mit der Schule, wie sie jetzt ist", sagt Rasfeld. Die neuen Ansätze zeigen, dass es auch vollkommen anders gehen kann.

Offene Lerneinheiten


An der Evangelischen Schule Berlin Zentrum (ESBZ) zum Beispiel. An dieser Gemeinschaftsschule lernen Kinder im Alter von zehn bis 18 und 19, also bis zum Abitur. Es wird in Jahrgangsstufen unterrichtet, die drei Jahrgänge umfassen. Bestimmte Fächer wie Deutsch, Mathematik, Englisch und Gesellschaftslehre werden in sogenannten Lernbüros vermittelt. Das sind offene Lerneinheiten, in denen sich die Kinder und Jugendlichen den Stoff in kleinen Gruppen weitgehend selbst aneignen.

Die Lehrer sind dazu da, diesen Aneignungsprozess zu begleiten und zu unterstützen. Weil der Frontalunterricht wegfällt, haben sie auch Zeit dazu. Sie können sich zu den Gruppen setzen und erleben, wie sich einzelne Schüler den Stoff aneignen, wo sie Probleme haben oder besonders großes Interesse. Somit ist eine intensivere Auseinandersetzung mit den individuellen Potenzialen möglich. Ein persönliches Logbuch mit den Arbeitsplänen hilft Lehrern und Schülern, die Lernprozesse zu strukturieren.

Jeder Schüler hat einen persönlichen Tutor unter den Lehrern, mit dem er sich einmal in der Woche trifft, um alles zu besprechen, was dem Schüler wichtig ist. Margret Rasfeld nennt dies "Beziehungsarbeit". Eine gute Beziehung sei die Grundlage jedweden Lernens. Auch die Eltern sind stark in die Organisation der Schule eingebunden: Drei Stunden in der Woche müssen sie etwas für die ESBZ tun - und sie machen das gerne.

Sie streichen Klassenräume, bereiten Projekte vor und stehen anderen Eltern beratend zur Seite. Noten gibt es an der ESBZ nicht, zumindest drei Jahre lang nicht. Auch das ist ein weiterer Baustein, um Angst, Konkurrenzdenken und Leistungsdruck aus der Schule herauszuhalten. Statt auf Leistung konzentriert sich die ESBZ auf die Stärken und Poten-ziale ihrer Schüler.

Freiraum und Struktur


Susanne Kappl war von Anfang an begeistert. "Ich habe bei dem Konzept gesehen, dass sich Freiraum und Struktur nicht ausschließen," sagt die Direktorin der Volksschule in Allhartsberg in Niederösterreich. Sie hat das Konzept der ESBZ im Rahmen der "Schulqualität Allgemeinbildung" (SQA), wo Schulen unter anderem einen Entwicklungsplan vorlegen müssen, für die Bedürfnisse von Volksschulkindern adaptiert.

Gemeinsam mit ihrem Lehrerteam hat sie einen Plan entwickelt, der insbesondere die Vermittlung von Nachhaltigkeit, sozialen Kompetenzen und Eigenständigkeit in den Vordergrund stellt. Jetzt, nach nur knapp einem Jahr, erkennt sie die große Kraft, die mehr Selbstbestimmung bringt: "Es ist wirklich unglaublich, welches Potenzial Kinder entwickeln, wenn man ihnen etwas zutraut. Man sieht richtig wie sie wachsen, sobald sie merken, dass sie endlich einmal selbst bestimmen können, was sie wann tun."