Lernsoftware befeuert die Motivation der Kinder, sich Neues anzueignen. Foto: Hofer-BKA
Lernsoftware befeuert die Motivation der Kinder, sich Neues anzueignen. Foto: Hofer-BKA

Manchem mag der Anblick spontan nicht so recht behagen: kleine Kinder, die gebannt auf die Bildschirme bunter Ipads starren, von Seite zu Seite wischen, tippen und sich nur dann und wann mit einer Frage an ihre Lehrer wenden. An der Schule "De Ontplooiing" in Amsterdam ist das völlig normal. Die Schule ist als "Ipad-Schule" oder auch "Steve Jobs-Schule" bekannt. Ipads ersetzen hier zu einem großen Teil die Schulbücher - und den Frontalunterricht im Klassenverband. "Es sind die Interessen der Kinder selbst, die sie motivieren, zu lernen. Die Ipads unterstützen sie dabei", sagt Tijl Rood, der Direktor der Schule.

Seine Schule in Amsterdam ist eine von mittlerweile 22 "Steve Jobs"-Schulen in den Niederlanden. Mit dem verstorbenen Apple-Gründer, Steve Jobs, haben sie aber nicht viel zu tun. Die Schulen heißen so, weil 45 Prozent des Lernens statt mit Tafel und Schulbuch mit einem Ipad stattfinden. Rund 1000 Kinder im Alter zwischen vier und zwölf Jahren besuchen inzwischen eine solche Schule. Darunter auch solche, die von konventionellen Schulen bereits aufgegeben worden waren, weil sie Lernschwierigkeiten entwickelten oder sich aufgrund von Versagensängsten zu Hause in Computerspielen vergraben hatten.

Gemeinsame Lehrpläne


Das Konzept mit den Ipads geht auf. Nicht wegen der Tablets, erklärt Rood, sondern wegen des individualisierten Unterrichts, dessen volles Potenzial erst die digitalen Technologien wirklich zugänglich machen. Tijl Rood, von Beruf Lehrer, hat eine jahrelange Suche nach neuen, besseren Unterrichtsmethoden schließlich zu den Steve Jobs-Schulen geführt. Gemeinsam mit anderen gründete er die Initiative "Onderwijs voor een Nieuwe Tijd (O4NT)" (Unterricht für eine neue Zeit, Anmerk.) und entwickelte mit Maurice de Hond, einem IT-Unternehmer und Vater, das Lernkonzept für die Steve Jobs-Schulen. "Wir wollten die Bildung mit den Mitteln von heute neu erfinden. Und das ermöglichen uns die digitalen Me- dien", sagt er.

An den Steve Jobs-Schulen lernen die Kinder schon ab vier Jahren eigenständig. Eltern, Lehrer und - je nach Altersgruppe - die Schüler selbst erstellen gemeinsam einen Sechs-Wochen-Lehrplan, in dem Lernetappen und -ziele festgelegt werden. Mit der Einschulung bekommen die Kinder leihweise ein Ipad, auf dem dieser Plan sowie die verschiedenen Apps und Lernsoftwares installiert sind. Es gibt Unterricht in altersübergreifenden Gruppen zu bestimmten Fächern wie etwa Biologie oder Mathematik, aber auch die Möglichkeit, selbst eigenständig oder im Team mit anderen Schülern auf dem Tablet an Aufgaben zu arbeiten.

Rund 45 Prozent des Tages verbringen die Schüler mit den Geräten. Sie entscheiden weitgehend selbst, wie sie ihren Tag - es sind Ganztagsschulen - gestalten und wo sie ihn verbringen. Es gibt Klassenräume, aber diese sind nicht bestimmten Klassen, sondern verschiedenen Fächern gewidmet: Es gibt Mathematik-, Geografie- und Kunsträume. Was nach einer weiteren Form eines freieren Lernens klingt, erhält durch die digitalen Lehrmittel eine völlig andere Qualität. Die Kinder haben Entscheidungsfreiheit, was sie wann lernen. Die Aufgaben, die sie lösen, sind interaktiv und damit auf ihr Lernniveau abgestimmt. Wer in einem Bereich noch nicht so weit ist, bekommt leichtere Aufgaben; wer weiter ist, schwierigere. Die Ipads mindern damit nicht nur das Risiko zu scheitern, sie befördern einen spielerischen Zugang zu den Lerninhalten.

Wäre das nicht auch ohne Ipad machbar? Tijl Rood verneint: "Wir können mit den Ipads endlich die Ansprüche von Pädagogen wie Maria Montessori oder Helen Parkhurst umsetzen. Denn bis heute scheitert das ja nicht zuletzt an der Organisation", sagt er. Während die konventionelle Schule darauf angewiesen sei, die Kinder nach Altersgruppen zu sortieren und Lerninhalte zu standardisieren, individualisieren die Ipads das Lernen. "Eine normale Klasse kennt höchstens drei Level: Auf dem einen Level die sehr guten Schüler, die sofort alles verstehen, dann diejenigen, die zusätzliche Erklärungen brauchen, und schließlich diejenigen, die irgendwann gar nicht mehr mitkommen", sagt Rood.

"Die Ipads lassen so viele Level in jedem Fach zu, wie es Schüler gibt." Die Lehrer geben dadurch zunächst viel Kontrolle an die elektronischen Geräte ab. Trotzdem können die Lehrer - die hier Coaches heißen- den Lernfortschritt überprüfen, weil die Ipads zugleich ein Monitoring-Instrument für sie sind. Alle sechs Wochen, wenn sie wieder mit ihren Eltern und Lehrern zusammensitzen, um den Lehrplan für die nächsten sechs Wochen zu erstellen, wird anhand der Ipads auch besprochen, welche Lernziele bereits erreicht wurden. Zurzeit arbeitet die Steve Jobs-Schule daran, ein einfacheres System für das Monitoring zu entwickeln.

Auch die Kinder selbst fühlen sich in ihrer Autonomie durch die Ipads besonders unterstützt. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung der angehenden Pädagogin Liza Neto Gomes de Almeida. Sie hat für ihre Bachelorarbeit an der Universität Amsterdam die Steve Jobs-Schule unter die Lupe genommen und die Kinder ausführlich zu ihren Erfahrungen befragt. Herauskam unter anderem, dass die eingesetzten Lernsoftwares in Kombination mit dem autonomen Lernen die Motivation der Kinder, sich Neues anzueignen, besonders befeuern. Das gilt für alle Altersstufen von vier bis zwölf Jahren. "Ich kann das an der Schule täglich sehen: Man geht an den Kindern vorbei - und sie arbeiten. Sie hängen nicht auf Facebook oder Youtube herum. Kommt man eine Stunde später wieder vorbei, arbeiten sie immer noch. Sie wollen ihre Sachen einfach fertig machen", berichtet Rood.