Die Finanzmärkte spielen verrückt, Anleihen zahlreicher Staaten kommen unter Druck, die Zinsen steigen und die führenden Politiker der Union versammeln sich, um einen Ausweg aus der sich stetig verschärfenden Situation zu finden. Die bedrängten Staaten drängen auf eine gemeinschaftliche Haftung oder zumindest Hilfe von ihren finanziell soliden Partnerstaaten. Diese aber stellen sich quer: Warum sollten sie, die in den letzten zehn Jahren mit verantwortungsvoller Finanzpolitik ihren Schuldenberg beträchtlich abgetragen haben, für die verschuldeten Partnerländer aufkommen? Bei diesem Treffen soll den versammelten Spitzenpolitikern ein Bericht über die öffentliche Kreditwürdigkeit der Union und ihrer Staaten präsentiert werden.

Was trocken und technisch klingt, enthält einige brisante Vorschläge: Die Union soll alle Schulden der Staaten übernehmen und dafür neue, eigene Anleihen ausgeben, für die alle gemeinsam haften. Der vorstellende Finanzminister argumentiert, das öffentliche Ansehen der Union und all ihrer Mitglieder stünde auf dem Spiel, wenn nicht schnell eine vertrauenswürdige und nachhaltige Lösung für das Schuldenproblem gefunden werde. Die Beratungen sind hitzig.

Drückende Schulden


Dieses Szenario spielte sich im Jahr 1790 in New York ab. In gewisser Weise ereignet es sich aber auch gerade jetzt, 225 Jahre später, in Brüssel. Die führenden Politiker waren Abgeordnete des ersten amerikanischen Kongresses und es ging um die schwierige Frage, wie die junge Union mit den drückenden Schulden aus den Unabhängigkeitskriegen umgehen sollte. In Europa trafen sich am vergangenen Wochenende zum wiederholten Male die Staats- und Regierungschefs der Eurozone, um über die anhaltende Schuldenkrise in Griechenland zu beraten. Die Gefahr der Ansteckung anderer Staaten ist nie ganz fern.

Die amerikanische Verfassung war 1789 in Kraft getreten. Der Bundesstaat verfügte aber noch nicht über eigene Einnahmen, er war völlig von den Beiträgen der Mitgliedsstaaten abhängig. Als eine erste Folge bekam die US-Regierung die Einnahmen aus Zöllen zugesprochen, über die auch die heutige Europäische Union bereits verfügt - eigene Steuern erheben, wie der US-Kongress, darf die EU jedoch nicht.

In den Jahren seit dem Unabhängigkeitskrieg hatten manche Staaten, vor allem jene im Süden der USA ihre Schulden weitgehend abgetragen. Sie lebten gut vom Baumwollhandel. Andere Staaten, vorwiegend jene im Norden des Landes, hatten ihre Schulden vor sich hergeschoben, so dass die Lage jedes Jahr prekärer wurde und schließlich zunehmend die Wirtschaft der gesamten Union belastete. Ähnliches spielte sich unter anderen Vorzeichen in Europa ab, nur dass hier die nördlichen Staaten die finanzpolitisch stabileren und wettbewerbsfähigeren sind, während der Süden mit einem Berg an Schulden und schwindender Wirtschaftskraft kämpft.

Der Widerstand der finanziell verantwortungsvollen Staaten gegen eine Vergemeinschaftung der Schulden war 1790 naturgemäß gewaltig. Auch im heutigen Europa ist der Widerstand gegen alle Arten von gemeinsamer Haftung bei den soliden Staaten riesengroß. Ob und wie es gelingen wird, trotzdem eine wegweisende Lösung aus dem Dilemma zu finden - das ist die 9,6-Billionen- Euro-Frage. Dies nämlich ist die Höhe des öffentlichen Schuldenstandes der Euroländer im Jahr 2015.

An Vorschlägen, Modellen und Gegenmaßnahmen mangelt es inzwischen nicht mehr. Eurobonds, Schuldentilgungsfonds, EFSF, ESM, Anleihenkäufe der EZB, LTRO, Bankenunion, Fiskalunion - die europäische Schuldenkrise hat geradezu ein Feuerwerk an Ideen und komplizierten Begriffen hervorgebracht, die das Lesen eines einschlägigen Artikels oft zu einer Übung in Kryptologie machen. Was aber taugen all diese Vorschläge und wie steht ihre Chance auf Verwirklichung? Und wie haben die USA damals ihr Problem gelöst?

Ein Mann, ein Satz


Im Zentrum der amerikanischen Schuldenkrise steht ein Mann: Alexander Hamilton. In seiner Jugend kämpft er im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, später arbeitet er an der Ausarbeitung der Verfassung mit und wird schließlich zum ersten Finanzminister der USA ernannt. Als solcher legt er 1790 dem Kongress den "First Report on Public Credit" vor.

Hamilton ist klug, er weiß, dass die soliden Staaten nur höchst ungern ihre Bonität für ihre verschuldeten Partnerländer aufs Spiel setzen werden. Außerdem weiß er sehr gut um die Angst der Amerikaner vor einem zu starken Zentralismus. Immerhin haben sie sich gerade mit Revolution und Waffengewalt von der Herrschaft des fernen London befreit. Während der Ausarbeitung der amerikanischen Verfassung streitet sich Hamilton immer wieder mit Thomas Jefferson und James Madison, die beide den Zentralstaat möglichst schwach halten wollen. Hamiltons Credo hingegen lautet: "Learn to think continentally."

Ein erster Überzeugungsversuch im April 1790 scheitert. Der Kongress lehnt die Vorlage ab und die Finanzlage der Staaten verschärft sich weiter, auch viele Veteranen stehen nun ohne Einkommen dar. Doch drei Monate später treffen die Gründungsväter sich bei einem Abendessen und können einen Deal aushandeln: Der Plan Hamiltons soll angenommen werden, wenn im Gegenzug die Hauptstadt von Philadelphia in die Südstaaten verlegt wird, an den Potomac River.