"Die Philosophie als eine Art Weltanschauung, die ein Weltbild entwirft, ist zu einem Ende gekommen. Für mich ist es wichtig, diese Vorstellung endlich aufzugeben". Diese lakonische Aussage des französischen Philosophen Jean-Luc Nancy, die im Gespräch mit dem Autor erfolgte, verweist auf die Positionierung seines Denkens. Es bewegt sich im Umfeld der Postmoderne, die er nicht als modisches Schlagwort versteht, sondern als ein beharrliches Umkreisen der Probleme, die nach dem Ende der "großen Erzählungen" des Kommunismus und des Neoliberalismus bestehen. Nancy ist davon überzeugt, dass nicht nur die "großen Erzählungen" gescheitert sind, sondern auch alle Philosophien, die ein universal gültiges Weltbild entwarfen; Jean-Paul Sartre war der letzte Repräsentant einer Philosophie, in der ein in sich geschlossenes Weltbild auf dem Fundament ideologischer Theoreme ausgebildet wurde.

Aufgrund dieser Einsicht fühlt sich Nancy der philosophischen Arbeitsweise der Dekonstruktion verpflichtet, wie sie sein Freund Jacques Derrida entfaltete. Unter Dekonstruktion verstand der "Megastar der Postmoderne" die genaue Analyse der Architektonik von Denkgebäuden, die darauf hinaus lief, deren Aufbau akribisch nachzuzeichnen und zu zeigen, welche Strategien die jeweiligen Konstrukte ermöglichen. In sich kohärente philosophische Systeme entpuppten sich als hierarchische Konstruktionen oder als "immanente Gebilde", wie sie Nancy bezeichnete. Und genau diese "Immanenz" will Nancy in seinen Texten aufbrechen. Er befasst sich in zahlreichen Büchern mit philosophischen, gesellschaftspolitischen, ästhetischen und religionsphilosophischen Themen, die er mit einem mäandernden Gestus dekonstruiert. Dabei bietet er keine einfachen Lösungen oder Rezepte an, die es zu befolgen gilt. Nancy präsentiert ein Patchwork von fragmentarischen Überlegungen, die von Abschweifungen und Randgängen begleitet werden. Die Lektüre seiner Schriften ist nicht einfach; sie erfordert viel Geduld und die Bereitschaft, sich auf das nicht-lineare Denken des Philosophen einzulassen.

Fremdes Herz


Geboren wurde Jean-Luc Nancy am 26. Juli 1940 in Caudéran, einem ehemaligen, heute eingemeindeten Vorort von Bordeaux. Nach dem Studium der Philosophie, das er mit einer Arbeit über Immanuel Kant abschloss, lehrte er an der Université Marc Bloch in Straßburg und nahm zahlreiche Gastprofessuren an verschiedenen Universitäten; unter anderen an der Freien Universität Berlin und der University of California an. Er arbeitete eng mit dem 2007 verstorbenen Philosophen Philippe Lacoue-Labarthe zusammen und stand in einem produktiven Gedankenaustausch mit Jacques Derrida.

Die öffentlichen Ämter legte Nancy nach einer Herztransplantation zurück, deren physische und psychische Auswirkungen er in seiner Publikation "Der Eindringling / Das fremde Herz" beschrieb. Er empfand das Spenderherz als "Eindringling", der sein Leben nunmehr fremdbestimmte. "Fremdartiges offenbart sich im Herzen dessen, was sich nie als Herz zu erkennen gegeben hat. Bislang war das Herz fremd, weil es nicht einmal wahr- und aufgenommen werden konnte. Von jetzt an lässt es nach, wird es schwächer. Diese Fremdheit bringt mich zu mir, macht mein Verhältnis zu mir selber aus. Ich bin, weil ich krank bin."

Nach dieser Grenzerfahrung bezeichnete sich Nancy als "Überlebenden"; "Nie hat die Fremdheit meiner Identität mich so heftig berührt und sich mit solcher Schärfe bemerkbar gemacht", notierte er. Seinen Körper erlebt Nancy als verletzbares, künstliches Gebilde und unterscheidet sich so von den enthusiastischen Lobeshymnen über den Leib, die Friedrich Nietzsche angestimmt hatte. Zwar teilt er dessen Hinweis auf die Bedeutung des "labyrinthischen Leibes", der ein viel reicheres Phänomen als das Bewusstsein darstellt, nimmt aber eine entscheidende Modifikation vor: Während Nietzsche den Körper enthusiastisch affirmierte und verklärte, bezieht sich Nancy auf das Fragmentarische, Fragile des Körpers; er ist stets gefährdet, von Krankheiten bedroht, verwundbar. "Hier gibt es nur ein offenes, zerschnittenes, seziertes, dekonstruiertes, auseinandergenommenes Subjekt", schreibt er in seinem Text "Corpus".

Das philosophische Werk von Nancy weist zahlreiche Facetten auf: Neben der intensiven Auseinandersetzung mit dem "Corpus" verfasste er eine "Dekonstruktion des Christentums" und publizierte Bücher über verschiedene ästhetische Themen wie etwa "Die Lust an der Zeichnung", "Am Grund der Bilder" und "Die Evidenz des Films". In den letzten Jahren rückten gesellschaftspolitische Reflexionen in den Mittelpunkt seines Schaffens; speziell befasste er sich mit dem Zustand der repräsentativen Demokratie in den westlichen Industriestaaten und entfaltete in mehreren Büchern Konzepte zum Thema Gemeinschaft. Das Modell der repräsentativen Demokratie wurde für ihn "ein exemplarischer Fall von Bedeutungslosigkeit".